"Es geht nicht um Moral"

Für Karas hat "sich die Situation geändert".
In der Gunst der ÖVP-Wähler hat Listenzweiter Othmar Karas den EU-Spitzenkandidaten Ernst Strasser offenbar um Längen überholt. Laut einer Zählung seines Unterstützerkomitees kam Karas bei der Wahl am Sonntag auf 97.144 Vorzugsstimmen, Wahlkarten nicht eingerechnet.

Strasser habe rund 32.000 Stimmen erreicht, betonten Karas' Unterstützer am Dienstagabend. Karas will mit den Vorzugsstimmen im Rücken für das Amt des ÖVP-Delegationsleiters in Brüssel kandidieren. Für Parteichef Josef Pröll hat er aber "keinen Anspruch" darauf.

"Ganz einfach"?
Pröll gratulierte Karas zu der Vorzugsstimmen-Wahlkampagne, sprach aber zugleich von einer "ganz einfachen Position": Die ÖVP habe bei der EU-Wahl mit Ernst Strasser an der Spitze den Erfolg eingefahren. Genau das haben die Wähler aber eben im Nachhinein korrigiert.

Durch die Vorzugsstimmen haben die Wähler Karas im Nachhinein auf den ersten Listenplatz gereiht und Strasser auf Platz zwei verwiesen. Ohnehin war der Vorzugsstimmenwahlkampf aber nur symbolisch - ein sicheres Mandat hätte Karas auch auf dem zweiten Listenplatz gehabt.

"Unmoralischer" Pröll
Karas sieht jedoch durch den nunmehr erkämpften ersten Listenplatz das "moralische Recht" bei sich, für das Amt des ÖVP-Delegationsleiters in Brüssel zu kandidieren. Er hat fast doppelt so viele Vorzugsstimmen erhalten wie nötig. Prölls Kommentar dazu am Dienstag: "Es geht nicht um Moral."

Die Entscheidung über die ÖVP-Delegationsleitung in Brüssel sei noch nicht getroffen, so Pröll. Die sechs EU-Abgeordneten der ÖVP würden darüber in geheimer Wahl entscheiden. Laut Medienberichten soll Pröll dabei "Entscheidungshilfe" bieten.

"Kurier": Pröll rief Mandatare selbst an
Laut dem "Kurier" (Dienstag-Ausgabe) rief Pröll am Wahlsonntag selbst vier der sechs ÖVP-Europamandatare an, um sie zur Unterstützung von Strasser zu drängen. Dass vier von sechs sich bereits für Strasser entschieden hätten, betonte Pröll schon am Wahlabend.

Gegenüber dem "Kurier" sagte Karas, die ÖVP müsse sich jetzt überlegen, "welches Signal sie an die Menschen aussendet". Die Stellungnahmen vom Sonntag sind für Karas bereits obsolet: "Die Situation hat sich geändert", meinte er mit Verweis auf seinen Vorzugsstimmenerfolg.

Andere Angebote an Karas?
Karas habe zum Erfolg der ÖVP bei der EU-Wahl "deutlich beigetragen" und werde künftig "eine wichtige Rolle in der ÖVP spielen", bemühte sich Pröll am Dienstag um Beruhigung. Es wurde spekuliert, dass Karas ein Amt in der Führung der Europäischen Konservativen (EVP) erhalten könnte.

Auch ein Posten als EU-Kommissar wurde für Karas nicht ausgeschlossen - obwohl für das Amt Ex-Vizekanzler Wilhelm Molterer als Favorit gilt. Pröll erklärte, es gebe "keine Vorentscheidung über Namen oder Personen", die ÖVP stelle jedoch den "Anspruch" auf den zu entsendenden österreichischen EU-Kommissar.

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