Nach Zusagen müssen Taten folgen

Öffentlicher Druck auf Brasiliens Regierung in Sachen Klima.
Mit einem umfassenden, international verbindlichen Klimaschutzabkommen bei der UNO-Konferenz in Kopenhagen im Dezember rechnet kaum noch jemand - weder die USA noch die EU und auch nicht die UNO.

Eine halbherzige Lösung könnte auf den Vorschlag von US-Präsident Barack Obama hinauslaufen, wonach jedes Land für sich selbst verbindliche Klimaziele festlegen soll, über deren Erreichen es später Rechenschaft ablegen muss. Die reichen Nationen sehen besonders Schwellenländer mit deren wachsenden Industrien gefordert.

Brasilien mit ehrgeizigen Plänen
Brasilien könnte in diesem Zusammenhang für Überraschungen sorgen. Das Land will in Kopenhagen ehrgeizige Vorschläge zum Schutz des Regenwaldes vorlegen. Präsident Luiz Inacio "Lula" da Silva erarbeitet mit mehreren Ministern Pläne, wonach bis 2020 die Abholzung des Regenwaldes um 80 Prozent und so die CO2-Emissionen um 4,8 Milliarden Tonnen verringert werden sollen.

Die Abholzung wird für rund 60 Prozent der Treibhausgasemissionen in Brasilien verantwortlich gemacht.

Konkurrenz von grüner Seite
Noch vor einem Jahr wäre ein solch forciertes Vorgehen des brasilianischen Präsidenten undenkbar gewesen. Umweltpolitik war in seinen beiden Amtsperioden bis vor kurzem ein vernachlässigtes Thema gewesen. Das hat sich nun geändert - weil der Druck innerhalb Brasiliens zunimmt, den Klimawandel und seine Gefahren ernst zu nehmen.

Zunächst war Da Silva Mitte August seine prominente und beliebte Umweltministerin Marina Silva davongelaufen - sie hatte schlicht resigniert, wie die "Zeit" in einer ausführlichen Recherche berichtet. Nächstes Jahr will sie selbst für die Präsidentschaft kandidieren - und zwar im Team der Grünen.

Antreten würde sie dabei gegen Da Silvas designierten Nachfolgerin Dilma Rousseff. Noch hat Marina nicht fix entschieden anzutreten, aber ihre Chancen auf ein respektables Votum stehen nicht schlecht. Sie entstammt wie Da Silva ärmlichen Verhältnissen und hat eine lange Vergangenheit in der Arbeiterpartei (PT).

Ökotrend auch in Brasilien
Silva weiß Brasiliens wachsende Mittelschicht hinter sich. Viele Menschen springen auf den internationalen Ökozug auf und wollen bewusster leben und wirtschaften. Auch in den Medien haben entsprechende Themen seit einiger Zeit Hochkonjunktur, von den großen Tageszeitungen bis hin zum wichtigsten Fernsehsender Globo.

Selbst Unternehmen machen Druck
Mindestens genauso viel Druck wie von der Öffentlichkeit wenn nicht mehr wird auf Da Silva in Sachen Umweltschutz von unerwarteter Seite ausgeübt - von der Wirtschaft. Gegenüber der "Zeit" sagte der Ökonomieprofessor Jose Eli da Feiga von der Uni Sao Paulo: "Die Mehrheit der Unternehmen reagiert schneller auf die Klimadebatte als die Regierung oder die Parteien."

Er meint damit nicht ökologisch bewegte Kleinunternehmer, sondern vor allem Multis, Industriekonzerne und manche der wichtigsten Banken des Landes.

Trend quer durch die Branchen
In verschiedenen Initiativen sammeln sich einige der größten Konzerne selbst aus Branchen, die traditionell wenig mit Klimaschutz am Hut haben, wie der Zelluloseindustrie, der Baubranche und aus dem Bergbau.

Grund dafür ist offenbar, dass sich diese international agierenden Unternehmen in einem Umfeld bewegen, in dem zunehmend ökologische Maßstäbe angelegt werden. Sie können es sich schlicht nicht leisten, weiterhin als große Umweltverschmutzer zu gelten.

"Auch Opportunisten dabei"
Carlos Rittl von WWF Brasilien sagte dazu gegenüber der "Zeit": "Sicher sind auch Opportunisten dabei, für die das Klima ein willkommenes Marketingthema ist. Doch eines Tages werden auch sie an ihren Zusagen gemessen werden."

Das Umdenken findet offenbar in großem Stil statt. Selbst wichtige Firmen aus der Fleisch- und Sojabranche, bisher Inbegriff des Zerstörens von Regenwald, haben sich während der letzten Monate verpflichtet, nur noch so zu wirtschaften, dass der Amazonas dabei weitgehend unberührt bleibt.

Vorangegangen waren Skandale, nach denen internationale Lebensmittelkonzerne keine landwirtschaftlichen Produkte aus Brasilien mehr kaufen wollten.

Da Silva plant Teilnahme in Kopenhagen
Bei der Regierung ist die Botschaft angekommen. Da Silva will sogar selbst nach Kopenhagen fliegen. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace nutzte die Gunst der Stunde und forderte von ihm, die Anstrengungen zu erhöhen und schon 2015 die Abholzung komplett zu stoppen.

Das würde nicht ein generelles Verbot für die wirtschaftliche Nutzung des Regenwaldes bedeuten, aber eine Abholzung in großem Stile vermeiden, sagte ein Greenpeace-Sprecher. Der Schutz des für das Weltklima wichtigen Regenwaldes wird in Kopenhagen eines der zentralen Themen sein.

Forderung an Industrienationen
Da Silva hatte unlängst in seiner Sendung "Frühstück mit dem Präsidenten" den Standpunkt Brasiliens klargemacht. Die Industrieländer müssten nicht nur für die Reduzierung ihrer Treibhausgase in die Pflicht genommen werden, sondern auch für die Schäden, die sie in der Vergangenheit angerichtet hätten.

Jedes Land müsse angeben, wie hoch die Emissionen heute seien und in der Vergangenheit gewesen seien, betonte Da Silva. Daraus ergebe sich dann der jeweilige Beitrag zum Klimaschutz, und die Länder würden für den Schaden verantwortlich gemacht, den sie verursacht hätten.

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