Hochzeit des Figaro

Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Die Mutter des Figaro

Bereits im Kindergartenalter hat sich Corinna Scheurle in der Bühnen- und Musikwelt zuhause gefühlt. Im Sommer 2017 wird die junge Mezzosopranistin erstmals für die Bregenzer Festspiele auf der Bühne stehen - und zwar als Marcellina und somit „Mutter des Figaro“ in Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“.

Als Tochter einer Ungarin und eines Deutschen hat Corinna Scheurle ihre Kinder- und Jugendzeit in Vorarlberg verbracht und ist nach ihrem Schulabschluss am Musikgymnasium Feldkirch nach Deutschland gezogen. Sie konzertierte bereits in Ungarn, Italien, Deutschland und immer wieder auch in ihrer ehemaligen Heimatstadt Feldkirch, wo Klassikfans ihre Darbietungen begeistert als „musikalisches Feuerwerk“ umschreiben.

Ungarisch-deutsche Wurzeln

Geboren worden ist Scheurle im Schwarzwald in Deutschland, wo sie auch ihre ersten sechs Lebensjahre verbrachte. Ihre Mutter, eine Pianistin, nahm dann eine Stelle als Professorin für Klavier am Landeskonservatorium in Feldkirch an, die sie noch heute ausübt. Ihre um zwei Jahre ältere Schwester lebt nach wie vor als Cellistin in Vorarlberg. Scheurle ist also in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen, „es hat sich auf natürliche Weise entwickelt, dass ich ebenfalls einen musikalischen Weg einschlage“, sagt die Mitte-Zwanzigjährige rückblickend.

„Das Musikgymnasium in Feldkirch war der perfekte Ort, um eine wunderbare Schulzeit zu verbringen und sich viel mit Musik - seien es Chorreisen, Musical-Produktionen oder Kirchenkonzerte - zu beschäftigen.“ Ihre ersten Musiktheatererfahrungen hat Scheurle in Vorarlberg gemacht: Am Musiktheater gab sie 2009 die Zeitel in „Anatevka“, zwei Jahre später die Minnie Fay in „Hello Dolly“. Beide Produktionen wurden musikalisch vom Symphonieorchester Vorarlberg unter Dirigent Nikolaus Netzer umgesetzt.

Daneben hat Scheurle viel Zeit in Ungarn verbracht: „Ich habe zwar nie dort gelebt, aber meine Mutter kommt aus Budapest und wir haben eine sehr große Familie da. Wir sind oft, so zwei bis drei Mal im Jahr, nach Ungarn gefahren. Die Sprache habe ich bereits als Kind gelernt, meine Eltern haben uns zweisprachig erzogen.“

Scheurle bezeichnet sich selbst als „Gesellschaftsmensch. Ich liebe es, Qualitätszeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen, die einen sehr wichtigen Stellenwert in meinem Leben einnehmen. Auf sie kann ich immer zählen. Sie geben mir viel Kraft und glauben an mich.“

Die Theaterbühne als „Ort der Freiheit“

Eigentlich hatte Scheurle als Kind lange den Wunsch, Tänzerin zu werden, ließ sich auch intensiv im klassischen Ballett und Jazztanz ausbilden. Fähigkeiten, die sie auch als Darstellerin in diversen Bühnenproduktionen gut einsetzen kann.

„Mit der Zeit hat dann aber doch das Singen die wichtigere Rolle in meinem Leben eingenommen. Es war nämlich das, was mich immer am meisten erfüllt hat. Durch meine ersten Erfahrungen als Sängerin in Opernproduktionen habe ich die Bühne - vor allem die Theaterbühne - immer mehr als einen Ort der Freiheit und der Freude mit einer großen Anziehungskraft empfunden.“

Porträt Mezzosopranistin Corinna Scheurle

Christian Hartmann

Ihre Gesangskarriere habe sich dadurch also nicht besonders früh, dafür aber umso natürlicher entwickelt: „Ich hatte eine freie Kindheit und wenig Druck. Und wenn, dann habe ich mir den immer selbst gemacht“, schmunzelt sie, „meine Eltern haben mich nie zu etwas gedrängt, sondern mir die komplette Freiheit gegeben, selbst zu entscheiden, welchen Weg ich einschlage. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar“.

Verliebt in Berlin

Nach ihrem Schulabschluss in Feldkirch, im Alter von 19 Jahren, zog Scheurle nach Berlin, um dort klassischen Gesang zu studieren. „Ich bin ein offener, lebensfroher Mensch und wollte nach der Matura Neues sehen, in einer großen Stadt voller Kunst und Kultur leben und die pure Studentenluft schnuppern."

"Zum einen waren die Möglichkeiten in einer Stadt wie Berlin einfach größer, was das Bühnenleben angeht, zum anderen war es sehr wichtig für mich, neue Lebenserfahrungen zu machen. Als ich die Stadt das erste Mal besucht habe, habe ich mich in sie verliebt“, schwärmt die Sängerin. Nach Berlin zu gehen, hat ihr auch neue Wege geöffnet.

Das Herz der klassischen Musik

„Allerdings würde ich sagen, dass der ausschlaggebende Ausbildungsschritt für mich mein Masterstudium in den vergangenen zwei Jahren war. An der Theaterakademie August Everding in München und bei meiner Gesangslehrerin Christiane Iven konnte ich eine Entwicklung machen, die für mich absolut wichtig war.“

Scheurle hat die Erfahrung gemacht, dass der europäische, speziell auch der deutschsprachige Raum, viele gute Stätten für die künstlerische Ausbildung bietet. „Es gibt keine hohen Gebühren an den staatlichen Hochschulen und die Möglichkeiten, Stipendien zu beziehen. Es gibt viele Theater- und Opernhäuser, die ein sehr breitgefächertes Repertoire spielen. Deshalb ist Europa - auch durch die Herkunft der meisten Komponisten - das Herz der klassischen Musik.“

Geduld und Durchhaltevermögen

Auf der anderen Seite weiß sie, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, vom Gesang auch tatsächlich leben zu können. „Es gibt zu wenig Nachfrage auf zu viel Angebot. Es gibt hier zwar eine sehr lebendige Konzert- und Theaterwelt. Allerdings braucht es viel Zeit und Arbeit, sich Schritt für Schritt und mit viel Geduld zu etablieren“, erzählt Scheurle.

Trotz der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern hat sie nebenher viel gearbeitet, als sie in Berlin gelebt hat, „was auch nötig war“, räumt sie ein, „auch das Leben in München ist sehr teuer, das Studium wahnsinnig intensiv und zeitaufwändig. Da ist es im finanziellen Sinne nicht immer ganz einfach. Aber das nimmt man in Kauf.“ Nicht nur auf der Bühne, auch im realen Leben arbeitet die junge Mezzosopranistin hart an sich selbst und möchte da wie dort das Beste aus sich herausholen.

Intensiver Arbeitsalltag von 7.00 bis 22.00 Uhr

Der Arbeitsalltag einer Sängerin während einer Produktion an der Theaterakademie in München ist äußerst intensiv. Scheurle erzählt von zwei Probeblöcken, die täglich von 10.00 bis 14.00 Uhr und von 18.00 bis 22.00 Uhr auf dem Programm stehen.

„Das heißt, ich stehe um 7.00 Uhr auf, dass ich dann um 10.00 Uhr stimmlich und körperlich fit für die Probe bin. Zwischen den zwei Blöcken gibt es noch normalen Unterricht an der Hochschule - wie Gesangsunterricht, Korrepetition oder Seminare wie Werkanalyse. Ausgeschlafen und gesund zu sein ist sehr wichtig, da diese Phasen sehr intensiv und anstrengend sind. Aber es macht auch sehr viel Spaß, man lernt wahnsinnig viel und stärkt seine Kondition.“

Scheurle ist sich bewusst, dass das Berufsleben an einem Theater ähnlich ablaufen wird. „Ein Privatleben daneben ist sehr wichtig. Wobei“, räumt sie ein, „ein Musiker ist immer ein Musiker, auch zuhause nach 22.00 Uhr. Jeder muss für sich selbst herausfinden, wo das gesunde Maß an Distanz zum Beruf liegt. Ich liebe es, in dieser Welt zu leben und möchte jetzt viel Zeit und Energie dafür aufwenden.“

Aufnahme an der Staatsoper „Unter den Linden“

Belohnung für all die Mühen sind dann natürlich die unvergesslichen Momente auf der Bühne. Einer der persönlichen Höhepunkte in der bisherigen Laufbahn von Corinna Scheurle war der internationale Wettbewerb "Neue Stimmen“ 2015. „Bei dem habe ich aus Jux teilgenommen und bin prompt als eine von 40 Sängern aus ca. 1.400 Bewerbern zu den Finalrunden eingeladen worden. Dadurch haben sich viele Möglichkeiten für meine Zukunft ergeben.“

Unvergessliche Bühnenerfahrungen bleiben für sie zudem die zwei Opernproduktionen an der Theaterakademie: Im ersten Jahr war es die zeitgenössische Oper „Die arabische Nacht“ des Berliner Komponisten Christian Jost, in der sie eine der Hauptrollen übernehmen durfte.

Hochzeit des Figaro

Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Und heuer, im Jahr 2017, wirkte Corinna Scheurle in der Oper „Flight“ von Jonathan Dove im Prinzregententheater München mit – gemeinsam mit dem Münchner Rundfunkorchester unter dem deutschen Dirigenten Ulf Schirmer. Beide Produktionen wurden von Balázs Kovalik, dem Studiengangsleiter der Theaterakademie, inszeniert.

Ein weiterer, sehr wichtiger Höhepunkt in ihrer bisherigen Karriere ist die Aufnahme ins internationale Opernstudio der Staatsoper „Unter den Linden“ in Berlin für die kommende Spielzeit 2017/18. Darauf, sagt sie, freue sie sich schon sehr.

Theater- und Opernwelt wird kleiner

Als kleinen Wermutstropfen empfindet sie den Umstand, dass die Welt des Theaters kleiner wird, weiter schrumpft. „Die Menschen gehen ins Kino, haben Internet zuhause. Unterhaltung zu bekommen, ist so einfach geworden. Auch unsere Sensibilität ist niedriger geworden durch eine immer lautere und schnellere Welt“, bedauert sie.

„Vor allem viele junge Menschen haben den Zugang zu klassischer Musik oder zur Oper immer weniger. Es wäre schön, wenn sich das langsam wieder ändert. Viele Opernhäuser haben ja bereits Livestreams, machen tolle Kinderopern und bringen klassische Musik auf die Straße. Das ist schon mal ein guter Anfang.“

Auf der anderen Seite erlebt sie bei vielen Musikhörern den Wunsch nach dem Live-Erlebnis, „diese besondere Atmosphäre von höchster Konzentration zu spüren. In der Oper ist eben alles live - Orchester, Sänger, Bühnenbild, Statisten. Ich denke, einen Musiker, einen Sänger live zu hören ist etwas sehr Intimes und Persönliches. Auch ist es sehr unmittelbar und direkt. Wenn etwas schief geht, geht es eben schief. Das macht es auch interessant und menschlich.“

Engagement bei den Bregenzer Festspielen

In Vorarlberg zu singen, empfindet Scheurle immer wieder als etwas Schönes, „da es auch eine meiner Heimaten ist“. Als sie im Sommer 2016 ein Konzert in der Schattenburg in Feldkirch gab, hatte sie Operndirektorin Susanne Schmidt von den Bregenzer Festspielen dorthin eingeladen.

„Leider war sie verhindert, lud mich aber daraufhin ein, für die Festspiele vorzusingen. Das eine führte dann zum anderen, und jetzt kann ich mich auf die Bregenzer Festspiele 2017 und meine kleine, aber feine Rolle der Marcellina in Mozarts Le Nozze di Figaro freuen. Es ist eine sehr lustige Partie mit viel Witz und Humor: Marcellina möchte Figaro heiraten, kurz darauf stellt sich aber heraus, dass dieser ihr unehelicher Sohn ist. Das ist nur ein kleiner Teil der komplizierten Verstrickungen und Intrigen in diesem Stück.“

"Die Musik ist besonders in dieser Oper unübertroffen, und ich freue mich sehr darauf, diese Rolle das erste Mal zu singen und mit vielen jungen und talentierten Sängern auf der Bühne zu stehen.“

Freude an der Musik und am Theater im Zentrum

Für ihre Karriere bedeutet das Engagement in Bregenz eine Rolle „auf einer Bühne von Weltrang, man arbeitet mit einem hochprofessionellen Team und wird von einem breitgefächerten Publikum gehört.“ Außerdem freut sich die Mezzosopranistin, seit langem wieder einmal mehr Zeit in Vorarlberg zu verbringen und ausgiebig Festspielluft zu schnuppern.

Generell möchte sich Scheurle neben der Oper zukünftig auch gerne im Lied- und Konzertbereich etablieren. „Aber ich denke, es ist wichtig, eine gewisse Offenheit für diesen Beruf mitzubringen. Man weiß nie, welche nötigen Kurven oder Abzweigungen dieser Weg beinhaltet. Insofern ist es mein Plan, meine Freude an der Musik und am Theater immer im Zentrum zu behalten.“

Angelika Schwarz, ORF Vorarlberg

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