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"Zerschlag mein Herz" © Georg Weiss

Festivalwoche voller Diversität und Wagemut

Vom brisanten Gerichtsthriller bis zur international preisgekrönten Dokumentation und weiter reicht das Programm der diesjährigen Diagonale. Die beiden Intendanten Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger versuchen heuer zum dritten Mal, „ihr“ Festival im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne möglichst divers und mutig zu gestalten.

Die Vorfreude steht Schernhuber und Höglinger dieser Tage ins Gesicht geschrieben. Am stärksten sei der österreichische Film immer dann, wenn er Wagemut besitze und Potenzial aus seiner formalen und inhaltlichen Diversität schöpfe, betonen die Intendanten im Vorfeld des Filmfestivals. „Wir wünschen uns eine inspirierende Diagonale voller Enthusiasmus und Empathie. Auf der Leinwand und darüber hinaus. Für unsere Gäste, für Branche und Publikum. Für all jene, die die Diagonale zu dem machen, was sie ist“, sagen sie im Gespräch mit ORF.at.

Höglinger und Schernhuber

Diagonale/Miriam Raneburger

Die Intendanten freuen sich auf eine Diagonale „voller Enthusiasmus und Empathie“

Reibung und Widerspruch erwünscht

Höglinger und Schernhuber wollen Arbeiten präsentieren, die sich nicht über einen ideologischen, politischen oder ästhetischen Kamm scheren lassen. Im Gegenteil, während der Festivalwoche sollen ruhig Reibung, Widerspruch und Konflikt entstehen, so die Intendanten.

Das dürfte bereits mit dem diesjährigen Eröffnungsfilm „Murer - Anatomie eines Prozesses“ gelingen. Das Gerichtsdrama von Christian Frosch zeichnet anhand der Gerichtsprotokolle von 1963 einen der größten Justizskandale der Zweiten Republik nach: den Fall Franz Murer. Der ehemalige NSDAP-Funktionär und SS-Führer, bekannt als der „Schlächter von Vilnius“, wurde damals freigesprochen.

Murer

Diagonale

Aufreger zum Auftakt: Eröffnungsfilm „Murer - Anatomie eines Prozesses“

Bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, ist der Film ebenso erschütternd wie spannend und zeigt zugleich die lähmende Atmosphäre aus Antisemitismus und einer gegängelten Justiz im Österreich der 1960er Jahre.

Programm in Zahlen

Aus rund 500 Einreichungen hat das Intendantenduo Höglinger und Schernhuber 167 Produktionen ausgewählt: Spielfilme, Dokumentationen, Kurz- und Experimentalfilme bzw. -videos. 103 Filme laufen im Wettbewerb, davon feiern 81 ihre Premieren, und 47 sind Uraufführungen.

Starke Frauen und neue Männlichkeit

Mit Spannung erwartet wird auch Katharina Mücksteins neuer Spielfilm „L’Animale“, eine Coming-of-Age-Story, die traditionelle Geschlechterrollen und sexuelle Normen infrage stellt. In „Gwendolyn“ spürt Regisseurin Ruth Kaaserer der Geschichte einer gewichthebenden Anthropologin nach, die trotz einer Krebserkrankung nicht daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen.

Aber nicht nur starke Frauen, auch neue Formen von Männlichkeit stehen im Mittelpunkt der Diagonale. „Cops“ nennt sich die Arbeit von Istvan alias Stefan A. Lukacs, die den von Testosteron, Kampf und Gruppendruck geprägten Alltag unterschiedlicher Polizisten zeigt. „Publikumslieblinge, neue Stimmen und markante Handschriften - irgendwo zwischen surrealer Mystik und kompromisslosem Realismus liegt der österreichische Film“, so Höglinger und Schernhuber.

Vom Episodenfilm zur Kitschoper

„Zauberer“, ein Spielfilm von Sebastian Brauneis nach einer Kurzgeschichte von Clemens J. Setz, sei ein „kompromissloser Episodenfilm“, so Höglinger, während man „Zerschlag mein Herz“ von Alexandra Makarova als „knallbunte Kitschoper im Romamilieu“ sehen könnte. Eine berührende Dokumentation steht mit „Bruder Jakob, schläfst du noch?“ von Stefan Bohun auf dem Programm, in der vier Brüder sich den Suizid des fünften erklären wollen.

Szene aus "Die bauliche Maßnahme"

NGF Geyrhalterfilm

Brennpunkt Brenner in Nikolaus Geyrhalters „Die bauliche Maßnahme“

Die bei der Berlinale preisgekrönte Dokumentation „Waldheims Walzer“ von Ruth Beckermann wird ebenso gezeigt wie Nikolaus Geyrhalters neueste Arbeit „Die bauliche Maßnahme“, wo ausgehend von der Brenner-Grenze jene Umgebung vermessen wird, die zu einem Sammelbecken politisch-persönlicher Haltungen wurde.

Specials und ein Stargast in Graz

Neben dem Wettbewerb gibt es auch das historische Special „Kein schöner Land“, das Blicke in die und aus der Provinz wirft. Zum Rahmenprogramm gehören noch die Reihen „Zum Kollektiv: Filmladen“, wo die idealistischen Anfänge der Verleihinstitution näher beleuchtet werden, außerdem „In Reverenz“, wo mit einer Ausstellung und Dokumentationen ein Bogen gespannt wird zwischen den einzelnen Schienen.

Als internationalen Stargast begrüßt die Diagonale heuer die im Iran geborene Künstlerin und Regisseurin Shirin Neshat, bekannt für ihre Film- und Fotoarbeiten, aber auch für ihr Regiedebüt im Vorjahr bei den Salzburger Festspielen, die ihren jüngsten Spielfilm „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ als Österreich-Premiere vorstellen wird.

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