Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg"

„Die Meistersinger“ als Zwergenmärchen

Seit 1938 ist Richard Wagners Monumentalwerk „Die Meistersinger von Nürnberg“ nicht mehr auf dem Premierenspielplan der Salzburger Festspiele gestanden, wie auch sonst keine szenische Oper des deutschen Komponisten. Im Wagner-Jubiläumsjahr feierte das Stück über den Sängerwettstreit nun seine Premiere im Großen Festspielhaus - und polarisierte sowohl musikalisch als auch in seiner Inszenierung.

Regisseur Stefan Herheim ist in der Festspielstadt ganz und gar kein Unbekannter, er gab schon 2003 sein Salzburg-Debüt. Mit gerade einmal 32 Jahren inszenierte er damals unter der Intendanz von Peter Ruzicka Wolfgang Amadeus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und sorgte mit seiner für einigen Wirbel. Als „zu radikal“ und „geschmacklos“ wurde seine Arbeit damals bezeichnet, und erst bei den Wiederaufnahmen in den Folgejahren entwickelte die Inszenierung so etwas wie einen Kultcharakter beim Publikum.

Szene aus "Die Meistersinger"

Salzburger Festspiele / Forster

„Die Meistersinger von Nürnberg“ als Spiegel der Lebenswelt Wagners

In der Zwischenzeit sind zehn Jahre vergangen, in denen der Norweger an vielen großen Opernhäusern gearbeitet hat, darunter auch mehrfach in Bayreuth. Die Kontroversen rund um seine Produktionen sind seltener geworden - er sei halt kein Enfant terrible mehr, erklärte Herheim bei der Pressekonferenz zur Produktion. Die „Meistersinger“ würden höchstens zum Skandal werden, „weil das angepasst bieder ist“.

Fokus auf selbstreferenzielle Deutung

Tatsächlich blieb der Skandal erwartungsgemäß aus, auch wenn die Inszenierung beim Schlussapplaus neben großem Jubel auch Buhrufe einstecken musste. Die lassen sich vermutlich darauf zurückführen, dass „bieder“ gar kein so falsch gewählter Ausdruck für den Abend ist, wenn sich auch hinter der süßlichen Fassade eine große Konstruktion an Referenzen verbirgt.

Herheim hat beschlossen, sich ganz auf die Entstehungszeit zu konzentrieren und die Oper in einem lieblich-verklärten Nürnberg des 19. Jahrhunderts spielen zu lassen: Biedermeier, Romantik, Märchen - das volle Programm. Obwohl es kaum möglich scheint, Assoziationen zur Rezeptionsgeschichte der „Meistersinger“ auszublenden - die als Lieblingsoper von Adolf Hitler und Auftaktspekakel der Nürnberger Reichsparteitage galt -, sei er bemüht, zu zeigen, dass der deutsch-nationale Gedanke darin nichts mit dem 20. Jahrhundert zu tun habe, so Herheim vorab.

Szene aus "Die Meistersinger"

Salzburger Festspiele / Forster

Hans Sachs (Michael Volle) als Wagner-Alter-Ego

Indem er das Werk als ein im Wahn erdachtes Hirngespinst des Meistersängers Hans Sachs interpretiert, versucht er von der historischen Aufladung weg und hin zu Wagners autobiografischer Verewigung in der Oper zu fokussieren. So wird der Sängerwettstreit zu Nürnberg, dessen Sieger die schöne Eva heiraten soll, zu einem wortwörtlichen „Kammer“-Spiel - und findet ausschließlich in der Behausung von Sachs statt.

Videoüberblendungen und aufwendiges Bühnenbild

Die raffiniert aufwendige Bühne von Heike Scheele zoomt sich nämlich per Videoüberblendung im wahrsten Sinne des Wortes in die Ausstattungsdetails hinein. Dann werden die Möbelstücke zur Kulisse und die Darsteller zu Zwergen, die sich mit überdimensionalen Büchern, Schuhen und Stiften redlich abmühen. Dank präziser Personenführung, übrigens in wirklich ausgezeichneter Choreografie, von kleinen Szenen bis zu den großen Massenauftritten hat Herheim die Massen voll im Griff.

Zur Märchenästhetik tragen dann auch die historisch-trachtigen Kostüme von Gesine Völlm bei, vor allem aber die Grimm’schen Märchenfiguren, die in der Prügelszene am Ende des zweiten Aktes auftauchen und fortan als anarchistische Geister wilde Orgien feiern.

Szene aus "Die Meistersinger"

Salzburger Festspiele / Forster

Der Schreibtischaufsatz wird zur Nürnberger Katharinenkirche

Gatti dirigiert, ohne dem Pathos zu verfallen

Dieses gewaltige Werk (der Abend dauert inklusive Pausen fünfeinhalb Stunden) auf die Bühne zu bringen, benötigt neben einem herausragenden Orchester vor allem ein sehr starkes und - im Idealfall - eingespieltes Ensemble. Dirigiert von Daniele Gatti erfüllen die Wiener Philharmoniker diese Anforderung, ohne dem schwülstigen Pathos zu verfallen, stellenweise aber zu ausladend und Sänger übertönend. Das Publikum war damit nicht geschlossen zufriedenzustellen - und wie Herheim musste auch Gatti einige Buhrufe hinnehmen.

Hinweis

„Die Meistersinger von Nürnberg“ ist bei den Salzburger Festspielen noch am 9., 12., 20., 24. und 27. August im Großen Festspielhaus zu sehen.

Völlig zu recht bejubelt wurde aber Michael Volle, der als Hans Sachs nicht nur stimmlich souverän und klar den Abend schulterte, sondern auch schauspielerisch über Opern-Standards hinweg überzeugen konnte. Robert Sacca als um Eva freiender Junker Walther von Stolzing gelang es hingegen nicht immer, sich über das Orchester zu erheben, wenn er auch im zweiten Teil zunehmend an Kraft gewann. Als sein Widersacher Sixtus Beckmesser tritt Markus Werba an, der zwar am Ende den Wettstreit verliert, aber in dieser Inszenierung (trotz der besserwisserischen Pedanterie) und auch musikalisch die sympathischere Figur ist.

Dass bei den Wagnerianern die Lesart Herheims gut ankommen würde, dessen schien sich Alexander Pereira schon vorab bewusst. „Die Meistersinger“ würden nicht nur 2016 an der Pariser Opera Bastille gezeigt, die als Koproduzent fungiert, er könne sich auch eine Wiederaufnahme der Arbeit in der Mailänder Scala 2017 vorstellen, so der scheidende Intendant vor der Premiere. Die Inszenierung hat damit gute Chancen, zu einem Dauerbrenner zu werden - einer interessanten Mischung aus Originalität und Bravheit geschuldet.

Sophia Felbermair, ORF.at

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