Kunst kontert die Krise

Kunst und Krise - mit sehr politischen Botschaften sind am Freitag die 92. Salzburger Festspiele eröffnet worden. Gerade Salzburg, so erinnerte die Politik mit Blick in die Geschichte, habe mit den Festspielen einen Gegenentwurf zu einem Europa der Zerrissenheit bilden wollen.

Wie schon in den Jahren zuvor ging Bundespräsident Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede auf europäische Probleme ein: Er warnte vor wachsenden Tendenzen zur nationalen Abschottung und vor einem Verzicht auf das europäische Projekt. Sich auf die Bühnenschicksale fremder Menschen einzulassen könne das Mitgefühl für reale Schicksale vertiefen und den Menschen fremde Kulturen näherbringen.

Bundespräsident Fischer in der Felsenreitschule

APA/Neumayr/MMV

Bundespräsident Fischer: „Egoismen überwinden“

„Das trägt dazu bei, forcierte nationale Egoismen zu überwinden, die einem Europa der friedlichen und vernunftbetonten Zusammenarbeit entgegenstehen“, sagte Fischer.

„Das Alte pflegen, das richtige Neue wagen“

Bevor noch der Bundespräsident ans Podium trat, hatte Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler das Publikum begrüßt. Sie hoffe, dass es den Festspielen gelinge, „das wichtige Alte weiter zu pflegen und das richtige Neue zu wagen“. Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller und Kulturministerin Claudia Schmied (beide SPÖ) nahmen in ihren Grußworten zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen Stellung. Rabl-Stadler machte darauf aufmerksam, dass die Festspiele auch für den interkonfessionellen Diskurs geöffnet werden, „daher haben wir dieses Jahr einen jüdischen Schwerpunkt gesetzt. Nächstes Jahr soll der Buddhismus im Zentrum stehen.“

248 Veranstaltungen

Das Programm des größten Klassikfestivals der Welt läuft bereits seit einer Woche mit der Auftaktreihe „Ouverture spirituelle“. Insgesamt stehen 248 Veranstaltungen auf dem Salzburger Spielplan, der heuer um zehn Tage länger dauert als je zuvor. An den insgesamt 45 Festspieltagen sind 265.000 Karten aufgelegt.

Bogen zur Finanzkrise

Burgstaller spannte einen Bogen zur europäischen Finanzkrise, indem sie sagte: „Gerard Mortier hat im Jänner dieses Jahres hier in diesem Raum vorgeschlagen, den ‚Jedermann‘ neu schreiben zu lassen. Das wäre spannend, gewiss. Ich fürchte jedoch, dass dieser Auftrag bereits vergeben ist, an skrupellose Finanzspekulanten, die das Stück umschrieben.“ Es gehe um viel mehr, um die Zukunft Europas und die der ganzen Welt - „auch um jene Kunst, wie wir sie kennen und schätzen, um mehr als einen Rettungsschirm“.

Kulturministerin Schmied betonte, es reiche nicht aus, dass die Freiheit der Kunst in der österreichischen Verfassung verankert sei, sondern dass Kunst, damit sie frei ist, auch ökonomisch abgesichert werde. Wer die Gesellschaft weiterentwickeln wolle, werde Möglichkeiten suchen, diese Budgets zu erhöhen. Die Europäische Union müsse von einer ökonomischen, fast schon Notgemeinschaft zu einer Kultur- und Wertgemeinschaft wachsen, betonte Schmied.

Von Matt: „Kunst ein überflüssiger Akt“

Festredner Peter von Matt, seines Zeichens langgedienter Literaturwissenschaftler Schweizer Herkunft, versuchte in seiner Festrede Pathos und Romantizismen aus dem Kunstbegriff auszutreiben.

TV- und Radiohinweise

Der ORF überträgt zahlreiche Highlights aus Salzburg in TV und Radio, darunter „Die Zauberflöte“ und „La Boheme“ - mehr dazu in programm.ORF.at.

Die Kunst sei ein überflüssiger Akt von Verschwendung. Aber sie sei zugleich ein Akt von Freiheit und Teil der menschlichen Natur. „Die Kunst erleuchtet die Welt. Aber sie tut es auf zwielichtige Weise“, argumentierte Matt und fragte: „Hat die Kunst sich denn nicht immer den Mächtigen angedient? Hat sie ihnen nicht die goldenen Throne gefertigt und die Gemächer verziert, hat sie den Kaisern nicht die schimmernden Paläste, den Päpsten die ungeheuren Kirchen gebaut?“

Doch der eigentliche Skandal an der Kunst sei, dass sie ihrem Wesen nach überflüssig, ja Ausdruck von Verschwendung sei. "Zum physischen Überleben brauchen wir sie nicht. Da steckt der Stachel.“ Für Matt muss auch der Künstler, wie er mit einigen biografischen Querbezügen zu zeigen suchte, keine übermächtige und über allen Tiefen der Ebene thronende Figur sein. Sein Künstler kommt aus der Mitte der Gesellschaft - mit allen Stärken und Schwächen.

Peter von Matt bei seiner Rede in Salzburg

APA/Neumayr/MMV

Peter von Matt: „Zum physisischen Überleben brauchen wir die Kunst nicht.“

"Kunst“, so Matt, „ist in allen Kulturen weit mehr als ein zynischer Luxus der Besitzenden oder ein Einschüchterungsritual der Herrschenden. Sie ist ein Glücksfaktor für alle.

Kultur.montag live aus Salzburg

Rund um den Salzburg-Schwerpunkt der ORF-Kultur sendet ORF 2 am kommenden Montag, 22.30 einen verlängerten kultur.montag live aus Salzburg - mehr dazu in tv.ORF.at.

Denn auf der Verschwendung, dem kurzfristige Genuss von Überfluss beruht das Fest.“ Und ohne Feste könne keine organisierte Gemeinschaft leben, so Matt, der sich fragte, ob am Ende nicht „sogar die Ameisen ihre nächtlichen Orgien feiern“: „Kunst und Fest sind nicht identisch, aber in ihrem Wesen verwandt.“ Wer dagegen antritt, trete gegen die menschliche Natur an.

Einigung im Vorfeld

Im Vorfeld der Eröffnung stand in Salzburg noch einiges an Betriebsamkeit an, um Restschatten des heurigen Festes zu vertreiben. Nachdem der neue Intendant Alexander Pereira und das Festspiel-Kuratorium am Donnerstag eine gütliche Einigung über das Budget 2013 präsentiert hatten, stand einer würdigen Eröffnung nichts mehr im Wege. Künstlerisch gilt die „Zauberflöte“ mit Nikolaus Harnoncourt als mögliches Highlight, auch in „Ariadne auf Naxos“ und „La Boheme“ mit Anna Netrebko werden große Erwartungen gesetzt. Zu Ende der Saison geht erstmals ein Festspiel-Ball über die Bühne.

Links: