Dreiecksbeziehung als Mädchentraum
Das Belcanto-Werk basiert auf einer Verserzählung des Dichters Walter Scott und spielt im schottischen Hochland des 16. Jahrhunderts. Dass sich das romantische Werk nie richtig im Repertoire durchsetzen kann, verwundert nicht wirklich - ist sie doch dramaturgisch langatmig und eher zäh. Mit wenigen Ausnahmen wird „La donna del lago“ deswegen eher konzertant aufgeführt - man habe kein Vertrauen in die Qualität des Librettos und der Figuren, erklärt der deutsche Regisseur Loy im Programmheft. Für ihn sei eine persönliche Lesart des Textes unabdingbar - man müsse „den Schlüssel finden, um zum Herzen des Werkes vordringen zu können“.

Monika Rittershaus
Der Gemeindesaal wird zur Bühne für die Komödie
Vom Hochmoor in den Gemeindesaal
Für die Inszenierung, die das Theater an der Wien mit dem Grand Theatre in Genf koproduziert hat, bedeutet das einiges an Veränderungen. Statt im schottischen Hochmoor siedelt er die Oper in einem Provinzgemeindesaal der 1950er Jahre an, wo ein Laienchor offensichtlich gerade „La donna del lago“ probt. Abseits steht Elena, ganz klar die Außenseiterin, die am Probenende alleine zurückbleibt und sich in die romantische Dreiecksbeziehungsgeschichte hineinträumt.
Sie wird quasi vom Aschenputtel der Gemeinde zur schönen Frau vom See, die von gleich zwei Männern begehrt wird. Ihr Vater will sie mit dem Clanhelden verheiraten, zufällig kommt aber vorher der König (inkognito versteht sich, weil ja Feind) vorbei, und verliebt sich. In Loys Adaption beruht das auf Gegenseitigkeit - im Libretto von Leone Andrea Tottola ist die Liebe komplizierter. Dort gibt es nämlich zu allem Überfluss mit Malcolm noch einen dritten Mann, den Elena schon seit ihrer Jugend liebt.
Die Vierecks- wird zur Dreiecksromanze
Von Rossini als Hosenrolle angelegt, hat Loy die Menage a quatre reduziert und Malcom zu einer Art Alter Ego Elenas gemacht, ohne dabei näher zu definieren, ob er jetzt die innere Stimme, ein Schutzengel oder eine schizophrene Phantasie ist. Auf jeden Fall ist er keine Konkurrenz für die anderen Männer, was die Bahn frei für ein Happy End zwischen dem König und Elena macht.

Monika Rittershaus
Elena (Malena Ernman) und Malcolm (Varduhi Abrahamyan) als doppeltes Ich
Aber auch abseits von inhaltlicher Veränderung ist Loys Interpretation der Oper ziemlich speziell, dabei aber handwerklich sehr präzise. Er unterfüttert die Handlung mit einer gehörigen Portion Humor, wobei sich erst nach einiger Zeit transportiert, dass die Komik im Spiel keine unfreiwillige ist, sondern er damit das Stück im Stück, sprich die Performance der Laiengruppe, besonders hervorheben will. Etwa durch die Auftritte Rodrigos, der mit Föhnwelle und ganz viel Ego und Pathos vor lauter Heldenmut sein Whiskyglas zerdrückt und später fast verzweifelt versucht, die Angebetete mir Schmachtgesängen zu umwerben.
Songcontest-Kandidatin als sture Elena
Doch Elena ist alles andere als leicht zu haben und ist als sture Eigenbrötlerin und manchmal fast angsterregend an der Grenze zum Wahnsinn. Als Protagonistin steht in Wien statt Joyce DiDonato, die bei der Premiere in Genf als Elena zu sehen war, Malena Ernman auf der Bühne. Die schwedische Mezzosopranistin gilt als eine der unkonventionellsten Akteurinnen ihres Fachs, ist sie doch auch immer für Ausflüge abseits der Opernbühne zu haben, wie etwa 2009, als sie Schweden beim Eurovision Song Contest in Moskau vertrat. Musikalisch ist ihre Elena solide, ohne dabei wirklich einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, schauspielerisch zündet die Sängerin von Beginn an das reinste Feuerwerk an Mimik und Spielfreude.
Das sängerische Highlight des Abends war dennoch Varduhi Abrahamyan als imaginärer Zwilling Malcolm, die mit ihrem gefühlvollen Alt die Kollegen mühelos an die Wand singt und dabei den Spagat von elfenhaften Koloraturen ins tiefe Register beeindruckend meistert. Das männliche Personal hingegen schwächelt: Luciano Botelho darf als König zwar das Mädchen heimführen, in musikalischer Hinsicht hat er aber keine Chance gegen den stimmgewaltigen Gregory Kunde als Rodrigo. Ob der absichtlich - dem Inszenierungsstil gerecht werdend - stellenweise viel zu stark schmetternd forciert, bleibt unklar.
Einsatzfreudiger Schoenberg-Chor
Leo Hussain führt das Radio Symphonie Orchester Wien (RSO) behutsam, in der ersten Hälfte der knapp dreistündigen Oper zurückhaltender, später prägnanter durch Rossinis Werk. Der von Erwin Ortner geleitete Arnold Schoenberg Chor darf einmal mehr nicht nur als statisches Beiwerk, sondern auch mit viel darstellerischem Einsatz punkten und ist auch musikalisch fabelhaft.

Monika Rittershaus
Rodrigo (Gregory Kunde) ist der unangefochtene Star im Provinztheater
Hinweis
„La donna del lago“ ist noch am 12., 14., 17. und 19. August jeweils um 19.30 Uhr im Theater an der Wien zu sehen.
Ö1 überträgt am Samstag um 19.30 Uhr die Aufnahme der Premiere.
Das Duell im Zuschauerraum
Ein gespaltenes Publikum ist - gerade bei moderneren Inszenierungen - in der Oper keine besondere Überraschung. Doch selten treffen derart vehement Begeisterung und Ablehnung aufeinander wie am Premierenabend im Theater an der Wien - wo (nach Jubel für die musikalischen und darstellerischen Leistungen) ein regelrechtes Duell zwischen Bravo- und Buhrufen für das Regieteam entbrannte.
Sophia Felbermair, ORF.at
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Publiziert am 11.08.2012


