Szenenfoto "Promised Ends"

Wiener Festwochen / Thomas Mayer

In der Hochkultur lauert der Kannibale

Kunst müsse man nicht verstehen - wohl aber spüren. Unter diesem Oberbegriff steht eine Reihe von Performances bei den Wiener Festwochen. Allen voran das am Theater der Grausamkeit geschulte Stück „Promised Ends“ von Regisseur Ryan Mitchell, der in Wien eine bereits beim Donaufestival angefangene Trilogie abschließt. Zivilisationen sind dem Untergang geweiht - das nimmt man als fraktale Erkenntnis mit auf den Weg in die Nacht, nach einem Abend zwischen Shakespeare, Akira Kurosawa und kannibalischen US-Siedlern.

Es sei falsch zu glauben, dass man Kunst verstehen müsse, meint Tomas Zierhofer-Kin, der neue Festwochen-Intendant, der mit Regisseur Ryan Mitchell und Saint Genet einen jener Programmpunkte vom Donaufestival Krems nach Wien gebracht hat, der ganz deutlich den Richtungswechsel der Festwochen illustriert.

Die Uraufführung von „Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness“ ist der Abschluss einer Werktrilogie, die in den beiden vergangenen Jahren in Krems mit „An Exemplary Case of Love Without Respite“ (2015) und „Frail Affinities“ (2016) ihren Ausgang genommen hat. Ziel Mitchells ist es, unter anderem inspiriert von Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ ein genresprengendes Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Optischer Anschluss durch Rauminstallation

So schließt er heuer vor allem optisch gleich sehr deutlich an die vorhergegangene Arbeit an und stellt erneut eine raumgreifende Installation aus Leuchtstoffröhren, kreiert von Lichtkünstler Ben Zamora, ins Zentrum der Bühne, die als Spielraum von drei Seiten durch Publikumstribünen begrenzt wird.

Szenenfoto "Promised Ends"

Wiener Festwochen / Thomas Mayer

Im Leuchtstoffröhrenlabyrinth von Ben Zamora

Kannibalistische Siedler und gefallene Herrscher

Inhaltlich nimmt sich Mitchell einmal mehr die Donner Party, eine Gruppe von US-amerikanischen Siedlern aus dem 19. Jahrhundert, der es nur durch Kannibalismus gelang zu überleben, als Dreh- und Angelpunkt. Ihre Geschichte verknüpft er mit William Shakespeares König Lear - oder vielmehr, wie es im Programm heißt, Jean-Luc Godards und Akira Kurosawas filmischen Interpretationen der Tragödie, um dadurch wiederum zu seiner These zu gelangen: dass Zivilisationen ganz unweigerlich dem Niedergang geweiht sind.

In „Promised Ends“ bleiben diese Referenzen durchgängig jedenfalls nur angedeutet, in Projektionen und Zitaten an den Wänden lässt Mitchell die Zuschauer fragmentarisch an seiner „weniger text-, mehr traumbasierten“ Herangehensweise teilhaben. Auf der Bühne selbst ist die Handlung völlig untergeordnet.

Szene aus "Promised Ends"

Festwochen/ Nurith Wagner-Strauss

Vernebelte Sinne im Trancezustand

Wo Blut und Honig fließen

Dirigentengleich steht Mitchell dort hinter der Szenerie und leitet seine sieben Darsteller durch die Performance, lässt sie immer wieder an und über die Grenzen gehen. Literweise Kunstblut und Honig (eine Hommage an Joseph Beuys) kommen zum Einsatz, fließen über verausgabte, nackte Körper, von denen sich (Kunst-)Hautfetzen lösen.

Hinweis

„Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness“ ist im Rahmen der Festwochen noch am 17., 19. und 20. Mai jeweils um 20.00 Uhr in der Halle G im MuseumsQuartier zu sehen. Am 17. Mai findet nach der Vorstellung ein Publikumsgespräch statt.

Zweieinhalb Stunden verausgabt sich die Gruppe, in kleinteiligen Tanzsequenzen, choreografiert von Matt Drews, mit körperlichen Grenzgängen, Schlägen, Unterwerfung. Zur Musik von Brian Lawlors und D. Salos, live gespielt von einem Streichquartett und einem Keyboarder, steigert man sich auf der Bühne in eine Trance. Bis zur Unerträglichkeit werden Handlungen und Sprechchöre wiederholt, immer und immer wieder, minutenlang.

Jenseits der bekannten Theatercodes

Auf bekannte Theatercodes wird man bei Saint Genet vergeblich warten. Die Truppe setzt vielmehr auf sehr große, teils schmerzhafte, dann wieder auch auf überraschend komische Bilder. „Promised Ends“ ist Trance-Oper, Ritual, Installation und Performance zugleich, wer aber mit dem Versuch antritt, sie zu entschlüsseln, wird ratlos zurückbleiben - wie zumindest Teile des Festwochen-Publikums.

Sophia Felbermair, ORF.at

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