Wendell Cooper

Ian Douglas

Märchenwald der queeren Erotik

Mit dem queeren Performanceabend „House of Realness“ ist die neue Festwochen-Spielstätte Performeum am Donnerstagabend eröffnet worden. Hinter dem Hauptbahnhof in einem ehemaligen Bierlager klappt am ersten Abend in der Party-, Diskurs- und Kunstlocation nicht alles so, wie es soll - und am Ende bleiben die Erinnerung an einige intensive Momente und der Geruch von Weihrauch in Gewand und Haaren.

„Guten Abend, Österreich, ich bin so froh, hier bei euch zu sein, in einem Land, das nicht die USA ist. Wir werden es den Arschlöchern da drüben schon zeigen.“ Mit diesen Worten eröffnet Justin Vivian Bond den Abend. Vivian Bond ist „alles in einem“, wie sie sagt. Sie ist transgender. Und der Auftritt der Sängerin und ihrer Band ist der Höhepunkt des Abends.

Vivian Bond

David Kimelman

Sängerin Justin Vivian Bond: Der eigentliche Höhepunkt des Abends

Für die vom New Yorker Kunstveranstalter Ben Pryor für die Festwochen kuratierte Veranstaltung ließ Festwochen-Leiter Tomas Zierhofer-Kin eine der Hallen vom Kostümdesigner und bildenden Künstler Diego Montoy als queere Opiumhöhle dekorieren.

„Das wirkt, als wäre Andre Heller schwul geworden“, bemerkt die Besucherin auf einem silbernen Sitzsack. Ein bisschen erinnert die Dekoration aber auch an den kanadischen Cirque du Soleil - alles ist gedehnt wie pastellfarbener Kaugummi. Es gibt Gartenzwerge und Quietschentchen. Und überall Lametta. Lamettahöhlen, die wollen, dass man an diesem langen Abend in Deckung gehen und eine Privatorgie feiern kann. Doch nach Orgie ist irgendwie niemandem zumute.

Fehlende Intimität, chaotischer Beginn

Dazu ist die Halle dann doch zu wenig intim, der Ablauf des Abends zu chaotisch. Der Einlass beginnt verspätet, und das Programm dauert nicht wie angekündigt bis Mitternacht, sondern bis zwei Uhr in der Früh. Und zwischen den Acts liegen endlose von Konservenmusik überspülte Pausen, so lang, dass sich ein Teil des Publikums bald einmal verabschiedet, um lieber in der lauen Sommernacht draußen ein Bier zu trinken.

Wendell Cooper

Ian Douglas

Leider ziemlich langweilig: Wendell Cooper/Mx. Oops bringt gläserne Klangschalen zum Vibrieren

Aber zurück zu Vivian Bond: Die Sängerin hat eine umwerfende Bühnenpräsenz. Zwischen den Songs erzählt sie, in welcher Situation sie sie geschrieben hat, und kokettiert dabei mit dem Image der Blondine. „Ich lese ja auch Bücher, aber lieber schau ich mir noch die Cover an.“ Eines der Cover, „Moonchild“ des britischen Okkultisten Aleister Crowley, hat sie auch zu ihrem Song „Crowley à la Lee“ inspiriert, den sie mit rauchiger Stimme vorträgt.

Persönliche Geschichten von verschmähter Liebe

Alles ist perfekt getaktet, Vivian croont, jazzt und swingt - und wäre das hier eine kleine Kellerbar, man würde sich betrinken und hätte den Eindruck, dass Vivian ihre Geschichten von verschmähter Liebe und schlechtem Heroin nur für einen selbst ganz persönlich erzählt. So aber stört es doch ein bisschen, dass einige Gäste die Größe der Halle zum Anlass nehmen, um während der Performance zu telefonieren.

Der zweite Höhepunkt des Abends ist Narcissister, eine junge Performerin aus Brooklyn, die die Huffington Post einmal als „New Yorks Oben-ohne-Superheldin“ bezeichnet hat. Nach einer Folge gebeamter Filme, in denen Narcissister ihr Spiel mit den Identitäten treibt, tritt sie schließlich selbst auf die laufstegartige Bühne und verblüfft: Den Körper in gut zehn Lagen von Kleidern gehüllt, zieht sie eines nach dem anderen aus, spielt dabei mit übereinander getragenen Masken und Perücken sowie künstlichen Körperextensionen, sodass man am Ende nicht mehr weiß, wo vorne und wo hinten, wo Gesicht, Busen, Hintern wirklich sind.

Umgekehrter Strip ab 18 Jahren

Die mitternächtliche, zweite Einlage von Narcissister liefert dann den Grund dafür, dass dieser Abend laut Programm „für Zuschauer*innen ab 18 Jahren“ ist. Die Performerin liefert eine Art umgekehrten Strip, bei dem die zunächst Nackte alles, was sie am Ende tragen wird - einen hauchdünnen Bustier, einen Schlauchrock aus Nylon, einen Gürtel und gelbe Creolen - aus diversen Körperöffnungen zieht. Pumps, Handtasche und Sonnenbrille lupft sie ganz am Ende noch aus ihrer gigantischen Afroperücke. Die athletische, am New Yorker Alvin Ailey American Dance Theater zur Tänzerin ausgebildete Narcissister überrascht, stößt ab und wirkt letzten Endes doch erotisch - durch ihre perfekte Körperbeherrschung und durch ihren Mut.

Champagne Jerry

Paula Court

Performer und Rapper Champagne Jerry hantiert auf der Bühne gern mit Dildos

Am Ende der Performancenacht sind alle schon etwas schwindelig und müde. Möglicherweise liegt das auch an Salbei und Weihrauch, in deren Räucherdämpfe die Halle gehüllt ist. Im Publikum entspinnen sich Diskussionen darüber, ob Weihrauch nun eigentlich den Cannabiswirkstoff THC enthält oder nicht.

Erstaunlich nüchtern wirkt dann allerdings wieder die letzte Performance des Rappers Champagne Jerry, dessen Markenzeichen Basecap, Nerdbrille und Unten-ohne-Auftritte sind. Jerry hantiert auf der Bühne mit Dildos wie andere Smalltown-Boys mit Nintendo-Joysticks, irgendwie linkisch das alles, aber das soll es auch sein.

Schwuler Rap als Gegenmodell zu ausgestelltem Sexismus und Machoposen, das ist sehr sympathisch. Aber es ist schon spät, und der eigene Körper verlangt nach frischer Luft. Draußen in der Bar lehnt Voodoo Jürgens mit einem Bier, und es wird ausgelassen getanzt. Irgendwie sind am Eröffnungsabend jene Bereiche des Performeums attraktiver, für die man keine 25 Euro Eintritt bezahlen muss. Denn trotz allem: Dieser neue, merkwürdige Ort ist den Ausflug wert.

Maya McKechneay, ORF.at

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