Song of Roland: The Arabic Version

Janto Djassi

Geschichte ist eine Frage der Perspektive

Martialische Heldengeschichten, blutige Kreuzzugstexte - aus einer ungewohnten Perspektive erzählt: Das altfranzösische „Rolandslied“ über den Krieg Karls des Großen gegen die aus Nordafrika kommenden Muslime erlebt bei den Wiener Festwochen in einer Konzertperformance eine Übertragung, in der der westlichen Deutung eine arabische Version gegenübergestellt wird.

Für die im Hamburger Kampnagel uraufgeführte Produktion „The Song of Roland: The Arabic Version“ lässt der multidisziplinäre ägyptische Künstler Wael Shawky 18 Männer aus Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten das aus dem 11. Jahrhundert stammende Versepos auf Arabisch singen. In bunten, traditionellen Gewändern und im monotonen Fidjeri-Gesangsstil arabischer Perlenfischer versetzen die Darsteller so ihr Publikum im Theater an der Wien über eine Stunde hinweg in einen nahezu meditativen Trancezustand.

Song of Roland: The Arabic Version

Janto Djassi

Trommelnd und klatschend begleiten die Musiker ihren Vortrag des „Rolandslieds“

Hinter den so gut wie durchgehend auf dem Boden sitzenden Männern spannt sich, halb aufgestellt, eine Landkarte mit arabischen Städten, basierend auf Zeichnungen aus dem 16. Jahrhundert: Istanbul, Aleppo, Bagdad. Städte, die während der Kreuzzüge umkämpft waren, teilweise auch heute wieder Kriegsschauplätze sind - für Shawky sind sie eines der Elemente, mit denen er aktuelle Entwicklungen durch historische Ereignisse zu erklären versucht.

Videotriologie und Marionettentheater

Im Original des „Rolandslieds“ gäbe es überhaupt keine arabischen Referenzen, so Shawky. Der Regisseur knüpft deshalb in seinen Werken an das 1983 erschienene Sachbuch „Les Croisades vues par les Arabes“ („Der Heilige Krieg der Barbaren: Die Kreuzzüge aus Sicht der Araber“) des in Libanon geborenen und in Frankreich lebenden Autors Amin Maalouf an, der die Kreuzzüge anhand von arabischen Quellen nachzeichnet. Auch in seiner vielbeachteten und unter anderem bei der documenta (13) präsentierten Videotriologie „The Cabaret Crusades“ inszenierte er die Thematik - mit selbstgebauten Figuren als detailverliebtes Marionettentheater.

Song of Roland: The Arabic Version

Janto Djassi

Das Bühnenbild basiert auf Miniaturkarten des bosnischstämmigen osmanischen Universalgelehrten Matrakci Nasuh

Das in sieben vollständigen Handschriften und drei Fragmenten erhaltene „Rolandslied“ besingt die Heldentaten Karls des Großen, stellt dabei aber seinen Neffen Roland als Protagonisten in den Mittelpunkt. Für Shawky ist der Abend „eine einzige lange Filmszene“ - die Bühne sei „ein einziges großes Bild, bestehend aus Details, wie Farbpunkte in einem Bild“.

Vielschichtige Überlagerung

Via Übertitel erfährt das nicht Arabisch sprechende Publikum vom Kampf gegen die Heiden in Spanien bis zum Showdown um Saragossa und dem Heldentod Rolands. Zu den blutrünstigen Inhalten wirkt die Darbietung auf der Bühne unverkrampft, oft fast gut gelaunt. Damit versucht Shawky, die einseitige Darstellung - die Glorifizierung der Europäer - zu überlagern. Gleichzeitig diene ihm die Verknüpfung mit der fast gänzlich ausgestorbenen Perlenfischermusik als weitere Ebene, um „Geschichte wiederaufleben zu lassen.“

Hinweis

„The Song of Roland“ ist bei den Wiener Festwochen noch am 15. Mai um 20.00 Uhr zu sehen.

Im Rahmen der Aufführung bleiben diese Assoziationen freilich den abschweifenden Gedanken des Publikums überlassen. Wenn in der deutschen Übersetzung von Zwangstaufen, Heiden- und Heldentoden zu lesen ist, liegt der Übergang zu aktuellen religiösen Konflikten nicht fern.

Sophia Felbermair, ORF.at

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