Foto einer Performance im Rahmen der Ausstellung "Yes, but is it performable?"

Künstlerhaus Graz

Der Befreiungskampf des „Frauenobjekts“

Die Ausstellung „Yes, but is it performable? Untersuchungen des performativen Paradoxes“ im Grazer Künstlerhaus ist über die letzten drei Wochen gewachsen und zeigt sich seit Mittwoch in vollem Umfang. Eine stille, stimmige, feministische Schau zu Performance in der bildenden Kunst.

„Diese Ausstellung ist krass. Sie ist schwer zu verstehen, die meisten Leute können nichts damit anfangen“, steht in krakeliger Schrift auf ein Blatt Papier geschrieben, das hier in einer Vitrine aufliegt. Das ist keine offenherzige Notiz der Ausstellungmacher von „Yes, but is it performable?“, sondern ein Brief, der 1975 von einer Schülerin an den britischen Performancekünstler Stuart Brisley geschrieben wurde, der gerade in der deutschen Stadt Rottweil gastierte. „12 Days“, so hieß die ebenso lange Aktion, bei der Brisley sich aus Holzlatten einen Käfig zimmerte und diesen wieder zerstörte – und dafür Feedback von Schulklassen bekam.

Was bleibt von der Performance?

Im Grazer Künstlerhaus hängt neben diesen Briefen auch eine Fotoserie von Brisley bei seiner Käfigkonstruktion: Dokumente der Aktion - und vielleicht auch Kunstwerke? Bei „Yes, but is it performable?“ geht es grundsätzlich um die Frage, wie man an sich flüchtige Performances ausstellen kann, darum, was von ihnen übrig bleibt: Eben Kunst oder doch nur Zeugnis? Kann man der Live-Situation samt Publikum im Nachhinein gerecht werden, sie irgendwie abbilden? Die Ausstellung präsentiert sich also, wie Kurator Christian Egger im Interview mit ORF.at sagt, als „Versuch, dem Wesen des Performativen näher zu kommen“.

Bild einer Performance aus der Ausstellung "Yes, but is it performable?"
Stuart Brisley
Stuart Brisleys Aktion „12 Days“: sich seinen Käfig zimmern

Und dieser Annäherungsversuch ist durchaus geglückt. Es ist eine Schau, die wächst, die also selbst performativ ist: Jede Woche gibt es eine Live-Performance, und damit vermehrt sich auch die Zahl der Ausstellungsstücke. Am 12. Oktober gab es mit „1 hour of limited movements“ von Marie Karlberg den letzten Akt – jetzt ist das Projekt komplett und noch einen Monat lang zu sehen.

„Schwangere Braut im Rollstuhl“

Präsentiert werden höchst unterschiedliche Werke: Eine konzeptuelle Skizze von Valie Export, in der sie Anweisungen für ihre Performance „I am beaten“ dokumentiert hat. Und Fotos und Videodokumentationen von Renate Bertlmann, zum Beispiel von ihrer Aktion „Schwangere Braut im Rollstuhl“ (1978): Die österreichische Künstlerin ist hier mit einer monströsen, von Schnullern entstellten Maske zu sehen – eine Kritik am Korsett der traditionellen Geschlechterbilder und am Objektstatus, der Frauen in der Gesellschaft der 1970er Jahre zugeschrieben wurde. Gleich daneben die Requisiten der Performance „Würfeln – Fell mit Ball“ des österreichischen Künstlerduos Karl Karner und Linda Samaraweerova: ein Holzgestell, eine Teufelsmaske und viele wie große Hautfetzen wirkende Stofflappen.

Bild einer Performance aus der Ausstellung "Yes, but is it performable?"
Künstlerhaus Graz
„Würfeln – Fell mit Ball“: Karl Karner und Linda Samaraweerova

Was das mit dem steirischer-herbst-Flüchtlingsthema zu tun hat? Nun, explizit einmal gar nichts, aber wenn man genauer hinschaut, gibt es dann doch Überschneidungen: Bei der Eröffnungsperformance von Sarah Mendelsohn und Fred Schmidt-Arenales „Borders, Bowels“ ging es um Begehren, Verlust und die österreichische Asyl- und Grenzpolitik. Die in Deutschland lebende Türkin Nezaket Ekici beschäftigte sich letzte Woche mit der aktuellen Inflation an Gewalt. Und nicht zuletzt verweisen die Künstlerbiografien auf das Thema: Der slowakische Performer Alex Mlynarcik flüchtete 1951 nach Österreich und später nach Paris, die Serbin Katalin Ladik ging vor Ausbruch des Jugoslawienkriegs nach Ungarn.

„Yes, but is it performable?“ ist aber vor allem eine konzentrierte, ruhige und zugleich intensive Auseinandersetzung mit Performance – einem Medium, das, wie Kurator Christian Egger hier zeigt, oft sehr politisch ist. Nachsatz: Der Brief der Schülerin an Stuart Brisley endet übrigens mit den Worten: „Meine Freundin und mich hat die Ausstellung interessiert. Wir waren insgesamt 5x dort.“

Paula Pfoser, für ORF.at

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