Die statistischen „Tricks“ der USA

Die USA sind wirtschaftlich erfolgreich, Europa hinkt hinterher. Seit dem Ende der 90er Jahre bescheinigen die statistischen Berechnungen der amerikanischen Volkswirtschaft fast stetig ein kräftigeres Wachstum als dem europäischen Wirtschaftsraum.

„Unzureichende Wachstums- und Beschäftigungsdynamik“ bemängelten etwa Wirtschaftsforschungsinstitute der europäischen Industrie Ende der 90er Jahre. 2001 bezeichneten Volkswirte steigende Produktivität in den USA bei kräftigem Wachstum ohne Anstieg der Inflation als Phänomen der „New Economy“. 2002 zeigte sich der Internationale Währungsfonds (IWF) besorgt, dass die Wachstumsdynamik Europas „hinterherhinkt“.

Diesen Vorsprung konnten die USA noch ausbauen, konstatierte sogar die EU-Kommission 2004. Mit der beginnenden Wirtschaftskrise drei Jahre später sind auch die USA in ihrer Wirtschaftsleistung zurückgefallen. Bei den Wachstumszahlen der vergangenen Monate und Quartale kommen sie allerdings wieder besser weg als die EU.

Infografik: Wirtschaftswachstum erholt sich
APA

Berechnung umgestellt

Ausschlaggebend für dieses Ungleichgewicht nach außen ist die Umstellung statistischer Berechnungen in den USA in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, basierend auf Vorschlägen der Boskin-Kommission. Diese kritisierte, dass der Anstieg der Konsumgüterpreise aus mehreren Gründen systematisch um etwa einen Prozentpunkt überschätzt werde - insbesondere dann, wenn sich hinter Preissteigerungen Qualitätsverbesserungen verbergen. Werden diese bereinigt, spricht man von der „hedonischen Preismessung“, die mit der Boskin-Kommission in den USA eingeführt wurde.

Mehr Wachstum, weniger Inflation

Dadurch werde seither die Inflation geringer ausgewiesen. Zwangsläufig werde - im Vergleich zu Europa - auch das „reale Wachstum“ und das Wachstum der Arbeitsproduktivität höher ausgewiesen, sagte der an der Wiener Wirtschaftsuniversität tätige Ökonom und Vorstand des Instituts für Arbeitsmarkttheorie und -politik, Herbert Walther, gegenüber ORF.at.

„Das reale Wachstum war dadurch seither um 0,1 bis 0,3 Prozentpunkte höher. Die Diskrepanz scheint gering zu sein. Über einen längeren Zeitraum kumuliert das allerdings. Das gibt ein verzerrtes Bild des Vergleichs von Pro-Kopf-Einkommen. Die USA revidiert das Wachstum durch Tricks sicher nach oben.“

Inoffizieller politischer Hintergedanke der Regierung Bill Clintons bei der Einsetzung der Boskin-Kommission sei auch die Sanierung des Staatshaushalts gewesen, vermutete der Ökonom. Denn in den USA sei die Auszahlung einiger Sozialleistungen und staatlicher Pensionszahlungen gesetzlich an die Kaufkraftentwicklung gebunden. Werde diese niedriger angesetzt, würden die Pensionisten auch weniger bekommen, der Staat könne sparen.

Politische Willkür statt Wissenschaft

„Die Argumente der Boskin-Kommission sind auf wissenschaftlicher Ebene korrekt“, sagte Walther, „aber die Probleme liegen in der Umsetzung.“ Qualitätsverbesserung lasse sich oft nur ungenau und willkürlich messen. Walther: „Das eröffnet Spielräume, um politisch wünschbare Ergebnisse zu erzielen.“ Besonders schwierig sei etwa die Messung von „Preissteigerungen“ bei Dienstleistungen wie etwa im Gesundheitsbereich. In den USA werden Qualitätssteigerungen in diesem Bereich eher als realer Zuwachs, in Europa weiterhin als Verteuerung gemessen.

Die Konsequenzen wirkten weit über die USA hinaus. Denn durch die guten Zahlen würden die USA große Finanzströme anziehen: „Die finden dort aber die erhofften Produktivitätsvorteile und Renditen nicht vor“, sagte der Analyst Folker Hellmeyer gegenüber dem „Handelsblatt“.

Auch Walther warnte vor Missbrauch: „Leider können vergleichende Zahlen des Wirtschaftswachstums aus politischen Gründen, aber auch von den Akteuren auf den Finanzmärkten zur Manipulation von Erwartungen missbraucht werden.“ Beispielsweise habe das relativ höhere reale Wachstum der USA in den Jahren vor der Finanzkrise die falsche Erwartung verstärkt, Kapitalanlagen in den USA seien besonders attraktiv und sicher. Dass dieses Wachstum zum Teil aus statistischen Gründen, zum Teil aber auch wegen der hohen, künstlich aufgeblähten Scheingewinne des Finanzsektors so hoch war, sei nicht erkannt worden.

Europa vorsichtig

In Europa werde die in den USA verwendete Methode kaum verwendet. Vor allem Deutschland wehre sich. Hier werde auf Verfahren der Deflationierung gesetzt, um das BIP inflationsbereinigt darzustellen. Ganz ohne Fehlerquellen komme allerdings auch der Euro-Raum nicht aus. Völlig intransparent sei etwa die Art und Weise, wie Schattenwirtschaft in das BIP einberechnet werde, sagte Walther.

In Frankreich und Österreich würden rund vier Prozent des BIP auf Schwarzarbeit zurückgeführt. Griechenland hätte kurz vor der Euro-Einführung den Anteil auf 25 Prozent erhöht. Walther: „Griechenland schummelte also nicht nur beim Schuldenstand, sondern auch bei der Erhöhung des BIP.“

Optimistische USA, pessimistische EU

Was Europa betrifft, gibt sich Walther optimistisch. Aus Unwissenheit über die Schwächen der statistischen Messmethoden, aber auch aus strategischen Gründen werde die Situation in Kontinentaleuropa von der Finanzpresse oft schlechter dargestellt, als sie in Wahrheit ist. Umgekehrt werde die wirtschaftliche Situation in den Zentren des Finanzmarktkapitalismus beschönigt und optimistischer dargestellt. Das gelte unter anderem auch für die Frage der Wettbewerbsfähigkeit.

Da stehe Europa etwa bei der Außenwirtschaftsbilanz um einiges besser da als die USA mit einem hohen Leistungsbilanzdefizit: „Die USA haben in den letzten 20 Jahren vor allem an industrieller Wettbewerbsfähigkeit drastisch eingebüßt.“

Aufgeblähtes Wachstum

Denn ein Teil des sehr hohen Wachstums in den USA seien „reine Luftbuchungen“ gewesen, erklärte Walther: „Zum Höhepunkt der Finanzblase 2006 waren 40 Prozent der Gewinne aus dem Finanzsektor. Dadurch wurde das Wirtschaftswachstum künstlich aufgebläht.“ Jetzt sei man in den USA fast wieder in derselben Situation angelangt. Walther: „Die USA betreiben geschickt ein weltweites Casino, mit dem sie Geld anziehen können.“

Simone Leonhartsberger, ORF.at

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