Irland fällt in Rezession zurück
Die irische Wirtschaft war zuvor im ersten Quartal erstmals wieder gewachsen, nachdem das Bruttoinlandsprodukt seit dem Schlussquartal 2007 kontinuierlich geschrumpft war. Die Wirtschaftsleistung legte aber mit 2,2 Prozent nicht so stark zu wie ursprünglich erwartet. Irland war zuletzt wieder in den Mittelpunkt der Euro-Schuldenkrise geraten. Unklare Kosten der Bankenrettung und die schwächelnde Wirtschaft hatten die Zinsen für den Inselstaat im Nordwesten Europas in die Höhe getrieben.
Konsum eingebrochen
Das Statistikamt erklärte, die Wirtschaft sei vor allem durch einen Abfall der Konsumausgaben getroffen worden, diese wären gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr um 1,7 Prozent gefallen. Ganz überraschend kommt das vor allem für Kritiker der irischen Wirtschaftspolitik nicht: Fast alle Länder erhöhten ihre Ausgaben, um den fallenden Konsum der Bevölkerung auszugleichen und die Wirtschaft anzukurbeln.
Irland hatte dagegen lediglich Milliarden in die Rettung seiner maroden Banken gesteckt, allen voran bei der Verstaatlichung der Anglo Irish Bank, die alleine rund 30 Milliarden Euro Steuergeld verbrennt - knapp ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes. Das Defizit wollte man vor allem durch Ausgabensenkungen, etwa bei Kürzungen bei Beamtengehältern und Sozialleistungen, in den Griff bekommen.
Export als Hoffnung
Als Silberstreif am Horizont ist wenigstens ein starker Anstieg bei den Exporten zu verzeichnen, diese sind um 884 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Finanzminister Brian Lenihan deutet das als Zeichen für die gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Das Land müsse sich aus der Krise „hinausexportieren“, es gebe keine andere Möglichkeit, so Lenihan.
Stephen Taylor von Dolmen Stockbrokers glaubt hingegen, dass die neuen Zahlen die Sache noch schwieriger machen: „Ich glaube, die Regierung wird über mehr Einsparungen nachdenken, als ursprünglich geplant war.“ Lenihan sagte in einem Radiointerview, sein Land werde am Sparkurs festhalten. Ungeachtet des Rückschlags dürfe man auch nicht vom Ziel abrücken, das Haushaltsdefizit bis 2014 wieder unter die Marke von drei Prozent zu drosseln.
Explodierende Schulden, hohe Arbeitslosigkeit
Irlands Staatsschulden beliefen sich 2009 auf mehr als 100 Milliarden Euro. Das Land hatte im vergangenen Jahr mit 14,3 Prozent sogar ein höheres Haushaltsdefizit als Griechenland. Im Frühjahr lag die Arbeitslosenquote bei 13,2 Prozent. Die Risikoaufschläge für Irlands Staatsanleihen waren zuletzt vor allem wegen Spekulationen über möglicherweise notwendige Hilfsmaßnahmen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) gestiegen. Das irische Finanzministerium hatte die Gerüchte prompt dementiert.
Ministerpräsident Brian Cowen, der sich zuletzt mit Rücktrittsforderungen konfrontiert sah, fühlt sich unterdessen in seinem Kurs bei der Bankenrettung und der Haushaltssanierung bestätigt. Auch EU-Währungskommissar Olli Rehn ist zuversichtlich, dass Dublin seine Schuldenprobleme alleine lösen kann.
Steueroasentaktik nicht aufgegangen?
Während auch Ratingagenturen mit dem Land vergleichsweise milde umgehen, hatten sich andere Experten zuletzt weit pessimistischer gezeigt: Der frühere Chefökonom des IWF, Simon Johnson, behauptete sogar, Irland sei praktisch insolvent und seine wirtschaftliche Lage genau so schlecht wie jene von Griechenland - wenn nicht noch schlechter. Um eine Pleite zu vermeiden, müssten die Iren zuallererst die Staatshilfen für die schwer angeschlagene Anglo Irish Bank stoppen, rät der Ökonom.
Irlands Wirtschaftswunder sei eine Illusion gewesen, behauptet Peter Boone von der London School of Economics. Die Basis dafür seien der clevere Gebrauch einer Steueroasen-Gesetzgebung und ein enormer Kreditboom gewesen. Die eindrucksvollen Wachstumsraten über die letzte Dekade seien teilweise auf die aggressiven Versuche zurückzuführen, großen US-Konzernen wie Google, Apple und Facebook, die allesamt ihre Europazentralen in Irland haben, bei ihren steuerschonenden Abrechnungen zu helfen. Rund 20 Prozent des irischen BIPs sei auf solche Gewinntransfers zurückzuführen, die kaum Steuereinnahmen gebracht hätten. Würde man die irischen Zahlen diesem Faktum anpassen, sehe es für Irland noch fataler aus.