Design in Wien: Die neue Welt des Formenrauschs
Und dennoch ist Design Kunst, für die Firmen auch im Unternehmensalltag viel Geld lockermachen. Design gestaltet unser Lebensumfeld. Und: Design ist ein Kommentar auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Ein wunderschöner Beitrag zu letzterem Aspekt ist Michal Fronek und Jan Nemecek vom Prager Studio Olgoj Chorchoj gelungen. Sie wurden im Rahmen der derzeit stattfindenden Vienna Design Week, die als Themenschwerpunkt „Tafelkultur“ hat, eingeladen, einen Raum im Liechtenstein Museum zu gestalten. Im prunkvollen Ambiente fühlten sich die beiden plötzlich ganz klein.
Klotzen, nicht kleckern
Und das war ja auch im Sinne des Erfinders. Die Prunkbauten vergangener Jahrhunderte waren stets dazu gedacht, den Bürger daneben klein aussehen zu lassen. Und auch heute funktionieren Werbung und Design noch nach diesem Motto: So cool oder edel wie unser Produkt und die Menschen in unserer Werbung wirst du nie sein, aber kauf unser Zeug, und du kannst an unserer Coolness und am Nimbus unseres Reichtums mitnaschen.
Ausstellungshinweis
Vienna Design Week, bis 10.10.2010, diverse Ausstellungsorte siehe Website.
Schöner als die beiden Tschechen kann man das kaum bebildern. Sie entwarfen einen übergroßen Tisch samt zwei übergroßen Sesseln am Kopf- und Fußende. Auf der Tischplatte sind ebenso übergroße Gläser mit Wein samt einem Dekanter und einer Riesenpfeife mit Riesenzündern platziert. Für Fotos haben sich die beiden zur Tafel gesetzt. Sie wirken wie Zwerge.

Bitterer Zucker
Auch andere Arbeiten bewegen sich jenseits des Werbegedankens. Ebenfalls im Liechtenstein Museum beschäftigt sich eine durchdachte und aufwendige Arbeit des niederländischen Studios Makkink & Bey mit dem Thema Zucker. Der war früher so wertvoll wie Silber. Heute isst, das ist textlich in die Arbeit verwoben, jeder Österreicher 42 Kilogramm Zucker - der unter ungeheurem Aufwand von Energie hergestellt wird. Dargestellt wird all das anhand von Zuckerguss auf Tüchern mit skulpturalen Pflanzenelementen. Die Arbeit ist nicht nur edukatorisch, sondern auch optisch ansprechend. Das Ornamenthafte der Zuckerschnörksel steht im Vordergrund.

Ausstellungshinweis
Design Criminals, bis 14.11.2010, MAK, Mittwoch bis Sonntag 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr, Dienstag bis 24.00 Uhr.
Haarige Vasenwahl
Um das Ornament geht es auch jungen Designern, die im MAK im Rahmen der Ausstellung Design Criminals zum Thema Tafelkultur gearbeitet haben. Kuratiert wurde ihre Schau von Sam Jacob, der hinter dem legendären Londoner Kunst- und Architekturbüro FAT steht. Hier wird zum Beispiel Adolf Loos durch den Kakao gezogen, der 1908 in „Ornament und Verbrechen“ über Tätowierte herzog. In einer Bildfolge manipulierter Fotos des Teams Guerra Vanzetti wird er mit dem klassischen „Tribal“-Peckerl gezeigt. Auch sonst gilt in dieser Ausstellung: Es darf nach Herzenslust geschnörkselt und verkitscht werden, ob bei Tortendekos (Mischer’Traxler), bei einem Hochzeitsgelage (Nina Levett) oder bei der Wahl der Vase, die auch schon einmal haarig ausfallen kann (BKM).

Bienenstock für Dachgärten
Junge Positionen sind auch an Ausstellungsorten der Design Week in Hernals zu sehen, dem Schwerpunktgebiet dieses Jahr. Bei der Schau zum Dyson-Award, bei dem der Staubsaugerhersteller international junge Designer auszeichnet, sind zehn Beiträge von Österreichern zu sehen - einer davon ist nun sogar in die internationalen Endausscheidung: Valentin Vodev (Pixstudio) mit seinem praktischen Faltklapptransportrad. MAYsystem ist ein Duschsystem, bei dem man den Duschkopf auf einer Magnetplatte herumschieben kann - so ist die richtige Höhe des Wasserstrahls auch für Kinder, ältere Menschen und Rollstuhlfahrer garantiert. D.I.Y HONEY ist der Entwurf des Studios Swiss Miss für einen urbanen Dachgarten- oder Innenhofbienenstock. Julia Kaisinger, Stefan Riegebauer und Katharina Unger wagen sich sogar an eine Multifunktionslandmaschine.

Ausstellungshinweis
Design in Wien, von 7.10 2010 bis 9.1.2011, Wien Museum, dienstags bis sonntags und feiertags 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr.
Die ganz große Designsause freilich bietet das Wien Museum ab Donnerstag. Tulga Beyerle und Peter Stuiber widmeten sich der Verdienstvollen Aufgabe, das gestalterische Geschehen der letzten zehn Jahre in dieser Stadt festzuhalten und aufzubereiten, vom Design und konzeptionellen Positionen bis hin zur Endfertigung, von renommierten Künstlern bis zu den ganz jungen Studios. Der Katalog lässt Spannendes erwarten. Man ist sich im Alltag nicht bewusst, wie viel Design aus Österreich kommt. Etwa der Look der AKG-Kopfhörer, die man jetzt allerorten auf den Straßen sieht. Der Katalogbeitrag der deutschen Petra Schmidt hat als Titel „Design ist in Wien alltäglich“. Das trifft dieser Tage mehr denn je zu.
Simon Hadler, ORF.at