„Ungerechte Zustände“: Türkischer Botschafter verteidigt sich
Er habe auf „ungerechte und fehlerhafte“ Zustände beim Thema Integration hinweisen wollen, wurde Tezcan am Mittwoch von türkischen Internetmedien zitiert. Zudem habe er konkrete Beispiele für solche Fehler genannt, um in der Öffentlichkeit eine Diskussion auszulösen. Tezcan nahm die Position Österreichs „zur Kenntnis“. Er war am Vormittag auf Abteilungsleitebene empfangen worden, nachdem er nach diplomatischen Gepflogenheiten ins Außenministerium zitiert worden war.
Tezcan hatte im „Presse“-Interview gesagt, dass sich die Österreicher nur im Urlaub für fremde Kulturen interessierten. Mit Blick auf den Status Wiens als Sitz internationaler Organisationen sagte er, wenn er der Generalsekretär der UNO, der OSZE oder der OPEC wäre, bliebe er nicht hier. „Wenn ihr keine Ausländer hier wollt, dann jagt sie doch fort. Es gibt viele Länder auf der Welt, in denen Ausländer willkommen sind. Ihr müsst lernen, mit anderen Leuten zusammenzuleben“, sagte der 61-Jährige, der zugleich seine Landsleute von Kritik nicht ausnahm.
Botschafter zum Rapport bestellt
Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) ließ den Botschafter wegen dieser „völlig inakzeptablen“ Aussagen ins Außenamt zitieren. In einem Telefongespräch mit seinem Amtskollegen Ahmet Davutoglu holte sich der Minister am Mittwochvormittag zudem die Zusicherung, dass sich an der Haltung der Türkei gegenüber Österreich nichts geändert habe.
Türkischer Außenminister: „Privatmeinung“
Davutoglu habe Spindelegger versichert, dass die Aussagen Tezcans nichts mit der offiziellen Haltung der Türkei zu tun hätten, sondern der Inhalt des Interviews dessen „Privatmeinung“ gewesen sei. Beim Ankara-Besuch Spindeleggers Anfang Oktober hatten sich die beiden Minister äußerst harmonisch gezeigt. Davutoglu sagte damals, Österreich sei vermutlich jener EU-Staat, „der die Türkei am besten versteht“.
Spindelegger erklärte Mittwochabend im ZIB2-Interview, Tezcan nicht zur Persona non grata, zur unerwünschten Person, erklären zu wollen. Er werde das „ganz bewusst“ nicht tun, da man bei einem Vorfall wie diesem nicht gleich ein ganzes Staatsgebilde infrage stellen solle.
„Eklat der Sonderklasse“
„Empört“ auf die Aussagen des türkischen Botschafters reagierte Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ). Tezcan habe „keinen Beitrag zum guten Zusammenleben geleistet“. Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) wertete es als „absolut unangemessen und inakzeptabel“, dass ein Diplomat „ein Regierungsmitglied öffentlich derart abqualifiziert“, und sprach von einem „diplomatischen Eklat der Sonderklasse“.
Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) zeigte sich „erzürnt“: „Es ist eine unglaubliche Entgleisung und eines Botschafters unwürdig, sein Gastland so zu attackieren.“ Der Vorarlberger Landeshauptmann Herbert Sausgruber (ÖVP) wies Tezcans Aussagen ebenfalls als „unzulässig“ zurück, SPÖ-Klubchef Josef Cap sprach von einer „pauschalen Verurteilung“ der Österreicher, die zu einer stärkeren Polarisierung führen könnte.
FPÖ fordert Entschuldigung
FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache forderte eine offizielle Entschuldigung der Türkei und eine Abberufung des Botschafters. Eine „derartige Österreich-Beschimpfung“ könne „keinesfalls geduldet“ werden. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky und BZÖ-Chef Josef Bucher forderten einen Abbruch der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei.
Dagegen meinte der außenpolitische Sprecher der Grünen, Alexander Van der Bellen, Tezcan habe „den Finger in erfrischend undiplomatischer Weise auf viele wunde Punkte im Umgang mit türkischen bzw. türkischstämmigen Menschen in Österreich gelegt“.
„Soll ich als Diplomat antworten?“
Der Wirbel um den Botschafter entwickelte sich in den türkischen Medien, die von einer „diplomatischen Krise“ sprachen, im Laufe des Tages zu einem größeren Thema. Mehrere Türken aus Wien beglückwünschten den Diplomaten in Zuschriften an die Internetausgabe der „Hürriyet“ zu seinen Aussagen. Tezcan habe die Gefühle der in Österreich lebenden Türken zum Ausdruck gebracht, hieß es in einer Zuschrift. Tezcan hatte das Interview mit der Frage eingeleitet: „Wollen Sie, dass ich im Interview als Diplomat antworte, was langweilig ist. Oder soll ich als jemand antworten, der seit einem Jahr in Wien lebt und viele Kontakte zu den 250.000 Türken hier hat?“