Ermittlungen gegen Berlusconi
Er habe seine Stellung genutzt, um Ende Mai von der Polizei die Freilassung der Prostituierten zu fordern, die an ausschweifenden Festen in Berlusconis Villa in Arcore nahe Mailand teilgenommen haben soll. Die Onlineausgabe der Zeitung „Corriere della Sera“ berichtete, die Vorwürfe lauteten, Berlusconi habe vertuschen wollen, „Kunde einer minderjährigen Prostituierten während zahlreicher Wochenenden in Arcore“ gewesen zu sein.

Außerdem habe er versucht, sich Straffreiheit zu sichern und Einzelheiten der Feiern unter Verschluss zu halten. Ein Sprecher von Berlusconis Partei Popolo della Liberta sprach von einem „Informationsleck“ und von „unglaubwürdigen Anschuldigungen“. Der Nachrichtenagentur ANSA zufolge wurde Berlusconi am Freitag vorgeladen, der genaue Termin wurde nicht bekannt.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft will einen Eilprozess für Berlusconi beantragen. Die Anhörung könnte am 21., 22., oder 23. Jänner stattfinden. Noch unklar ist, ob Berlusconi auch erscheinen wird.
Kein Sex, aber 5.000 Euro pro Abend?
Die italienische Presse hatte Ende vergangenen Jahres ausführlich über die Partys berichtet. Sex mit Berlusconi soll die Marokkanerin Ruby demnach nicht gehabt haben, allerdings soll der Regierungschef pro Abend 5.000 Euro an sie und weitere junge Frauen bezahlt haben. Auch andere Frauen, die bei Berlusconi zu Gast waren, berichteten von Feiern mit Minderjährigen. Eine Zeugin gab an, sie habe von Berlusconi 10.000 Euro für sexuelle Dienste bekommen.
Ins Visier der Ermittler gerieten auch der Chefredakteur der Tagesschau TG4, Emilio Fede, und der bekannte Manager von TV-Stars, Lele Mora. Die beiden, gute Freunde Berlusconis, werden verdächtigt, mit Geldversprechen junge Frauen zu Partys des Ministerpräsidenten gelockt zu haben. Durchsucht wurde auch die Wohnung der jungen Marokkanerin in Genua. Beschlagnahmt wurde ein Computer und Fotos des Mädchens, das im Alter von 15 Jahren ihre auf Sizilien lebende Familie verlassen hatte.
Freilassung persönlich erwirkt
Der 74-jährige Ministerpräsident wird auch des Amtsmissbrauchs beschuldigt, weil er in der Nacht des 27. Mai persönlich bei der Mailänder Polizei angerufen hatte, um die junge Prostituierte aus dem Polizeigewahrsam freikommen zu lassen. Die junge Frau war wegen mutmaßlichen Diebstahls festgenommen worden.
Um sie aus dem Polizeigewahrsam zu bekommen, hatte Berlusconi einem Mailänder Polizeifunktionär gesagt, dass die junge Marokkanerin eine Verwandte des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak sei. Er hatte auch eine Person benannt, in deren Obhut die Beamten die Minderjährige geben konnten, berichteten die Ermittler. Berlusconi hatte bisher stets den Vorwurf des Amtsmissbrauchs in Zusammenhang mit dem Fall bestritten.
Berlusconi: Tratsch und Desinformation
Berlusconi reagierte empört auf die gegen ihn gerichteten Justizermittlungen. „Wenn ich eine Initiative ernst nehmen wollte, die es nicht ist, würde ich sagen, dass jede Grenze überschritten worden ist. Einige Staatsanwälte versuchen die fundamentalen Regeln der Demokratie umzuwerfen“, kommentierte der Premierminister in einer Botschaft an Anhänger seiner Mitte-rechts-Partei.
Der Premierminister beschuldigte die Zeitungen, sich mit Tratsch zu beschäftigen und eine „Desinformationskampagne“ zu führen. Der 74-jährige Regierungschef zeigte sich überzeugt, dass er trotz der gegen ihn gerichteten Angriffe bis Ende der Legislaturperiode im Jahr 2013 im Amt bleiben wird. Seine Regierungskoalition sei dank der Allianz mit der rechtsföderalistischen Regierungspartei Lega Nord solide.
Weiterer Rückschlag für Berlusconi
Erst am Donnerstag hatte das Verfassungsgericht ein umstrittenes Immunitätsgesetz teilweise aufgehoben, das den Regierungschef und seine Minister vor Strafverfolgung schützte. Dem Urteil zufolge können Richter fortan von Fall zu Fall selbst entscheiden, ob Berlusconi vor Gericht erscheinen muss oder nicht - was zur Wiederaufnahme von zwei Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Bestechung führen könnte.