Künstlerische Perspektiven auf russische Industriestädte

Moskau Biennale/Yuri Palmin

Schornstein, Smog und Schufterei

„Nadezhda - Prinzip Hoffnung“: Was vom Fortschrittsglauben der Sowjetunion blieb, interpretieren internationale Künstler als Mahnmal, das die heutige Elite Russlands an die Vergänglichkeit von Macht und deren Repräsentation erinnern soll. Für ihre Ausstellung im Rahmen der Moskau Biennale ließen sie sich von alten Industriestädten inspirieren.

Tief dringt man ein in die DNA Russlands. Der Hang zur übermächtigen Repräsentation des Staates zieht sich vom Zarenreich über die Sowjetunion bis zu Wladimir Putin. Man könnte das als roten Faden bezeichnen - und auch als Bruchlinie: Denn je weiter der Führer vom Volk entfernt ist, desto größer müssen die Monumente sein. Das gilt auf symbolischer Ebene genauso wie geografisch.

"Trjochgornaja Manufaktura", Gebäude der Austellung
Andrey Nikolskiy
Der Ausstellungsort: Eine alte Industriehalle in Moskau

Ein besonders beeindruckendes Beispiel dafür waren die von den Sowjets im ganzen Land aus dem Boden gestampften Industriestädte. Machtvoll - und visuell mächtig - demonstrierten sie den Anspruch der Nomenklatura auf die weite Fläche. Die Sowjetunion sollte eine Monokultur sein mit stählernem Anstrich. Bunt war nur der Schrebergarten einer verfemten Kunst.

Symbol für die Vergänglichkeit von Macht

Von dort aus sind auch heute wieder Künstler ausgeschwärmt, um die Inseln des Machtapparats zu erkunden. Im Auftrag des Österreichischen Kulturforums machten sich Künstler aus Russland, Österreich und anderen europäischen Ländern auf den Weg. Afrikaabenteurern des 19. Jahrhunderts gleich drangen sie vor in die mythenbeladenen, mystischen, den Smog des 20. Jahrhunderts atmenden Städte, die heute auf symbolischer Ebene nur noch eine Aussage zu treffen scheinen: Macht ist vergänglich.

Diesen Spiegel halten sie nun den aktuell Herrschenden in Moskau vor. Denn die gemeinsame Reise diente als Inspirationsquelle für Kunstwerke, die seit vergangener Woche im Rahmen der Moskau Biennale gezeigt werden. Besonders freut sich Simon Mraz, österreichischer Kulturattache in Moskau und - gemeinsam mit Kunsthalle-Wien-Direktor Nicolaus Schafhausen - Kurator der Schau, über den Austragungsort: Zum ersten Mal wird eine legendäre, stillgelegte Moskauer Textilindustriehalle für Publikum geöffnet. Später wird die Ausstellung in der Kunsthalle Wien zu sehen sein.

Glanz, Gloria und Alublech

Gezeigt werden Installationen, Videoarbeiten und eine ebenfalls eigens in Auftrag gegebene Fotoserie mit Bildern aus den besuchten Städten. Auf die Spitze treibt das Spiel mit dem Monumentalismus Ira Korina. Sie fertigte ein Ungetüm aus dem in postsowjetischen Industriestädten schier allgegenwärtigen Alublech - es erinnert an einen Zapfen oder an einen Helm, irgendwo zwischen einem überdimensionalem Spielzeug und einem furchterregendem Monstrum, mit parademäßigem Blumenschmuck. Die ganze Ausstellung versucht den Eindruck einer Industrieanlage zu erwecken. So eine Anlage braucht einen ordentlichen Vorplatz mit Denkmal. Diese Rolle übernimmt die Arbeit von Korina.

Installation "Ivanovo" von Ira Korina
Österreichisches Kulturforum Moskau
Ira Korina: „Iwanowo“, 2015

Die Künstlerin selbst beschreibt ihre Installation so: „Die aufgefächerte Struktur samt rotem Schmuck soll genauso dekorativ und ornamental sein wie jener Glanz und jene Gloria, in der sich der russische Staat gerne gegenüber seinen Bürgern präsentiert.“ Aber es bleiben: das kalte Metall und der Eindruck eines Berges, wie Korina erklärt, der „nicht zu erklimmen“ ist trotz allen Klimbims. Inspiriert wurde sie zu dem Kunstwerk durch ihren Besuch in Iwanowo, jener Stadt, die mit ihrer Textilindustrie einst als „Manchester Russlands“ galt - und als „Stadt der Bräute“.

So erinnert die Skulptur nicht nur an einen Berg - sondern mit viel Fantasie auch an ein Brautkleid. In ihrer Blütezeit hatten die riesigen Textilfabriken zahlreiche junge Arbeiterinnen aus ganz Russland angelockt. Für Männer galt die Stadt als Paradies - deshalb „Stadt der Bräute“. Heute jedoch liegt die Textilindustrie darnieder. Iwanowo steckt in einer dauerhaften wirtschaftlichen Krise.

Militärparaden und Katzenvideos

Der deutsche Künstler Fabian Bechtle hat sich der Automobilindustrie angenommen. Auch hier gibt es Kontinuitäten, wohin man schaut. Die Sowjetunion hatte in Kooperation mit dem Inbegriff der kapitalistischen US-Industrie - Ford - Ende der 20er Jahre das Automobilimperium GAZ aufgebaut. Der Konzern überstand die Wende 1991 und dominiert noch heute den russischen Markt. Es gibt ein Artefakt aus jenen Zeiten, in denen Militärparaden das aufregendste Unterhaltungsangebot für die Bevölkerung waren, von Wodka vielleicht abgesehen: den Paradegriff.

Industrieviertel Nadezhda in Norilsk
Elena Chernycheva
„Nadezhda - Prinzip Hoffnung“: Was vom Fortschrittsglauben blieb

Denn GAZ produzierte von manchen seiner Autos eigene Parademodelle. Diese waren nicht nur luxuriöser, sondern hatten eben auch einen Griff, an dem sich ein hoher Repräsentant des Militärs oder des Staates anhalten konnte, wenn er aufstand, um dem Volk zuzuwinken. Ein solcher Griff ist der zentrale Bestandteil von Bechtles skulpturaler Videoinstallation. Im Video sieht man, wie sich ein Mädchen mit Katze in der Hand an dem Griff festhält.

Die Idee dahinter: Heute lässt sich mit einem gelungenen Katzenvideo auf Facebook weit mehr Aufmerksamkeit erregen als damals durch eine Militärparade mit Zehntausenden (zwangsbeglückten) Zuschauern. Und der Subtext: Pompöse Repräsentation von Macht wirkt lächerlich im Spiegel der Zeit. Das 21. Jahrhundert sollte ohne quasi-diktatorischen Selbstbeweihräucherungspopanz auskommen. Und vor allem ohne ein politisches System, das eine solche Kultur der Repräsentanz bedingt.

Der Smog von Nischni Nowgorod

Eine weitere, gleichzeitig spielerische und höchst elaborierte Arbeit streicht Kurator Mraz hervor: die Luftdrehorgel der russischen Künstlergruppe „Where the Dogs run“. Mit dem Gerät kann man, wo auch immer man sich gerade befindet, die Luftqualität messen. Eine Software rechnet nach vorgegebenen Algorithmen die Luftanalyse in Musik um. Die Partituren lassen sich für später speichern. So hat jede der Industriestädte ihre Melodie - je nach Zusammensetzung der Luft. Vorschlag für einen Songtitel: „Spiel mir den Smog von Nischni Nowgorod“.

Utopie und Realität

Ähnlich beeindruckt die Installation „The Norilsk Substance“ der ebenfalls russischen Künstler Dimitri und Jelena Kawarga. In Norilsk findet sich seit 1940 die größte Mine des Landes. Nickel, Kupfer, Kobald, Gold, Silber, Platin, Iridium und noch einige Rohstoffe mehr werden hier abgebaut. Früher waren es Gefangene, die in den Stollen schufteten, heute sind es 3.000 Arbeiter. 450 Kilometer sind die unterirdischen Gänge insgesamt lang.

Ein weit verzweigtes Geflecht von Tunneln, einem Erdwurm gleich, sieht man in der Installation der Künstler. Grüne Flüssigkeit dringt hervor und rinnt die Skulptur herab. Dimitri und Jelena Kawarga wollen damit die Absurdität eines Produktionskreislaufs zeigen, den wir im Alltag als gegeben hinnehmen. Eigentlich ist das Funktionieren eines solchen Kreislaufs eine unwahrscheinliche Utopie, ein komplexes Gemeinschaftsprojekt, sprich: etwas Schönes. In der Realität jedoch wird daraus, eingebettet in ein System der Ungleichheit, ein Reproduktionszyklus genau dieser Ungleichheit.

Von Marienthal bis Schlöglmühl

Mraz sorgt mit seinen Ausstellungen schon seit Jahren von Moskau aus für internationales Aufsehen. Voriges Jahr: „Die pure Lust am Leben“ - Penisse, wohin das Auge blickte, Transgender-Künstler, Aktionismus und Fotos von Besoffenen, also genau das, was der Kreml nicht sehen will. „Facing Kremlin“ zeigte 2011 nonkonformistische Positionen, 2012 rückte eine Schau weißrussischer Kunstschaffender den Fokus auf die Diktatur von Alexander Lukaschenko. 2013 brachte Mraz russische und österreichische Künstler zu einem Atomeisbrecher nach Murmansk.

Heuer ist seine Schau die einzige, bei der in diesem großen Umfang nonkonformistische Künstler in Moskau ausstellen. Aber auch die internationale Ausrichtung ist Mraz wichtig, der „Blick über den Tellerrand“ - im Sinne eines europäischen Statements freier Kunst, das „in einer Zeit geistiger und politischer Verengung neue Städte erschließt und neue Begegnungen provoziert“. Auf die Wien-Variante von „Nadezhda - Prinzip Hoffnung“ darf man gespannt sein. Vielleicht bekommt man dabei Lust auf Ausflüge in die Mur-Mürz-Furche, nach Marienthal, Schlöglmühl und Linz.

Simon Hadler, ORF.at

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