Statue von William Shakespeare

Corbis/Loop Images/Craig Holmes

Titania will mehr als nur schmusen

William Shakespeare, das sind rund drei Dutzend Bühnenwerke und über 150 Sonette voll mit Tragik, Lachern, Spannung und Zitaten für die Ewigkeit - all das in einer Sprachgewalt, die auch 400 Jahre nach seinem Tod fesselt. Und vielleicht sogar noch mehr fesseln könnte: Denn auch nach 400 Jahren ist der „echte“ Shakespeare vor allem für sein deutschsprachiges Publikum offenbar zu starker Tobak.

„Hier folgen im Original ein paar Scherzreden (...), die man auslassen musste, weil alles darinn auf eine nicht allzuzüchtige Zweydeutigkeit ankommt, die (...) sich nicht übersezen läßt.“ So entschuldigte sich in den 1760er Jahren Übersetzer Christoph Martin Wieland für einen Dialog im „Kaufmann von Venedig“, den er einfach unter den Tisch fallen ließ. Darin wetten Gratiano und Bassano auf das Resultat einer Hochzeitsnacht, bei der es „Pfähle einzuschlagen“ gälte.

Selbst ernannte „Pöbel“-Polizei

Wielands Auslassungen hatten Methode. Einmal begründet er sie damit, dass Shakespeare sich an einer Stelle nur dem „Londner Pöbel“ andienen musste, ein andermal damit, dass Shakespeare nur deshalb an einer Stelle schweinigele, weil ihm kein anderer Reim eingefallen sei - und Wieland habe dieses Problem großzügig per Übersetzung für ihn gelöst. In anderen Worten: Shakespeare selbst muss als bevormundeter Sündenbock für Wielands prüde Umdeutung herhalten.

Grab von William Shakespeare
Reuters/Suzanne Plunkett
Shakespeares Grab, mit dessen Inschrift er jene verflucht, die es anrühren

Zumindest machte Wieland aber noch darauf aufmerksam, wenn er etwas ausließ. August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck nach ihm rechtfertigten ihre Zensur überhaupt nicht mehr, wie das Buch „Literatur und Kultur des Rokoko“ nachweist. Die Übersetzungen von Wieland und Schlegel/Tieck sind aber weiterhin jene, die von der Bühne bis zum Reclam-Heftchen im deutschsprachigen Raum als „echter“ Shakespeare gelten. Dabei wusste Shakespeare mit seinen Zoten sehr genau, was er tat.

Hunde, Bären, Junkfood, Romeo und nachher Party

Damit, dass die Aufführungen von Shakespeares Stücken zu seinen Lebzeiten eine recht rabaukenhafte Veranstaltung waren, hatte Schlegel zwar recht: Da gab es Hunde- und Bärenkämpfe als Vorprogramm, durch das Parkett liefen pausenlos Verkäufer mit zeitgenössischem Billig-Junkfood (Austern), und zum Ausklang des Abends spielten die Bühnenmusiker nach dem Ende des Stücks noch zum Tanz auf. Shakespeare nutzte diesen Spielraum, aber er biederte sich ihm nicht an, etwa beim so gar nicht verweichlichten Romeo.

Auf deutschsprachigen Bühnen ist Romeo zwar zu Beginn des Stücks wie im Original ein rauflustiger Taugenichts. Auf Deutsch interessieren ihn die Frauen aber eigentlich nicht, bis Julia daherkommt. So gefiel den deutschen Romantikern „ihr“ Shakespeare. Im Original ist Romeo aber anfangs auch ein sexistischer Kotzbrocken, und erst durch Julia muss er sein eigenes Frauenbild über den Haufen werfen. Und auf einmal haben viele Zeilen Sinn, die vorher nach schwülstiger Schwärmerei klangen.

Liebesspiele und andere Eseleien

Zum Trost: Auch im englischen Original kommt Shakespeare nur bedingt zu seinem Recht. So sehr die „gesäuberte“ deutsche Version hierzulande den wahren Shakespeare überdeckt, so sehr ist das Original für den englischsprachigen Raum Fluch und Segen zugleich: Die über 400 Jahre alten Worte und Wendungen sind für die Allgemeinheit kaum mehr verständlich. An die Aufgabe, an Shakespeares O-Tönen auf Englisch herumzudoktern, traut sich wiederum kaum jemand mit genug literarischem Format heran.

Die wenigen Versuche, über Sprachbarrieren hinweg dem Geist der Shakespeare-Stücke gerecht zu werden, waren selten von Erfolg gekrönt. Zu erwähnen wäre etwa eine Aufführung des „Sommernachtstraums“ durch die altehrwürdige Royal Shakespeare Company in den späten 90er Jahren. Die produzierte aber einen handfesten Skandal, indem sie zur Abwechslung die (verheiratete) Elfenkönigin Titania nicht nur beim Schmusen mit dem Esel Zettel zeigte, sondern originalgetreu bei variantenreichem Sex.

Ian Richardson als Oberon, Judi Dench als Titania und Ian Holm als Puck in einer Aufführung von "Ein Sommernachtstraum" aus dem Jahr 1962
AP
1962 gab’s auch die Royal Shakespeare Company noch recht züchtig, mit der jungen Judi Dench in der Rolle der Titania

Kalendersprücherl statt Hengsten und Stuten

Der „Sommernachtstraum“ ist auf Deutsch wohl ohnehin das am gnadenlosesten zensurierte Shakespeare-Stück überhaupt, beginnend beim Rollennamen Zettel, der im Original „Bottom“ (Hintern) heißt. Oder bei beinahe beliebigen Textzeilen der gängigen Übersetzung. Shakespeare lässt seinen Puck etwa sagen: „The man shall have his mare again, and all shall be well.“ Bei Schlegel/Tieck heißt es dagegen ebenso züchtig wie bieder: „Find’t seinen Deckel jeder Topf, und allen gehts nach ihrem Kopf.“

Der deutsche Übersetzer und Regisseur Frank Günther kam mit seiner Neuübersetzung „Jeder Hengst kriegt seine Stute - alles Gute“ zumindest halbwegs in die Nähe der Shakespeare’schen Süffisanz. Trotzdem halten alle an den überkommenen Übersetzungen fest: Die braven Verse sind inzwischen zu einem guten Teil selbst zu geflügelten Worten geworden und „müssen“ einfach als liebgewonnenes Kalendersprücherl dabei sein, auch wenn Shakespeare im Grab rotieren sollte.

Wenn Wiener Schluss machen

Für Österreicher besteht kein Anlass, sich über die prüden Deutschen zu mokieren, denn bis ins 19. Jahrhundert hinein gingen sie noch blamabler mit den Originaltexten um - etwa mit einem „Wiener Schluss“ unter anderem für den „König Lear“, in dem weder der König noch seine einzige vernünftige Tochter sterben durften und auch sonst alles so zurechtgebügelt wurde, dass kein Wort einem Habsburger oder den Zensoren von Kanzler Fürst Metternich missfallen konnte.

Wie Shakespeare in unterschiedlichen Ländern und Spieltraditionen daherkommt, sagt damit mehr über diese aus als über ihn. Der bekannte Kunsthistoriker und Direktor des British Museum, Neil McGregor, ist überzeugt: „Wann immer es Revolutionen gibt, ist Shakespeare der, dem sich die Leute zuwenden, denn wann auch immer eine Gesellschaft sich auf dem Scheideweg befindet, drauf und dran ist, etwas Neues zu werden, findet sie sich in Shakespeare wieder.“ Fehlender Shakespeare auf den Spielplänen großer Häuser wäre demnach ein Armutszeugnis.

Koka-Pfeifchen statt Bühnenleben

Shakespeare selbst würde sich wegen der verhunzten Texte wohl kaum aufregen. Er schüttelte seine Meisterwerke laut dem Stand der Shakespeare-Forschung innerhalb weniger Jahre aus dem Ärmel und konzentrierte sich schon ab etwa dem Jahr 1600 immer mehr auf den Job des Theaterimpresarios, und auch das nur so lange, bis er genug Geld verdient hatte. 1610 kehrte er als reicher Mann in seine Heimatstadt Stratford-upon-Avon zurück.

Geburtshaus von William Shakespeare in Stratford-upon-Avon
Reuters/Suzanne Plunkett
Shakespeares wahrscheinliches Geburtshaus in Stratford-upon-Avon

Seine letzten sechs Jahre bis zu seinem Tod am 23. April 1616 verbrachte Shakespeare vor allem mit der Verwaltung seines Vermögens und vermutlich hin und wieder dem Rauchen eines Pfeifchens mit Koka-Blättern, wie Archäologen beim Graben in seinem Garten 2015 herausfanden. Sein Sinn für spitze Worte war ihm aber nicht abhanden gekommen, wie sein Testament beweist. Darin listet er - ganz der Geschäftsmann - penibel auf, wer welche Summen und Renten bekommen sollte, seine Frau wird dabei aber nicht bedacht.

Während andere, nach heutigem Gegenwert, zum Teil Millionen zugesprochen bekamen, verfügte Shakespeare, seine Frau solle das „zweitbeste Bett im Haus“ bekommen. Das war lange Zeit als letzte Gehässigkeit in einer unglücklichen Ehe gedeutet worden. Inzwischen gehen Historiker aber davon aus, dass das „zweitbeste Bett“ das Bett des Hausherren sei, da das „beste“ den Gästen vorbehalten war. In anderen Worten: Shakespeare setzte mit einem letzten Scherz seine Witwe zur eigentlichen Generalerbin ein, oder, in Shakespeares Worten: „All’s Well That Ends Well“ (Ende gut, alles gut)

Lukas Zimmer, ORF.at

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