Foodora-Fahhradbote

ORF.at/Christian Öser

Selbstverständlich ist gar nichts

Beim Fahrradlieferservice foodora überraschen die Fahrerinnen und Fahrer mit einer Branchen-„Premiere“: der Gründung eines Betriebsrats. Bisher sitzen sie arbeitsrechtlich nicht sehr fest im Sattel. Insofern war der Schritt auch recht mutig. Für die Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida ist ein Kollektivvertrag das Ziel.

Die Idee für einen Betriebsrat sei schon länger im Raum gestanden, sagt die Vorsitzende Adele Siegl im Gespräch mit ORF.at. Gerade in „klassischen“ Übergangsjobs bzw. bei geringfügig Beschäftigten sei es allerdings nicht so einfach gewesen, die Leute dafür zu finden. Was Siegl und ihre Kolleginnen und Kollegen sich wünschen, sind ganz grundsätzlich Dinge, die in Branchenkollektivverträgen längst selbstverständlich sind. Als Erstes wollen die Neo-Betriebsräte bei foodora rechtlich verbindliche Standards für die Fahrer aushandeln. „Der wirklich erste Schritt ist eine Betriebsvereinbarung“, sagt Siegl.

Berichte über Kündigungen

Diese solle sicherstellen, dass sich die Situation für die Fahrerinnen und Fahrer nicht verschlechtere. Die sei in Wien übrigens bisher gar nicht so schlecht gewesen, sagen zwei von ihnen auf Nachfrage von ORF.at. Trotzdem ist in Gesprächen mit „Ridern“, wie die Boten bei foodora heißen, Besorgnis durchzuhören: Offenbar wird der Sparstift angesetzt. Mehrfach wird über Kündigungen berichtet. Die Unternehmensleitung bestätigt das und begründet den Schritt mit saisonalen Nachfrageschwankungen.

Foodora-Fahhradbote
ORF.at/Dominique Hammer
Die foodora-Boten wünschen sich verbindliche Standards für ihre Arbeitsbedingungen

Befürchtet wird auch, dass das Kilometergeld, das die Radboten bekommen, gestrichen werden könnte. Bisher gebe es diese Pauschale, laut Fahrern „zehn bis 15 Prozent“ des Gehalts, nur als „freiwillige Leistung“. Als solche ist diese jederzeit unternehmensseitig aufkündbar. Das Kilometergeld solle als fixer Lohnbestandteil in der Betriebsvereinbarung festgeschrieben werden, wünschen sich die Mitarbeiter. Dasselbe gelte etwa für einen Zuschlag für Fahrten im Winter. Die Zusteller sind bei jedem Wetter unterwegs, häufig dann, wenn bei der Kundschaft nur die Lust hinaus zu gehen noch kleiner ist als die, selbst zu kochen.

Einkommen schwer zu kalkulieren

Eine „Riderin“ oder eine „Rider“ beginnt bei foodora im Regelfall als freier Dienstnehmer, meist geringfügig beschäftigt, wie einer von ihnen schildert. Nach drei Monaten hat er oder sie die Chance auf einen Fixvertrag. Früher seien Fahrer hauptsächlich fix angestellt worden, mittlerweile habe sich das geändert.

Die Dienstpläne werden wöchentlich erstellt, fixe Schichten gebe es nur für angestellte, nicht für selbstständige Fahrer. Die Folge sei, dass deshalb auch Dienste und Einkommen nicht fix kalkulierbar seien. Freie Dienstnehmer erhalten vier Euro pro Stunde Fixum, dazu kommen zwei Euro pro Zustellung. Im Durchschnitt schafft ein Fahrer zwei bis 2,5 Fahrten pro Stunde. Fix beschäftigte „Rider“ erhalten 7,58 Euro Stundenlohn plus 60 Cent Kilometergeld als Pauschale pro Bestellung.

„Auch Übergangsjobs brauchen Regeln“

Die Fahrer blieben oft nicht lange, manchmal einige Monate, manchmal nur ein paar Wochen, erzählt ein „Rider“, der schon länger für foodora unterwegs ist. Das Fahrradzustellgeschäft sei der klassische „Studijob“, der auch seine guten Seiten habe, etwa Flexibilität. Trotzdem: „Auch Übergangsjobs brauchen ihre Regeln“, so Siegl. Das sieht auch die vida so. Dort spricht man von Unsicherheiten und Prekariat bei Botendiensten generell.

Den Betriebsräten bei foodora bescheinigt Karl Delfs, Fachbereichssekretär Straße bei der vida, ein hohes Maß an Problembewusstsein. Ziel sei ein Kollektivvertrag für alle Fahrradbotinnen und Fahrradboten in der Sparte Kleintransportgewerbe, wie er im Gespräch mit ORF.at erklärt. Aus der Wirtschaftskammer seien die Signale dafür positiv.

Eine boomende Branche

Die Zahl der Fahrradlieferdienste schätzt man bei der Gewerkschaft auf knapp 450 in ganz Österreich, darunter oft Einpersonenunternehmen – Tendenz steigend. Und hier sieht Delfs auch Gefahr heraufdämmern. Der Markt für Botendienste boomt. Immer mehr Restaurants setzen auf Liefermodelle, Supermarktketten stecken viel Geld und Energie in Onlinebestell- und Zustellservices.

„Wenn es in einem wachsenden Markt keinen Rahmen gibt, ist Sozialmissbrauch an der Tagesordnung“, so Delfs. „Ein Kollektivvertrag ist unerlässlich.“ Auch ein Mindestgehalt müsse fixiert werden. Das foodora-Management habe sich kooperativ verhalten, so Delfs. „Aus Erfahrung wissen wir, dass auch der Arbeitgeber von der Betriebsratsgründung profitieren wird.“

Was die Fahrer auf jeden Fall nicht wollen: Schaden anrichten. Es gebe „sehr viele tolle Radbotendienste“, sagt Betriebsratsvorsitzende Siegl. Mit denen wolle man sich vernetzen und auf jeden Fall vermeiden, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die diesen – vor allem Kleinunternehmen - wirtschaftlich das Genick brechen könnten. Schlechte Worte über das Management in Wien verlieren die Betriebsräte übrigens keine. Es geht ihnen vor allem darum, die Situation für die Botinnen und Boten abzusichern. „In Wien läuft es noch halbwegs“, sagen sie. Gemeint ist der Vergleich mit dem Ausland. In Italien etwa haben die foodora-Boten im Streit über neue Verträge schon einmal gestreikt. Auch beim britischen Lieferservice Deliveroo.

„Man ist schon sehr allein auf der Straße“

Es sei jedenfalls "längst Zeit geworden für Ansprechpersonen“ in rechtlichen Belangen und eine Interessenvertretung für die Fahrer, schildert Siegl. Außerdem sei da und dort gekürzt worden, eine Fahrradgarage etwa, die früher auch als „Communitytreffpunkt“ fungiert habe, müsse man sich mittlerweile selbst organisieren. Irgendwie habe sich auch das Gefühl entwickelt, „ich will informiert werden und mitreden“ bei Entscheidungen. Einziger Wermutstropfen: Der Betriebsrat kann rein rechtlich natürlich nur die Interessen der angestellten Fahrerinnen und Fahrer vertreten. „Man ist als Fahrer schon sehr allein auf der Straße“, sagt einer im Gespräch mit ORF.at - besonders als selbstständiger.

Ein „Start-up“ mit Großinvestoren im Rücken

Foodora liefert Essen für Restaurants aus, die keinen eigenen Zustelldienst haben. Der Kunde bestellt online über das Portal oder per App, der Bote bekommt eine Nachricht auf sein Smartphone. Foodora verspricht eine Lieferung binnen 30 Minuten. Der Mindestbestellwert beträgt „normalerweise“ 15, die Liefergebühr 3,50 Euro.

Ein „Rider“ radelt in einer Fünfstundenschicht gut 50 Kilometer, also im Schnitt zehn Kilometer pro Stunde, rechnet einer vor. Eigenes Rad und Smartphone („iPhone 4s oder neuer“) samt Datenflatrate sind Voraussetzungen, um aufgenommen zu werden. Foodora, immer noch gerne als „Start-up“ bezeichnet, ist mittlerweile in zehn Ländern - von Kanada über Norwegen, Österreich und Italien bis Australien - aktiv und hat nach eigenen Angaben über 5.000 Restaurants unter Vertrag.

Das Unternehmen wurde 2014 in München gegründet, 2015 erfolgte die Übernahme durch Rocket Internet, ein auf Online-Start-ups spezialisiertes Beteiligungsunternehmen mit Sitz in Berlin. 2015 kaufte Delivery Hero, ebenfalls mit Sitz in Berlin und aktiv in über 30 Ländern, den Lieferdienst. In Wien ist er seit 2015 vertreten.

Management zeigt sich kooperativ

Laut dem Standortleiter bei foodora in Wien, Nikolas Jonas, arbeiten in der Bundeshauptstadt derzeit knapp 300 Fahrerinnen und Fahrer für den Lieferdienst. Meist bevorzugten sie Anstellungen als geringfügig Beschäftigte. Rund 200 Kuriere seien freie Dienstnehmer. Ein Grund, weshalb nicht alle „Rider“ fix angestellt sind, seien Nachfrageschwankungen, erörtert Jonas. Reguläre Anstellungsverhältnisse würden im Rahmen des Möglichen ausgebaut.

Derzeit arbeite foodora gemäß dem Kollektivvertrag für Kleintransporteure, so Jonas weiter. Ein eigener für Radboten „per se wäre spannend und aus jetziger Sicht wertungsfrei zu beurteilen, da wir punkto Kollektivvertrag bereits proaktiv aufgestellt sind. Eine Übereinkunft zwischen Betriebsrat und Firma sollte die restlichen, noch offenen Punkte, abdecken.“

Betreffend die Betriebsratsgründung habe es im ersten Moment Bedenken gegeben, „die von Unerfahrenheit bezüglich des Zusammenspiels geschürt waren“. Die seien aber ausgeräumt worden, schließlich sei auch die vida „vom bisherigen Ablauf sowie von der Reaktion seitens foodora positiv überrascht“ gewesen. Österreich ist das erste Land, in dem die Fahrer bei foodora nun eine offizielle Arbeitnehmervertretung haben - und offenbar auch auf absehbare Zeit eine Betriebsvereinbarung.

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