Ein Kind vor einer löchrigen Mauer

Reuters/Shamil Zhumatov

Angst vor Männern in Uniform

Ob in Flüchtlingslagern in Jordanien oder in Schulklassen in Österreich – weltweit leben Kinder mit den Nachwirkungen von Krieg und Flucht. Auch in der Ukraine. 1,7 Millionen Menschen sind laut UNO-Kinderhilfswerk (UNICEF) innerhalb des Landes vor den Kämpfen im Osten geflüchtet. 600.000 leben noch immer in unmittelbarer Nähe der Front.

Während an der Frontlinie nach wie vor fast täglich geschossen wird, versuchen in der nur rund 50 Kilometer entfernten Stadt Slowjansk Kinder, die traumatischen Erlebnisse des Krieges und der Flucht zu verarbeiten: die dumpfen Einschläge von Granaten, die das Zuhause erzittern lassen. Die Schatten der Heckenschützen, die vor dem Küchenfenster vorbeihuschen. Die Raketen, die den Nachthimmel erleuchten. Die Nächte in kalten Kellern, während draußen der Krieg tobt. Den Verlust von Familienangehörigen, Freunden und Nachbarn. Die Ängste und die tiefe Verunsicherung der Eltern.

Alpträume und Trennungsangst

„Meine Tochter wird immer wieder aus heiterem Himmel aggressiv“, erzählt eine Mutter, die im krisenpsychologischen Zentrum Promir in Slowjansk auf ihr Kind wartet. Sieht die Sechsjährige auf der Straße Männer in Uniform, werde sie unruhig. Beides sei typisch für die posttraumatische Belastungsstörung, sagt die Psychologin Tatjana Aslanjan, die Promir (auf Deutsch: Für den Frieden) vor vier Jahren gegründet hat.

Frau in einem schwach beleuchteten Raum
ORF.at/Romana Beer
Im krisenpsychologischen Zentrum Promir bekommen Kinder und Erwachsene langfristige und individuelle Unterstützung

Seitdem wurden hier etwa 10.000 Menschen kostenlos betreut, 60 Prozent davon Kinder. „Viele sind ängstlich und nervös. Sie erschrecken bei lauten Geräuschen, haben Alpträume, wollen keine Sekunde von ihren Eltern getrennt werden“, sagt Aslanjan. „In der Schule können sie sich nur schwer konzentrieren, manche stottern. Viele haben ein schlechtes Immunsystem, sie erkälten sich schnell und sind oft krank.“

Malen gegen das Trauma

In einem abgedunkelten Raum von Promir findet Kunsttherapie statt. Vier Kinder liegen auf großen Pölstern, vor ihnen auf dem Boden selbst gemalte Bilder. Bunte Lichter bewegen sich sanft durch den Raum. Die achtjährige Bogdana erzählt, was sie gemalt hat: einen schneebedeckten Wald. Tiere, die sich in einer Höhle verstecken. Nur die Bäume dürfen im Freien bleiben, „denn die können sich mit ihren spitzen Nadeln schützen“.

Kinder mit Zeichnungen
ORF.at/Romana Beer
Malen und darüber sprechen – in der Kunsttherapie verarbeiten Kinder das Erlebte

Im April 2014, als Bogdana vier Jahre alt war, verbarrikadierten sich prorussische Separatisten im Zentrum von Slowjansk. Monatelange Gefechte mit den ukrainischen Regierungstruppen waren die Folge. Wohnhäuser wurden durch Beschuss zerstört, viele Menschen flüchteten aus der Stadt. Das Leben in Slowjansk hat sich mittlerweile wieder weitgehend normalisiert. Doch der Krieg hat seine Spuren hinterlassen. An den Hausmauern. Und in den Menschen.

Hinweis

Die Reise in die Ukraine wurde zum Teil von Sponsoren der Caritas finanziert.

Gefechtslärm vor dem Einschlafen

200.000 Kinder leben nach Angaben der UNICEF immer noch in der Pufferzone, jenem Bereich, der sich zu beiden Seiten der Frontlinie erstreckt. 40 Prozent von ihnen erleben jeden Tag Kampfhandlungen, 60 Prozent zumindest einmal in der Woche – „ein unheimlicher Stress, der zu schweren Traumatisierungen führt“, sagt Andrij Waskowycz, Präsident der Caritas Ukraine. In Schulen und Kindergärten in der Pufferzone wird mit Unterstützung der Caritas Österreich psychosoziale Unterstützung angeboten. Auch in Krasnohoriwka, einer Kleinstadt, gerade einmal 20 Kilometer westlich der von prorussischen Separatisten besetzten Stadt Donezk.

Krasnohoriwka liegt in unmittelbarer Nähe zur Kontaktlinie, der euphemistischen Bezeichnung für die Front zwischen den Regierungstruppen und den prorussischen Separatisten, die die selbst ernannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk kontrollieren. Viele Kinder aus Krasnohoriwka leben seit ihrer Geburt mit dem Krieg. Wasser ist oft knapp, die Stromversorgung häufig unterbrochen. Der Wald um Krasnohoriwka ist stark vermint. Im Kindergarten unterstützen zwei Mitarbeiterinnen der Caritas die Kinder mit Nachmittagsaktivitäten dabei, Resilienz – psychische Widerstandskraft – aufzubauen und aufrechtzuerhalten.

Sergej Bogdanow
Sergej Bogdanow
Sergej Bogdanow hat an der Universität Wien Medizin studiert und leitet das Zentrum für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung der Universität Kiew-Mohyla-Akademie

„Der Krieg hat eine negative Wirkung auf die kindliche Psyche. Er verursacht posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und andere psychische Probleme“, sagt Sergej Bogdanow, Psychologe und Psychotherapeut. Familien, die noch im umkämpften Gebiet wohnen, seien einer realen Gefahr ausgesetzt. „Sich die Hoffnung erhalten, dass alles wieder gut wird, ist in dieser Situation schwierig.“ Bei Familien, die geflüchtet sind, kämen zu den psychischen noch materielle Probleme wie die Suche nach einer Wohnung und nach Arbeit.

138 Kinder im Krieg getötet

„Die Situation wird immer schlimmer“, bestätigt Waskowycz. Die letzten Ersparnisse der Menschen seien aufgebraucht, die staatliche Unterstützung gering. Viele wüssten nicht, ob sie sich von ihrem wenigen Geld Lebensmittel oder Medikamente kaufen sollen. Der Krieg habe eine Abfolge von Problemen mit sich gebracht: „Armutsprostitution, Kriminalität und Alkoholismus sind stark im Steigen. Viele Familien wurden auseinandergerissen.“ Die psychische Belastung durch den Krieg und die materielle Not machen es vielen Eltern schwer, ihren Kindern ein geborgenes Zuhause zu geben.

„Die psychischen Ressourcen der Familien schmelzen sehr schnell“, sagt Bogdanow, der 2014 mit seiner Expertise half, das Promir-Zentrum aufzubauen. Schaffen Eltern es, sich um das emotionale Wohlbefinden ihrer Kinder zu kümmern, haben Kinder laut Bogdanow gute Chancen, sich weitgehend unbeschadet weiterzuentwickeln. Wird die Familie aber auseinandergerissen oder steigt die Gewalt innerhalb der Familie, sei es für das Kind viel schwieriger, den Stress, den der Krieg mit sich bringt, zu bewältigen. „Viele Kinder empfinden Konflikte innerhalb der Familie als schlimmer als den Krieg.“

Tanzende Kinder
ORF.at/Romana Beer
Tanzen, Kunst, Fußball: In Kinderzentren der Caritas können Kinder aus sozial benachteiligten Familien Kurse besuchen

Eine Studie des Zentrums für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung der Universität Kiew-Mohyla-Akademie hat ergeben, dass jedes vierte Schulkind im umkämpften Osten der Ukraine psychosozialen Stress erlebt. „Der Krieg dauert schon vier Jahre“, sagt Bogdanow. „138 Kinder wurden bisher getötet.“ Ein Ende sei nicht in Sicht.

Weltweit sind nach Angaben der UNICEF 48 Millionen Kinder in Kriegs- und Krisengebieten auf Hilfe angewiesen. Fast jedes vierte Kind wächst derzeit in einem Land auf, das von bewaffneten Konflikten oder Katastrophen betroffen ist.

Links:

Publiziert am 13.03.2018

Zu diesem Thema