Szenenbild mit Aufbledungen zum Wozzeck

Salzburger Festspiele / Ruth Walz

„Wozzeck“ ertrinkt im Laufbilddekor

Von den großen Opern des 20. Jahrhunderts ist „Wozzeck“ vielleicht die überzeugendste zwischen Schonungslosigkeit und Verführungskraft. Der Künstler William Kentridge setzt den Klassiker von Alban Berg in ein poetisches wie dunkles, doch recht klar lesbares Szenario animierter, aufgeblendeter Kohlezeichnungen und Video-Loops. Das Publikum reagiert begeistert auf so viel Verführung. Doch die Überdeutlichkeit von Kentridges Bildern schnürt der Oper auch die Luft ab.

Zwei Künstler von Weltformat als Opernregisseure binnen zweier Tage in Salzburg: zuerst die Iranerin Shirin Neshat mit ihrer minimalistischen, demilitarisierten Lesart der „Aida“ im Großen Festspielhaus, nun der Südafrikaner Kentridge im Haus für Mozart mit einer poetischen Kammerspielarbeit zu einem der Klassiker der Moderne schlechthin. Unterschiedlicher könnten die Herangehensweisen nicht sein. Doch fällt bei beiden Arbeiten eines auf: Eine zentrale Idee soll den Opernabend tragen.

Bei Neshat ist das, blickt man auch auf die Stimmen der Kritik, in dreieinhalb Opernstunden nicht ganz aufgegangen. Bei Kentridge und 90 Opernminuten und den von Berg musikalisch fein getakteten drei mal fünf Szenenfolgen lässt sich dieser Ansatz in puncto Publikumswirkung im Gefühl großer Stimmigkeit und Dauerbewegung durchhalten. Mit seinem zweiten Regisseur Luc de Wit setzt Kentridge den „Wozzeck“ auf eine Bretterbühne und in ein Halbrundpanorama verschiedener Bildprojektionen.

Szenen wie an einer Kette aufgefädelt

Im Bretterwald der Bühne fädelt Kentridge die von Berg so geschickt wie verführerisch durchkomponierten Szenen wie an einer Kette auf. Fast nie geht die Bewegung verloren, eine Szene geht mühelos (manchmal auch schön knarrend) in die andere über. Im Hintergrund laufen Bilder, die eine beinahe historisch-kritische Werktreue nahelegen. Kentridges animiertes Kohlezeichnungspanorama nimmt eindeutig auf den Ersten Weltkrieg und den Kompositionszeitraum der Oper Bezug, die Berg ja aus dem gefundenen Dramenfragment „Woyzeck“ von Georg Büchner (1836/37) szenisch adaptiert hatte.

Matthias Goerne als Wozzeck in Kentdridges-Inszenierung

Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Großes Kino, kleines Kino und inmitten: Matthias Goerne als Wozzeck, der am Ende den Weg ins Wasser nimmt

Wozzeck und das Wissen um das Schicksal

Wozzeck, gesungen und szenisch interpretiert vom Bariton Matthias Goerne, ist in diesem Szenario ein Held, der schon seine eigene Geschichte im Super-8-Kino, das als Miniprojektion in der Großkomposition angelegt ist, miterlebt. Einerseits mag man das als Bezug auf die vielen Inszenierungen vor dieser Arbeit lesen - andererseits ist ja der dramatische Endpunkt der Oper und Wozzecks Schicksal bekanntlich von Anfang an deutlich benannt. Der kreatürliche Antiheld wird hin und her geschubst, er ist das Experimentierobjekt der Kriegswelt; aus Eifersucht wird er seine Marie erwürgen und selbst ins Wasser gehen.

„Wozzeck“ als Kentridge-Werkschau

Der Künstler William Kentridge inszeniert in Salzburg. Gleichzeitig zeigt das Museum der Moderne eine umfangreiche Werkschau des Südafrikaners.

Beinahe naturalistisch wirkt dieser „Wozzeck“ in dieser Bühnenfassung, stilisiert überzeichnet dagegen eher der Tambourmajor (John Daszak), der Doktor (Jens Larsen) und ein kaiserlich karikierter Hauptmann (Gerhard Siegel). Andres (Mauro Peter) ist in der Figurenzeichnung wiederum sehr eng an Wozzeck angelehnt. Und Marie (Asmik Grigorian)? Sie sticht als einfaches, fragiles Mädchen in Unschuld aus diesem mitunter fast Schwejk’schen Dekor hervor.

Matthias Goerne im Bühnenbild von William Kentrdige

Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Mauro Peter als Andres und Matthias Goerne im Bewegtbilderwald von Kentridge

Wozzeck ist getrieben, das wohl. Er verhakt sich in einer Reihe von Mikroszenen, die sehr gekonnt der Berg’schen Intention entgegenkommen. Allerdings: Fast nie gelingt die Typisierung, die doch für diese Oper, nicht zuletzt in ihrer freien Tonalität, so charakteristisch ist. Allein das Kind von Wozzeck und Marie als Handpuppe mit Gasmaske (die freilich ab der 20. Reihe ein bisschen wie ein Donald-Duck-Schnabel aussieht) trägt der nötigen Typisierung einen Hauch von Rechnung. Dass im Vordergrund eine sehr angelsächsische Theaterästhetik mit beinahe mimetischen, naturalistischen Elementen dominiert, als müsste das Globe Theatre in der Gegenwart ankommen, hat viel mit den Absichten des Künstlers zu tun.

Kentridge als Strippenzieher des Abends

Kentdrige will die Typisierung und Stilisierung im großen Bühnenpanorama seiner kongenialen Kohlezeichnungen ablaufen lassen. Er setzt Zeitbezüge, er setzt Bedeutungsketten, er, der Fädenzieher dieses Theaterabends, der fast schon Marionettentheater ist, löst sie auch wieder auf. Das mag man als sehr gelungen sehen - und die Arbeit des Südafrikaners, die schon an vielen Orten der Welt zu sehen war, wird hier in der Verdichtung auf die Spitze getrieben. Doch es ist ein sehr eindeutiges Bedeutungssetting, das der Künstler damit vorgibt. Viel Luft zum Atmen und Assoziieren bleibt nicht.

Hinweis

„Wozzeck“ ist bei den Salzburger Festspielen noch am 14., 17., 24. und 27. August zu sehen. Zugleich ist im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg und im Rupertinum die Kentridge-Retrospektive „Thick Time“ zu sehen.

Allein die Auftritte des wieder sehr überzeugenden Staatsopernchors nehmen die Dominanz des Bildarsenals im Hintergrund. Musikalisch ist der Abend unter der Leitung von Wladimir Jurowski und den Wiener Philharmonikern äußerst solide. Von Goerne hätte man sich stimmlich mitunter mehr Klarheit erhofft. Die junge Litauerin Grigorian ist bei ihrem Salzburg-Debüt der heimliche Liebling des Publikums.

Gerald Heidegger, ORF.at

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