Zwei Darstellerinnen in Kasimir und Karoline

Salzburger Festspiele / Alexi Pelikanos

Horvath als „La La Land“ und „Lindenstraße“

Öffnung haben die Salzburger Festspiele für 2017 auch versprochen, und im Schauspiel tun sie das mit einer Neuproduktion des Ödön-von-Horvath-Klassikers „Kasimir und Karoline“, für die 300 Bewerber gecastet wurden. Herausgekommen ist eine Performance von 23 bunt zusammengestellten Charakteren, die aus Horvaths „Volksstück“ einen Grenzgang zwischen Modern Dance und Vorabend-Soap machen: „La La Land“ trifft „Lindenstraße“.

„Is that all there is“ - es ist der durch Peggy Lee zum Hit gewordene 60er-Jahre-Song von Jerry Leiber und Mike Stoller, der wie ein Motto über diesem Abend schwebt und vielleicht die bekannte Losung des Franz Biberkopf, vom Leben „mehr zu wollen als das Butterbrot“, in eine poetische Formel bringt.

Denn eigentlich wollte Horvaths Karoline wie ihr Zeitgenosse aus dem Döblin’schen „Berlin Alexanderplatz“ doch nur mal auf das Oktoberfest gehen und ein Eis essen - doch dann schweben die Zeppeline über ihren Kopf und den ihres Geliebten, Kasimir, und wenige Sätze später ist ihre Beziehung schon Geschichte.

Horvaths aus 117 Szenen gebautes „Volksstück“, knapp nach den „Geschichten aus dem Wienerwald“ entstanden, ist eines der größten Würfe im Bereich der Dramenliteratur seiner Zeit. Mitleidlos wird die aus den Fugen geratene Nachkriegswelt und die darin regierende Geldwertlogik vorgeführt. Zumal Horvath einen Grenzgang zwischen Figurentypisierung und angedeuteter Individualisierung schafft, die eine Identifikation mit dem Gefühl - heute würde man sagen: „dem Frame“ - der Zeit ermöglichen, nicht aber mit den einzelnen Charakteren. Auch sind seine Figuren nicht durch die Umstände des Milieus motivierte Personen, sondern auf die Umstände der Zeit reagierende, mitunter hilflos naive Gestalten.

Ein Mann ohne Eigenschaften

Und sein Kasimir, er ist ein wenig die basale Vorwegnahme von Musils Ulrich, auch wenn Musil ja seine Zeitdiagnose rückdatiert auf die Jahre 1913/14. Wenn Karoline den Zeppelin über dem Oktoberfest entdeckt, kann Kasimir nur barsch konstatieren: „Ich scheiss dir was auf den Zeppelin, (...) das ist ein Luftschiff, und wenn einer von uns das Luftschiff sieht, hat er das Gefühl, er könnt mitfliegen.“ Und weil Kasimir konstatiert und durchschaut, aber nicht handeln kann, bleibt er allein, und die Braut zieht weiter. Denn: „If that’s all there is to love, my friends, (...) then let’s keep on dancing.“

Ein neuer, auf den Kopf gestellter Horvath

Abigail Browde und Michael Silverstone montieren mit ihrem „600 Highwaymen“-Projekt diesen Song mit seiner Kurt Weil’schen Charakteristik als zentrale Triebfeder in den von Sasa Celecki neu adaptierten Text ein. Es ist eine Form von amerikanisiertem Epischem Theater, das Horvath in eine zunächst enge Schablone presst.

Sehr interpretativ wird hier auf das Horvath’sche Oktoberfest geführt. Die Figuren sind am Anfang stark ausgeleuchtet. Rasch aber wird klar: Jeder der 23 Darsteller kann jeder im Stück sein, und der Text, er springt auf die Akteurinnen und Akteure auf, und mitunter springen die Akteure auch wieder vom Text ab.

Viel Handwerk für den Flow

Die Szenen gleiten noch stärker als bei Horvath ineinander über, und gerade weil hier eine gecastete Gruppe von schauspielerfahrenen Personen am Werk ist, aber eben kein Schauspielensemble, müssen Verbindungsglieder gesucht werden. Mit Anneliese Neudecker (Bühne) oder Stefanie Hackl (Dramaturgie) sind junge, aber zugleich erfahrene Theaterfachleuchte am Werk, die geschickt im Fundus ihres Handwerks nach verbindenden Elementen suchen: Das Betreten eines klar definierten Handlungsraums, dauernde, stilisierte Bewegungen, viele Modern-Dance-Elemente - das schafft Fluss und Konsistenz und deckt viele Brüche, die ja auch der Charme dieser Arbeit ausmachen, zu; aber es muss am Ende doch ein geschlossener Theaterabend werden und nicht eine Horvath-Familienaufstellung.

Tanzende Darsteller im Stück Kasimir und Karoline

Salzburger Festspiele / Alexi Pelikanos

„If that’s all there is, let’s keep on dancing“: Vincent Sauer, Ella Badura, Alaaeldin Dyab, Ivy Lissack, Marie Jensen, Maresi Riegner, Glen Hawkins, Andreas Weiss und Valentina Schüler (von links nach rechts)

Persönliches Schicksal und schwelende Sozialdramatik sind immer abgefedert, typisiert und schließlich so verpackt, dass man sich als Betrachter in einer Form von Vorabend-Soap wiederfindet. Es ist eine Leistung des Abends, die Sätze aus der Vorlage so herauspräpariert zu haben, dass sie ein starkes Einstiegs- und Wiedererkennungsangebot an das Publikum sind. Und wahrscheinlich steckt in Horvaths Volksstück-Szenerie ein guter Teil an Vorwegnahme einer Fernsehsoap.

„La La Land“ und „Lindenstraße“

Stellte man sich statt der verwendeten düster dröhnenden Musik von Brandon Walcott den Jingle aus Heiner W. Geißendörfers ‚SPD-Dallas‘ vor, man könnte hier auch in einer „La La Land“-Version der „Lindenstraße“ gestrandet sein.

Dass ein Abend mit Text- und Figurenwechsel sehr leicht in die Strukturarbeit einer Therapiegruppe abgleiten kann, ist den Machern des Stücks bewusst. Sie stellen offenkundig und geschickt das Zusammenfinden dieser unterschiedlichen Persönlichkeiten mit sehr vielfältigen Herkunftsformen vor.

Hinweis

„Kasimir und Karoline“ ist am Salzburger Mozarteum noch vom 13. bis 16. August zu sehen.

Vor dem Ende ein inszenatorischer Bruch: Die tribale Dance-Version des Peggy-Lee-Klassikers, von Genet Zegay mit der Kaltschnäuzigkeit einer PJ Harvey (die gemeinsam mit John Parish diesen Song ja genau in seiner Episches-Theater-Dimension interpretiert hat) vorgebracht, wird zum dramaturgischen Rettungsanker des Abends. Noch einmal werden Motto und Grundüberlegung des Stücks verdichtet, bevor man zu guter Letzt doch ins Horvath’sche Finale zurückfindet: Kasimir ist mit Erna unterwegs. „Und Karoline?“, wie eine der Darstellerinnen fragt: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich -- aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln, als wär man nie dabei gewesen.“

„If that all there is, let’s keep on dancing.“ Noch haben die Stellvertreter der Moderne in diesem Stück nicht ganz aufgegeben, auf das Mehr vom Butterbrot zu hoffen. Der Plessner’schen Losung oder dem Horvath’schen Pessimismus, dass eine Gesellschaft auch Kälte braucht, um überleben zu können, fügte sich dieser Abend nicht. Das Publikum reagierte größtenteils begeistert. Ein paar Buhs der Werksiegelbewahrer mussten da auch darunter sein.

Gerald Heidegger, ORF.at

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