Bild der Performance "Schuldfabrik"

ben and martin

„Schuldfabrik“: Ablasshandel mit Menschenfettseife

Zum steirischer-herbst-Auftakt eröffnet der deutsche Künstler Julian Hetzel am Samstag seine „Schuldfabrik“: eine begehbare Installation, in deren Zentrum ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Waschmittel steht. Produziert wurde es in Zusammenarbeit mit Chirurgen, Juristen und Beratern – streng nach dem Transplantationsgesetz. Ein umstrittenes Experiment in Hinblick auf die NS-Geschichte.

„Das beste Fett für Seife kommt immer noch vom Menschen.“ Bei allen, die David Finchers „Fight Club“ gesehen haben, hat sich die Szene wohl für immer ins Gedächtnis eingebrannt: Brad Pitt und Edward Norten unternehmen einen nächtlichen Überfall auf eine Schönheitsklinik, um die dort abgesaugten Zellen zu stehlen, ungewollte Fettdusche inklusive. Diese recht grausliche Angelegenheit lässt Hetzel heuer beim steirischen herbst Wirklichkeit werden, wohlgemerkt in sterilerer Form: Er verkauft - ja, tatsächlich - eine selbst hergestellte Menschenfettseife.

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Menschenfett als Rohmaterial

Ganz so neu ist die Geschichte also nicht, und sie ist auch nicht unproblematisch. Im Konzentrationslager Stutthof machten die Nazis Experimente mit der Seifenfabrikation aus Leichen. Hetzels Projekt ist also historisch vorbelastet – darf man so etwas denn überhaupt machen? Der in Deutschland geborene und in Amsterdam lebende 35-jährige Künstler scheut, so scheint es, nicht das Risiko, mit seiner Themenwahl im Zweifelsfall auch Fehler zu begehen. Wie er im Interview mit ORF.at selbst sagt, sei es nicht unheikel, mit menschlichem Körpermaterial zu arbeiten. Das Projekt sei aufgrund der Größe der Thematik außerdem „komplett unkontrollierbar“.

Beichtstuhl und Fettabsaugung

Das Thema, das Hetzel in Angriff nimmt, ist tatsächlich komplex. Es geht um nichts weniger als Schuld und Schulden. Nach intensiver Recherche, von Ablasshandel bis Zinsen, präsentiert er seine Ergebnisse in einer ganzen „Schuldfabrik“, die am Samstag beim steirischen herbst in der Grazer Vorgartenstraße eröffnet wird.

„Fabriksrundgänge“, so heißen auch die rund einstündigen Touren durch das „Dreieck Religion – Geschichte – Politik und Kapitalisierung“. Wie gesagt: kein klein angelegtes Projekt. Begleitet von Performern kann man in einem Beichtstuhlzimmer etwa „das Teilen als christliche Form der Schuldbewältigung“ üben, gleich nebenan eine im wörtlichen Sinne „hautnahe“ Demonstration einer Fettabsaugung erleben und es gibt Einblicke in Hetzels Seifenproduktionslabor.

Aus der Schuld Kapital schlagen

Ausgangspunkt für Julian Hetzel war sein, wie er sagt, eigenes „Schuldenpaket als weißer, männlicher, europäischer Deutscher, katholisch getauft, aus der Kirche ausgetreten“, einem „relativ komplexen Schuldbündel“. Und er hat sich entschlossen, diesen Rucksack an Schuld – die persönliche ebenso wie die kollektive – zu verwerten und das neoliberale Credo der Selbstvermarktung auf die Spitze zu treiben, nach dem Motto: Wie können wir selbst noch aus unserer Schuld Kapital schlagen?

Hier kommt wieder die Seife ins Spiel. Sie ist in der „Schuldenfabrik“ käuflich zu erwerben, mit dem Erlös soll, so will es der Künstler, ein Brunnenbau in einem Dorf im südostafrikanischen Malawi unterstützt werden.

Fett als Symbol der Schuld

Bleibt die Frage, warum es ausgerechnet Menschenfett sein muss? Für Hetzel ist es ein Symbol für die Schuld, ein Sinnbild einer im Überfluss lebenden Gesellschaft. Da könnte man allerdings einwenden, dass Übergewicht gerade auch in Entwicklungs- und Schwellenländern ein Problem ist, wo der Zugang zu frischen Nahrungsmitteln fehlt. Und: Will man den Dicken jetzt tatsächlich Schuldgefühle aufbrummen?

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Körperhygiene mit Symbolgehalt

Das Projekt jedenfalls versucht „die Idee von Schuld als Rohstoff pervers neoliberal weiterzudenken“, wie Hetzel sagt. Der Gesellschaft solle damit die Perfidie der zeitgenössischen Formen von Ablasshandel vor Augen geführt werden, wie zum Beispiel das „Greenwashing“, zu Deutsch: die Behauptung von Unternehmen, sich in Sachen Nachhaltigkeit zu engagieren, ohne das hinreichend zu tun. Ob es ihm gelingt, das zu thematisieren? Man darf gespannt sein.

Geld spenden, das ist Kunst

Der Künstler ist übrigens auch noch mit einem anderen Projekt zu Gast in Graz, der Lecture-Performance „The Benefactor“. Auch hier geht es um Kunst und Geld. In den Niederlanden wurden in den 2000er Jahren Budgetkürzungen im Kultursektor diskutiert, der rechtsliberale Politiker Frits Bolkestein schlug zur Aufbesserung des Kulturbudgets Entwicklungshilfekürzungen vor.

Woraufhin Hetzel die Entwicklungshilfe selbst zum Kunstprojekt machte und in einer „2000-tägigen, interkontinentalen Dauerperformance“ jeden Tag einen Euro an ein Mädchen in einem Kinderdorf in der kongolesischen Stadt Uvira spendete. Im Herbst sind die 2000 Tage vorbei, in „The Benefactor“ kommen am 2. Oktober seine Überlegungen noch einmal auf den Tisch, wie Hetzel ankündigt, „in unterhaltsamer Verpackung“.

Paula Pfoser, für ORF.at

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