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Gradmesser für Kongresswahlen

Zwei Monate vor den Kongresswahlen in den USA machen Ultrakonservative und die religiöse Rechte mobil. Zehntausende Demonstranten versammelten sich am Samstag vor dem Lincoln Memorial in Washington, um gegen angeblichen Zerfall nationaler und religiöser Werte und gegen das politische Establishment zu protestieren.

Zwar war die Veranstaltung nicht ausdrücklich gegen US-Präsident Barack Obama gerichtet - doch die ultrakonservative Stoßrichtung gegen die Regierung war unverkennbar. „Amerika beginnt heute, sich wieder zu Gott zu wenden“, rief der Organisator der Veranstaltung und Moderator des TV-Senders Fox News, Glenn Beck. Er sprach vor mehreren Hunderttausend Teilnehmern.

Blick auf das Lincoln Monument und den Reflecting Pool in Washington

Reuters

Ein Meer an Menschen bei der Kundgebung in Washington.

Die Teilnehmer begannen die Veranstaltung mit einem Treuegelöbnis auf die US-Fahne und sangen die US-Nationalhymne. In einer Rede sagte die frühere republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, sie „spüre den Geist Martin Luther Kings“. In ihrer Ansprache ehrte sie zudem die US-Soldaten, die sich im Ausland im Einsatz befinden.

„Wir müssen Amerika wiederherstellen, wir müssen die Ehre Amerikas wiederherstellen“, rief Palin. „Seht euch um. Ihr seid nicht alleine! Wir sind Amerikaner und haben dasselbe stählerne Rückgrat, die Moral und die Courage wie Washington, Lincoln und Martin Luther King“, fuhr sie fort und erntete dafür minutenlange „USA, USA, USA“-Rufe von den Demonstranten.

Die frühere republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin

AP/Alex Brandon

Palin gilt als Galionsfigur der „Tea Party“-Bewegung.

Meer an US-Fahnen und Bannern

Zahlreiche Demonstranten trugen US-Fahnen bei sich, auf Banner mit politischen Botschaften wurde auf Bitte der Organisatoren verzichtet. Allerdings trugen viele der Anwesenden T-Shirts mit Aufschriften wie „Freiheit“, „Haben Sie Prinzipien?“ und „Die Ehre wiederherstellen“. „Wir wollen, dass unser Land zu den Prinzipien der Gründerväter zurückkehrt“, sagte der Demonstrant Lou Tribus, der aus dem südlichen Bundesstaat Tennessee angereist war.

Die Veranstaltung galt nach Ansicht von Kommentatoren auch als Gradmesser für die Stärke der rechten „Tea Party“-Bewegung, die seit über einem Jahr gegen die Regierung zu Felde zieht: Als Galionsfigur der Bewegung gilt Palin. Zahlreiche Mitglieder der Bewegung bemühen sich derzeit um eine Kandidatur bei den Kongresswahlen am 2. November, bei der die parlamentarische Mehrheit der Demokraten auf dem Spiel stehen könnte.

Kontroverse über Wahl des Ortes

Zugleich brach eine erbitterte Kontroverse über den Ort der Veranstaltung am Samstag aus. Die Rechten versammelten sich an der Gedenkstätte für Abraham Lincoln, den 16. Präsidenten der USA - und damit ausgerechnet an dem Ort, wo vor genau 47 Jahren der später ermordete schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King seine berühmte „I Have a Dream“-Rede über eine Gesellschaft ohne Rassenschranken hielt.

Bürgerrechtler monierten die Wahl des symbolträchtigen Ortes im Herzen Washingtons, teilweise war von einer Provokation die Rede. Allerdings sprach auch Alveda King, eine Nichte des Bürgerrechtlers, vor dem Denkmal Lincolns. Sie meinte, die derzeit schlechte Wirtschaftslage „reflektiert die moralische Armut Amerikas“.

„Amerikanische Werte“ und Gottesglaube

Beck selbst meinte, es handle sich in Wahrheit gar nicht um eine politische Veranstaltung. Das Motto der Demo heiße „Restoring Honor“ (die Ehre wiederherstellen) und es gehe darum, die US-Truppen zu unterstützen sowie die traditionellen „amerikanischen Werte“ und Gottesglaube wieder zur Geltung zu bringen.

Menschen blicken auf das Lincoln Monument in Washington

AP/Jacquelyn Martin

Zahlreiche Teilnehmer trugen Hüte, Fahnen oder T-Shirts mit der US-Flagge.

Die konservative Bewegung lehnt sich an die Boston Tea Party an. Die Bevölkerung hatte 1773 gegen die Steuerpolitik der Kolonialmacht Großbritannien aufbegehrt, indem die Bostoner eine Schiffsladung Tee ins Meer kippten. Drei Jahre nach dem Aufstand erlangten die USA ihre Unabhängigkeit. Die heutige Bewegung wirft Obama vor, er wolle in den USA den Sozialismus einführen. Sie kämpft unter anderem erbittert gegen die Anfang des Jahres in Kraft getretene Gesundheitsreform.

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