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„Lassen wir den verdammten Computer fliegen“

Der Chef der irischen Billigairline Ryanair, Michael O’Leary, denkt gerne laut über Sparpotenziale nach. Dabei ist er vor allem für seine eher unkonventionellen Ideen bekannt. Mehrmals scheiterten O’Learys Pläne an geltenden Sicherheitsstandards. Der 49-Jährige lässt sich davon aber nicht so schnell irritieren.

„Wieso hat jedes Flugzeug zwei Piloten?“, fragte O’Leary in einem im September veröffentlichten Interview für die Bloomberg Businessweek. In Wirklichkeit sei nur ein Pilot nötig. „Lassen wir den verdammten Computer fliegen.“ Anstatt des zweiten Piloten könnte genauso gut ein Mitglied der Crew darauf geschult werden, im Notfall einen Jet zu landen, sagte der Ire.

Meint O’Leary das tatsächlich ernst? Sicher kann man sich bei ihm nie sein, immerhin sei der "Schlagzeilen-Jagdhund“ (Bloomberg) O’Leary bekannt für seine „verrückten“ Ansagen. Trotzdem würden er und seine Ryanair der weltweiten Konkurrenz längerfristig den Takt vorgeben.

Ideen „mehr als grotesk“

O’Leary stehe mit seinen Sparideen für einen Paradigmenwechsel in dem Geschäft, heißt es in dem Artikel. Nur wenn „die Zeiten üppig wären, könnten es sich Konkurrenten leisten“, das Enfant terrible der Branche zu ignorieren. O’Leary sage, was die anderen denken. „Heutzutage kann man sich ohnehin dem Eindruck nicht erwehren, dass Fluggesellschaften ihre Passagiere als Vieh betrachten“, heißt es im Bloomberg-Artikel. „Nur O’Leary wird Sie eine Kuh nennen.“

Für seine Kritiker hört sich an diesem Punkt der Spaß auf. „Er beleidigt Passagiere, sobald er seinen Mund aufmacht“, zitierte Bloomberg die Gründerin der Fluggastvereinigung Flyers Rights, Kate Hanni. Seine Idee, den Kopiloten einzusparen, sei „mehr als grotesk“, so Paul Smith, Ex-Pilot und Essayist. „Selbst in Routinesituationen braucht man da eine zweite Person.“ Hanni will vermeiden, dass O’Learys „wilde und verrückte Ideen“ Schule machen.

Das „harte Biest“ Passagier

In Wirklichkeit haben sie das bis zu einem gewissen Punkt aber schon getan. Aufschläge für Gepäckstücke, sparsame bis keine Bordverpflegung waren noch vor einigen Jahren undenkbar, heute setzen bereits mehrere Airlines auf dieses Low-Cost-Modell. Ein Zuschlag für übergewichtige Passagiere, anfangs als „Schnapsidee“ a la O’Leary abgetan, ist mittlerweile ebenfalls Realität. Die Frage sei also nicht mehr, ob die Ideen des Ryanair-Sanierers jemals Chance auf Umsetzung hätten, sondern wie rasch und weit sich sein Paradigma durchsetzen werde.

Das sieht so aus: Für den Iren ist der Passagier kein "feinfühliges Wesen“, das andauernd „mit Gratispolstern, Decken und Tee“ verwöhnt werden müsse, sondern eher ein „hartes Biest“. Der Fluggast wolle nur „schnell, effizient, finanzierbar und sicher“ von A nach B gelangen. Dafür sei er durchaus bereit, auf Bequemlichkeit zu verzichten.

Ganz falsch kann O’Leary mit seiner Sicht der Dinge nicht liegen. Fast 17 Jahre, nachdem er das Ruder bei der einst defizitären Airline übernommen hatte, hat die Ryanair heute über 7.000 Mitarbeiter und will in diesem Jahr über 73 Millionen Passagiere transportieren. Die Marktkapitalisierung der Nummer eins unter den Low-Cost-Carriern liegt bei fast 5,5 Milliarden Euro.

Derzeit mach sich Ryanair erneut Hoffnung auf eine Übernahme seines inländischen Konkurrenten Aer Lingus. O’Leary glaubt, dass die irische Regierung wegen des Haushaltsloches gezwungen sein wird, Staatsbeteiligungen zu verkaufen, so auch die 25 Prozent an Aer Lingus. Ryanair hält bereits jetzt knapp 30 Prozent an Aer Lingus und hat zweimal vergeblich versucht, den kleineren Rivalen komplett zu schlucken.

Kosten drücken, wo es geht

Die Airline bemüht sich, Kosten zu drücken, wo es geht. Sie setzt auf eine einheitliche, junge Flotte aus Boeing 737-800, um Wartungskosten zu sparen. Die Sitze sind mit abwaschbaren Bezügen ausgestattet, um die Reinigung einfacher zu machen, angesteuert werden bevorzugt billige Airports. Gepäckservice braucht es laut O’Leary ohnehin nicht mehr. „Verzichten Sie auf diesen ganzen Mist. Nehmen Sie Ihre eigene Tasche selber mit.“ Andere Sparideen, wie die einer bestimmten Anzahl von Stehplätzen und der Reduktion der Anzahl der WCs an Bord musste der exzentrische Ire zwangsweise auf Eis legen. Sie scheiterten an geltenden Vorschriften für den Passagierluftverkehr.

„Leiden“ für billige Tickets?

Die langfristige Vision O’Learys ist die, dass seine Passagiere für Tickets überhaupt nichts mehr bezahlen müssen. Doch er will weiter der Revoluzzer bleiben. „Wenn Du keinen radikalen Ansatz hast, verfällst Du am Ende in dieselbe verdammte Denkweise wie die ganzen anderen Idioten in der Branche“, stellte O’Leary wenig schmeichelhaft zur Konkurrenz fest.

Gut möglich, dass ein Gros der Passagiere bereit ist, etwas zu „leiden“, so lange zumindest die Tickets billig sind. Allerdings macht es am Ende keinen Unterschied, wenn sich zum Gratisticket Gebühren für dieses und jenes summieren. Schon jetzt sind Billigairlines hier durchaus kreativ. Ein eingechecktes Gepäckstück kostet bei Ryanair zumindest 15 Euro extra, beim zweiten (Maximum) wird es dann empfindlich teurer. Billigflieger (und nicht nur sie) verrechnen außerdem Gebühren für Online-Check-in, Ryanair weiters für Kleinkinder, Sportgeräte etc. Ob der Passagier dann auch noch Lust hat, an Bord die Kreditkarte zu zücken, ist fraglich.

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