Themenüberblick

„Den E-Book-Markt gibt es noch nicht“

Während der Verkauf von elektronischen Büchern in den USA an Fahrt gewinnt, findet der E-Book-Markt in Österreich und Deutschland noch unter der Wahrnehmungsschwelle statt. Belastbare Zahlen gibt es nicht. Das Angebot ist dürftig. Händler, Anbieter und Marktbeobachter sind dennoch optimistisch. Sie rechnen damit, dass es Ende des Jahres auch im deutschsprachigen Raum so richtig losgeht.

313 Millionen Dollar (239,7 Mio. Euro) wurden nach Angaben der US-Verlegerorganisation Association of American Publishers (AAP) in den USA im vergangenen Jahr mit E-Books umgesetzt. Der Markt wächst rasant. Im heurigen Jahr sollen sich die Verkäufe elektronischer Bücher nach Messungen von Marktforschern bereits vervierfacht haben. Der Marktanteil von E-Books betrug im Mai laut AAP bereits 8,48 Prozent des gesamten US-Buchmarktes im Vergleich zu 2,89 Prozent im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Der Branchenprimus Amazon gab im Sommer bekannt, dass die Verkäufe von E-Books jene von Hardcover-Ausgaben bereits deutlich überflügeln. Rund 22 Mio. elektronische Titel soll der Branchenprimus nach Schätzungen von Marktbeobachtern heuer bereits verkauft haben.

Auch das Angebot kann sich sehen lassen. Marktführer Amazon bietet nach eigenen Angaben mehr als 630.000 englischsprachige Titel zum Verkauf an. Daneben stehen für die Lektüre auf der hauseigenen Kindle-Plattform rund 1,8 Mio. gemeinfreie elektronische Versionen von Büchern, deren Schutzrechte bereits abgelaufen sind, zur Verfügung. Innerhalb von zehn Jahren, prognostizieren Analysten, wird weniger als ein Viertel aller Bücher in Papierform verkauft werden, vermeldete vor kurzem die „New York Times“ („NYT“).

Tristesse bei deutschsprachigen Titeln

Anders die Situation im deutschsprachigen Raum. Dort ist von einem E-Book-Markt nicht viel zu merken. In Branchenstatistiken des Buchhandels wird das Segment verschwiegen. Die Datenbasis sei noch zu klein, um über die Größe des Marktes Aussagen treffen zu können", heißt es beim Nürnberger Marktforscher GfK, der monatlich für die Buchbranche in Österreich und Deutschland Zahlenmaterial erstellt.

Verkaufszahlen wollen Anbieter von E-Books nicht nennen. Es sei noch ein junger Markt, man wolle sich nicht in die Karten schauen lassen, lauten Antworten auf ORF.at-Anfragen. „Es gibt keine Zahlen, weil es keine Verkäufe gibt“, sagt Rüdiger Wischenbart, Journalist und Berater mit Schwerpunkt auf Buch und Buchmärkte: „Im Unterschied zu den USA gibt es in Deutschland und Österreich noch keinen E-Book-Markt.“

Bescheidenes Angebot

Das Angebot an verfügbaren deutschsprachigen elektronischen Büchern bestätigt die Aussage des Beraters. Gerade einmal 26.000 Titel können auf der im März 2009 gestarteten Downloadplattform libreka der Deutschen Buchbranche heruntergeladen werden, der Großteil davon im nur bedingt attraktiven PDF-Format, der Rest im hierzulande branchenüblichen EPUB-Format mit Kopierschutz oder Wasserzeichen.

Der E-Book-Markt befinde sich in Deutschland noch im Promillebereich, sagt Ronald Schild, Geschäftsführer der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH, die libreka betreibt. Verkaufszahlen will er keine nennen. Zwar ziehe die Nachfrage in Deutschland an, meint Schild: „Den großen Durchbruch haben wir bisher aber noch nicht gesehen.“

„Noch viel Potenzial vorhanden“

„Es ist sicher noch viel Potenzial vorhanden“, meint auch Thalia-Österreich-Geschäftsführer Josef Pretzl. Die Buchhandelskette betreibt den nach eigenen Angaben größten Marktplatz für elektronische Bücher in Österreich. Insgesamt hat thalia.at rund 57.000 deutsch- und englischsprachige Titel im Angebot. Konkrete Verkaufszahlen will auch er nicht nennen. Pretzl spricht aber von „Zuwächsen im zweistelligen Bereich“.

„Den Geräten fehlt es an Funktionalität“

Als Gründe für die noch mangelnde Akzeptanz von E-Books im deutschsprachigen Raum nennt Schild das bescheidene Angebot an Inhalten und die geringe Attraktivität der verfügbaren Lesegeräte, die bisher die breite Masse noch nicht erreichen konnten.

Den Lesegeräten fehle es noch an Funktionalitäten und Kundenorientierung, meint der MVB-Geschäftsführer. So waren bisher die wenigsten Geräte internettauglich. Den Amazon Kindle gebe es im deutschsprachigen Raum nur in der internationalen Version und fast ohne deutschsprachige Inhalte, so Schild. Er hofft, dass Geräte wie das Apple iPad, das seit kurzem in Deutschland und Österreich verfügbar ist, den Durchbruch bringen werden.

Gezänk mit Google

Berater Wischenbart ortet bei den Verlagen bis jetzt auch einen gewissen Unwillen, den Markt zu erschließen. „Die potenziellen Marktteilnehmer haben sich so heftig dagegen abgegrenzt, dass bis jetzt nichts in die Gänge gekommen ist.“

Im deutschsprachigen Raum habe sich die Branche stattdessen darauf konzentriert, Google und andere Konkurrenten abzuwehren. Dabei habe man es versäumt, selbst ein Geschäft zu entwickeln, sagt Wischenbart.

„Genügend Geräte“

Dass es an brauchbaren Lesegeräten mangle, glaubt Wischenbart nicht. Es gebe genügend Geräte, die über „vernünftige Funktionen“ verfügen. Das Beispiel USA zeige, dass es funktioniere. In Österreich wolle sich laut Studien jeder Dritte in den nächsten drei Jahren ein elektronisches Lesegerät kaufen, meint Thalia-Österreich-Geschäftsführer Pretzl.

Es liege nun an den Verlagen, an dieser Entwicklung zu partizipieren und E-Books auf einer breiten und vielfältigen Basis zur Verfügung zu stellen, so Pretzl. Verlage und Autoren seien auch gefordert, rasch eine kundengerechte Preisschiene für E-Books umzusetzen.

„Viel Bewegung bei den Verlagen“

Pretzls Wunsch könnte sich schon bald erfüllen. Libreka-Betreiber Schild sieht bei der Verfügbarkeit von Inhalten bereits Licht am Ende des Tunnels: „Das wird sich in den nächsten Monaten dramatisch ändern. Wir sehen viel Bewegung bei den Verlagen.“

Jeder größere deutschsprachige Verlag arbeite daran, Neuerscheinungen als E-Book herauszubringen. Schild geht davon aus, dass innerhalb eines Jahres zumindest die Bestseller auch in elektronischer Form verfügbar sein werden.

„Kipp-Punkt erreicht“

Auch Berater Wischenbart sieht im deutschsprachigen Raum einen „Kipp-Punkt erreicht“. Im Laufe des zweiten Halbjahres könne man davon ausgehen, dass wesentliche Voraussetzungen geschaffen sein werden, so Wischenbart: „Dann kann es losgehen.“

Patrick Dax, ORF.at

Links: