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Erzählstimmen, die fesseln

Das Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse ist heuer besonders ergiebig, was neue, junge, frische Literatur betrifft, die es zu entdecken gilt: Argentinien. Dort wächst eine Schrifstellergeneration heran, die die gediegene lateinamerikanische Erzähltradition weiterführt, ohne angegraut zu wirken. Rund 200 argentinische Bücher sind zur Messe auf Deutsch erschienen.

Zitat:

„Was war mit Luis und mir geschehen, dass wir letztendlich in einem so grauen, großstädtischen Leben landeten, als habe Salvatierra alle verfügbare Farbe für sich beansprucht? Im Licht des Bildes, auf einigen Porträts, die er von uns Zehnjährigen gemacht hatte, sahen wir, grüne Birnen essend, lebendiger aus als jetzt in unserem Leben der Notariatsurkunden und Kaufverträge.“

Eines davon ist „Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra“ des 1970 in Buenos Aires geborenen Autors Pedro Mairal. Die spanische Tageszeitung „El Pais“ nennt ihn treffend einen „bissigen Analytiker seiner Gesellschaft, einschließlich ihrer lokalen Eigenheiten. Das verbindet sein Werk unmittelbar mit der argentinischen Tradition.“ In seinem nun im Hanser-Verlag erschienenen Buch ist Mairal weniger bissig, dafür umso gefühlvoller. In dem Roman geht es um den (fiktiven) verstorbenen Maler Salvatierra, der Zeit seines Lebens eine lange, zusammengestückelte Leinwand bemalte, die bei seinem Tod vier Kilometer lang ist und wie ein unendliches, ästhetisches Tagebuch gelesen werden kann.

Buchcover von "Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra"

Hanser Verlag

Buchhinweis:

Pedro Mairal: Das fehlende Jahr des Juan Salvatierra. Hanser, 140 Seiten, 15,40 Euro.

Nach seinem Ableben versuchen seine beiden Söhne, das Kunstwerk in einem Museum unterzubringen. Dabei fehlt ihnen auf, dass eine Rolle fehlt - jene aus dem Jahr 1961. Einer von ihnen macht sich auf die Suche und kommt dabei einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur. Wer war der stumme Salvatierra wirklich? Was spielte sich ab in dem Schuppen, in den er sich jahrzehntelang mehrere Stunden zurückzog?

Argentinisches Lebensgefühl

Das Buch ist in einem ruhigen, fast schon freundlichen Ton verfasst und entwickelt seinen Sog gänzlich ohne Knalleffekte. Im Laufe der Handlung verdichtet sich der Text auch zum Dokument der Vergangenheitsbewältigung eines der Söhne von Salvatierra. Immer wieder entdeckt er sich, seinen Bruder und seine verstorbene Schwester auf dem Gemälde. Die Geschichte ist berührend und gleichzeitig packend und fängt 60 Jahre argentinisches Lebensgefühl ein. Und man darf in der Lektüre versinken, dafür garantiert die lateinamerikanische Erzähltradition.

Buchcover von "Die Predigt von La Victoria"

C.H. Beck

Buchhinweis:

Eduardo Belgrano Rawson: Die Predigt von La Victoria. C.H. Beck, 303 Seiten, 20,60 Euro.

Die Folter - nach der Militärdiktatur

Nicht weniger spannend ist ein neu auf Deutsch übersetztes Buch von Eduardo Belgrano Rawson, der der älteren, etablierten Garde argentinischer Schriftsteller angehört. Er setzt sich in „Die Predigt von La Victoria“ intensiv mit der Zeit der Militärdiktatur und ihren Folgen für die Nachfolgegenerationen auseinander.

Ein Mann wird fälschlicherweise der Ermordung einer vermissten Minderjährigen bezichtigt. Die Zeiten der Diktatur sind zwar gerade überwunden worden - nicht aber ihre Methoden in der Rechtssprechung. Folter wird eingesetzt, es kommt zur Verurteilung. Jahre später taucht die ehemals Vermisste wieder auf - als zufriedene, verheiratete Frau. Doch damit nimmt die Geschichte erst ihren Lauf. Die heurige Buchmesse ist jedenfalls ein Glücksfall, nicht nur für Liebhaber der lateinamerikanischen Literatur - für die aber besonders.

Simon Hadler, ORF.at

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