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„Plan B“ nimmt langsam Formen an

Die Polkappen gehen zurück, der Meeresspiegel steigt, und Tierarten sterben aus: Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer dramatischer. Auf der Suche nach Gegenmaßnahmen rücken die Methoden von Geo-Engineering wieder in den Blickpunkt. Dabei sollen bereits vorhandene Klimaauswirkungen rückgängig gemacht werden. Die Ansätze werden immer skurriler.

Die Weltkonferenz zur biologischen Vielfalt, die Ende Oktober im japanischen Nagoya zu Ende ging, war ein Meilenstein für Geo-Engeneering. Angesichts der dramatischen Folgen, die der Klimawandel auf Tier- und Pflanzenarten hat, wurde dieses Konzept erstmals in den Abschlussbericht aufgenommen. Ein Triumph für all jene, die das Weltklima mittels menschlicher Ingenieurskunst retten wollen. Die bisher nur als „Plan B“ in Betracht gezogenen Maßnahmen könnten vielleicht bald mehr werden als Computersimulationen.

Kühlung nach Vorbild der Vulkane

Die Versuche der Geo-Ingenieure teilen sich in zwei Ansätze: Einerseits soll das bereits freigesetzte Treibhausgas Kohlendioxid wieder aus der Atmosphäre entfernt werden. Andererseits soll durch direkte Eingriffe der Strahlenhaushalt der Erde manipuliert werden. Bei der Solar-Radiation-Management-Methode (SRM) dienen Vulkanausbrüche als Vorbild, wo feine Schwefelpartikel bis in die Statosphäre gelangen und dort die Sonnenstrahlen reflektierten, was auf der Erde einen kühlenden Effekt hat.

Die SRM-Methode würde rasche Erfolge bringen, birgt aber auch mehr Risiken. Bisher scheiterten die am Computer simulierten Versuche an dem praktischen Problem, wie die Tonnen von Schwefel in die Stratosphäre transportiert werden können. Eine Studie der Universität von Calgary (Kanada) präsentierte erst kürzlich einen Lösungsvorschlag. Statt Schwefeldioxid soll Schwefelsäure in den Himmel gesprüht werden, die sich dann zu größeren Partikeln verbindet. Schwefelsäure ist leichter und könnte einfacher in große Höhen transportiert werden.

High Altitude Airship

Lockhead Martin

Luftschiffe von Lockheed sollen den Schwefel in die Stratosphäre transportieren.

Dafür entwickelte der US-Konzern Lockheed Martin bereits eine Art Luftschiff, das durch die Luft „schwimmt“ und sich über eine Kombination aus Auftrieb und Aerodynamik auch in großen Höhen bewegen kann, berichtete das Wirtschaftsmagazin „Economist“. Scott Barrett von der Columbia-Universität (USA) ist begeistert von der „unglaublichen Kosteneffizienz“ von Geo-Engeneering. Schwefel um wenige Milliarden Dollar könnte Maßnahmen zur Einsparung von Kohlendioxid, die das Hundertfache kosten, aufwiegen.

Trockenheit als mögliche Folge

Doch wo Licht, da auch Schatten: Zwar würde die richtige Menge Schwefel in der Stratosphäre einen kühlenden Effekt auf die Erde haben - der Klimawandel würde sich dadurch aber nicht stoppen lassen. So wäre es an den Polen immer noch zu warm und in den Tropen zu kühl. Zudem haben alle Computermodelle gezeigt, dass es bei steigender Kohlendioxidmenge und gleichzeitiger Kühlung der Atmosphäre zu zunehmender Trockenheit kommen würde. Solange dieser Nachteile nicht beseitigt sind, wird die SRM-Methode vorerst weiter nur in Computermodellen existieren.

Sanfte Methoden auf dem Vormarsch

Wegen der großen Risiken der SRM-Methode rückt der zweite Ansatz stärker in den Blickpunkt. Dabei wird - ähnlich wie bei der Photosynthese - Kohlendioxid aus der Atmosphäre gefiltert und in Ozeanen als Dünger deponiert. Die Carbon-Dioxid-Removal-Methode (CDR) greift sanfter ins System ein, dafür wirken die Maßnahmen auch langsamer. Überlegungen in diese Richtung gibt es viele, manche davon existieren schon seit Jahren.

Die Kruger-Methode

Zur Reduktion von Kohlendioxid in der Atmosphäre wird Kalkstein erhitzt, bis er in Kalk und Kohlendioxid zerfällt. Kommt Kalk mit Meerwasser in Berührung, entzieht er dem Wasser doppelt so viel Kohlendioxid, wie bei der Erhitzung entstanden ist. Dadurch nimmt einerseits der Kohlendioxidgehalt ab, andererseits wird der Übersäuerung der Meere entgegengewirkt.

Die ersten Versuche, Kohlendioxid mittels riesiger Filteranlagen aus der Luft zu gewinnen, stammen aus den 1990er Jahren. Einer der heutigen Vorreiter ist Tim Kruger vom neu gegründeten Geo-Engineering-Programm an der Universität Oxford. Unterstützt von Geldern des Ölkonzerns Shell arbeitet er an einer Anlage, die Kohlendioxid für 40 Dollar pro Tonne aus der Luft filtern soll.

Wolken weiß machen

Durch das neu erwachte Interesse an Geo-Engineering rücken aber auch andere Ideen ins Scheinwerferlicht. Eine der neuesten ist das „Wolkenbleichen“. Dabei wird feines Salzwasser in tiefe Wolkenschichten über dem Meer gesprüht, wodurch die Wolken weißer werden und daher mehr Sonnenlicht reflektieren. 2006 von zwei Wissenschaftlern entwickelt, beschäftigt sich mittlerweile eine Forschergruppe von über 20 Experten mit dieser Methode.

Gletscher „festfrieren“

Aber auch skurrile Ideen wie das „Festfrieren“ der Gletscher haben ihre Anhänger gefunden. Laut Slawek Tulaczyk, Gletscherexperte der Universität von Kalifornien in Santa Cruz, ist die verheerendste Auswirkung des Klimawandels der Anstieg der Meeresspiegel. Dabei ist aus seiner Sicht nicht so sehr das Schmelzen der Polkappen das Problem, sondern dass Schmelzwasser unter die massiven Gletscher Grönlands und der Antarktis gelangt und diese dadurch zu wandern anfangen.

Tulaczyk empfiehlt, das übermäßige Schmelzwasser abzupumpen oder es mit flüssigem Stickstoff gefrieren zu lassen und so die riesigen Gletscherstücke, die jedes Jahr unter anderem von Grönland wegbrechen, „anzukleben“.

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