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Verdrängtes Kapitel der Geschichte

Zahlreiche dunkelhäutige Besatzungskinder sollen in den frühen 1950er Jahren aus Österreich in die USA gebracht worden sein. Bis heute liegt dieses Kapitel der Nachkriegsgeschichte „beinahe vollkommen im Dunkeln“, berichtete Nico Wahl in der Onlineausgabe der „Zeit“. Niemand wisse, wie viele Kinder, die Beziehungen in Österreich entstammten, eine neue Heimat im Land ihrer Väter fanden.

„Jeden Tag sind österreichische Kinder angekommen, manchmal eines, manchmal drei“, erinnerte sich Trudy Jeremias, die damals beim Bodenpersonal auf dem New Yorker Flughafen Idlewild (heute JFK Airport) arbeitete. „Er kam in einem Tiroler-Gewand an und er hat auch so gesprochen. Peter war ein schwarzes Kind“, schilderte Jeremias im „Zeit“-Artikel, zu deren Job es gehörte, die Kinder aus Europa - nach Jeremias’ Angaben im Alter zwischen vier und sieben Jahren - in den USA in Empfang zu nehmen und durch die Grenzkontrollen zu ihren neuen Adoptiveltern zu begleiten.

Es sollen meist die Kinder gewesen sein, die amerikanische Besatzungssoldaten dort zurückgelassen hätten, wo sie stationiert gewesen seien. Ein Kind soll bei der Übergabe an eine dunkelhäutige Adoptivmutter geschrien haben: „‚Eine Negerin, eine Negerin!‘ Das Mädchen hatte keine Ahnung, dass es selber schwarz war“, erinnert sich Jeremias.

„Die österreichische Geschichte ist weiß“

Wie viele Kinder abgeschoben wurden, wer das System der Adoptionen organisierte, die Reisekosten finanzierte und wohin der weitere Lebensweg die Neuankömmlinge führte, ist laut „Zeit“ bis heute ein „verdrängtes Kapitel der Nachkriegsgeschichte“. „Die österreichische Geschichte ist weiß. Die Lebensläufe schwarzer Österreicher aus der Nachkriegszeit, in der Regel Besatzungskinder, kommen nur ausnahmsweise vor, wie etwa die Karriere des oberösterreichischen Fußballers und Torschützenkönigs Helmut Köglberger, geboren 1946 in Sierning bei Steyr“, so die „Zeit“.

Eine Seltenheit waren diese Kinder allerdings nicht: Allein in Salzburg entstammten einem Bericht aus dem Jahr 1955 zufolge 1.899 uneheliche Kinder einer Liaison von Österreicherinnen mit GIs der U. S. Army, in der rund fünf Prozent afroamerikanische Soldaten bei den Besatzungstruppen dienten.

Mütter Schikanen ausgesetzt

Nach einem anfänglichen Fraternisierungsverbot war es den GIs gestattet, private Kontakte zur österreichischen Bevölkerung aufzunehmen. Frauen, die mit dunkelhäutigen Soldaten Beziehungen eingingen, wurden schikaniert und etwa als „Amischickse“, „Dollarflitscherl“ und „Schokoladenmädchen“ bezeichnet. Ledige Mutterschaft wurde laut „Zeit“ oft als Folge von Prostitution denunziert.

Die meisten Frauen, die aus diesen Beziehungen Kinder zur Welt brachten, sollen sich als Alleinerziehende wiedergefunden haben, da die Beziehungen mit den afroamerikanischen Soldaten, die meist bald wieder versetzt wurden, oft nur von kurzer Dauer waren. Den Kindern aus diesen Beziehungen wurde die „Integrationsfähigkeit in eine weiße österreichische Gesellschaft abgesprochen“, so die „Zeit“. Generell sei die Hautfarbe als Problem erachtet worden.

Forschungsprojekt

Der Autor des „Zeit“-Artikels, Nico Wahl, arbeitet gemeinsam mit anderen Historikern an einem Projekt, durch das die in den USA adoptierten Besatzungskinder ausgeforscht und ihre Biografien dokumentiert werden sollen.

Bis heute Politik der USA

Müttern, die nach dem Verbleib der Väter ihrer Kinder suchten, verweigerte die US-Armee laut „Zeit“ „generell jede Informationen“. Die Armeezeitung „Stars and Stripes“ warnte demnach im April 1946 die „pregnant Fräuleins“, sie dürften sich keine Unterstützung von den Militärbehörden erwarten: „Ein Kraft-durch-Freude-Mädchen, das von der verbotenen Frucht gekostet hat, muss die Konsequenzen selbst auf sich nehmen.“ Diese Politik verfolgen die USA laut „Zeit“ bis in die Gegenwart.

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