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„Des is ka Hochverrat, des is a Suppn“

Elisabeth Scharang genießt einen Vertrauensvorschuss, der nichts mit ihrem Vater, dem angesehenen Schriftsteller Michael Scharang (zuletzt: „Komödie des Alterns“), zu tun hat. Damit kann sie sich auch an einen heiklen Stoff wagen: die Verfilmung der „Volksoperette“ „Jedem das Seine“ von Peter Turrini und Silke Hassler.

Das Stück schildert das Schicksal einer Gruppe von Juden, die gegen Ende des Krieges in einem österreichischen Dorf im Stadel eines Bauern eingesperrt werden und dort, in Erwartung einer ungewissen Zukunft, die Operette „Wiener Blut“ einstudieren. Operettenkitsch mit Nazi-Gruselfaktor? Ja, aber: zunächst zu Scharangs Reputation - die sie sich vor allem mit einer Dokumentation zu einem ihrer Filme verdiente.

In „Mein Mörder“ erzählte sie die Geschichte eines Buben, der von den Nazis auf den Spiegelgrund (die psychiatrische „Kinderfachabteilung“ auf dem Wiener Steinhof) überwiesen und dort von einem sadistischen Arzt gequält wurde.

TV-Hinweis

ORF2 zeigt im Rahmen der Reihe dok.film „Meine liebe Republik“ am Sonntag um 23.05 Uhr - mehr dazu in tv.ORF.at.

Ein Jahr später kam ihre bemerkenswerte Dokumentation „Meine liebe Republik“ ins Kino, in der sie die realen Hintergründe des Films darlegt: die Geschichte von Friedrich Zawrel, der vor Kriegsende dem NS-Arzt Heinrich Gross und nach dem Krieg dem Gerichtsgutachter Heinrich Gross schutzlos ausgeliefert war. Zawrels Auftritt bei der Präsentation der Doku ist genauso unvergessen wie jener im Film.

Keine Zeugen sollten bleiben

Nun nahm sich Scharang des Turrini-Hassler-Stoffs an, der das Thema der Todesmärsche der Nazis kurz vor Kriegsende abhandelt. In keiner Phase der NS-Herrschaft war die Bevölkerung am Morden so direkt beteiligt wie bei den Todesmärschen. Die Nazis räumten die Konzentrationslager und trieben die Insassen von der Frontlinie weg. Keine Zeugen der Gräuel sollten dem Feind überlassen werden. Wer zu schwach für den Marsch war oder unterwegs zusammenbrach, wurde getötet. Von rund 750.000 Menschen, die auf diese Weise geschunden wurden, sollen etwa 250.000 nicht überlebt haben.

An den Morden war auch die Zivilbevölkerung entlang der Marschrouten beteiligt. Hier setzt das Stück „Jedem das Seine“ (der Spruch prangte über dem Haupttor des KZ Buchenwald) an, und Scharang folgt der Geschichte. Bei ihr lautet der Titel „Vielleicht in einem anderen Leben“. Eine Gruppe ungarischer Juden wird gegen den Willen des Bauern auf dem Durchmarsch in dessen Stadel eingesperrt. Eigentlich sollte der Marsch weitergehen - aber das Kriegsende steht vor der Tür. Keiner weiß, was mit den Juden geschehen soll. Man lässt sie einfach eingesperrt.

Sturm auf den Stadel

„A jeder Mensch is a Mensch. Aber wenn er nix isst, ist er bald keiner mehr“, sagt einer der Juden, als die Bäuerin (Ursula Strauss) zum ersten Mal Nachschau hält. Sie bringt den Menschen Brot, später auch Suppe. Einer der Gefangenen war in Budapest Opernsänger. Er beginnt, als Dankeschön für das Essen, mit seinen Mithäftlingen die Operette „Wiener Blut“ einzustudieren. Die Bauersfrau und die Magd machen mit. Der Bauer ist zunächst entsetzt über seine Frau, mischt letztlich aber doch mit, er lässt sich von seiner Frau überzeugen: „Des is ka Hochverrat, des is a Suppn.“ Die ortsansässige Bevölkerung bläst jedoch zum Sturm auf den Stadel - obwohl der Krieg so gut wie zu Ende ist.

„Diese Härte tut echt weh“

Das Niveau der schauspielerischen Leistung ist bemerkenswert hoch. Franziska Singer spielt die naive Magd überzeugend, mit viel Gefühl und dennoch ohne Overacting. Peter Vegh gelingt die Gratwanderung, einen ehemaligen Opernsänger und KZ-Häftling zu spielen, der sich und seine Mitgefangenen mit musikalischem Enthusiasmus vor der Verzweiflung zu retten versucht. Johannes Krisch hat große Momente, auch wenn man ihm den Burgtheaterschauspieler für einen Filmbauern mitunter etwas zu sehr anmerkt.

Über sich selbst hinausgewachsen ist aber vor allem Ursula Strauss („Schnell ermittelt“, „Böse Zellen“, „Fallen“, „Revanche“) als Traudl Fasching. Die Rolle, sagt sie im Interview, habe ihr viel abverlangt: „Diese Härte tut echt weh“ - jene Härte, die sich die Bäuerin als Schutzmantel gegen die Zumutungen des Krieges zugelegt hat. Strauss bleibt ihrer Figur treu, vom Wutausbruch („Es deppaten Maunsbülder es“) bis zum Flirt, trotz des Settings einer extremen Ausnahmesituation.

An der Grenze zu „too much“

Neugierig macht auch die Kulisse. Bei dem malerischen Dorf im Film handelt es sich um das reale Passendorf, einen Ortsteil der Gemeinde Pulkau im Weinviertel. Die Grundsubstanz war genauso vorhanden, wie man sie im Film sieht. In einem Making-of wird gezeigt, wie viel Arbeit es dennoch war, das Dorf auf alt zu trimmen - vom Entfernen der Strommasten und der Tujen bis hin zum Einpflanzen von den 40er Jahren gemäßen Gemüsesorten. Pulkau war im Übrigen während der Nazi-Herrschaft Heimat einer Widerstandsgruppe („Schlurfs“), deren Mitglieder von der Gestapo verhaftet worden waren.

Die Kulisse, die Schauspieler, die kristallklaren Bilder der Kamera, die Emotionen, die Musik, gerade „Wiener Blut“ - immer wieder ist der Film hart an der Grenze zum „too much“. Ähnliche Fragen warfen auch schon andere Filme auf. Darf man über NS-Themen im Film lachen (von Charly Chaplin bis Helge Schneider)? Darf man mit NS-Themen umgehen wie Quentin Tarantino in „Inglourious Basterds“? Und hier, bei Scharang: Darf man einen Herz-Schmerz-Film über die von den Nazis durchgeführten Todesmärsche drehen? Erstere beide Fragen wurden während der vergangenen Jahre quer durch die Feuilletons hinlänglich diskutiert.

Keine Flucht ins Märchenhafte

Für „Vielleicht in einem anderen Leben“ spricht, dass sich trotz aller Kitschwarnzeichen die Frage nicht eindeutig beantworten lässt. Scharang erklärt ihre Motivlage im Interview auf der Filmwebsite recht schlüssig. Sie erzählt vom Casting in Ungarn und wie dabei jeder der Schauspieler seine ganz eigene Version von „Wiener Blut“ darbrachte. Vom schüchternen Gemurmel bis hin zur Darbietung, die an das Absingen einer Revolutionshymne gemahnte, sei alles dabei gewesen. Bei diesen Castings, vor allem jenem einer älteren Dame, so Scharang, habe sie den Film vor sich gesehen: „Die alte Frau hat diese Kitschoperette zu einem Requiem gemacht.“

Der Film ist ein Requiem in Dur und Moll. Turrini und Hassler arbeiteten gemeinsam mit Scharang am Drehbuch, sie hatten offenbar ihre Probleme mit den Vorstellungen der Regisseurin, wie sie im Interview mit Ö1 durchblicken lassen. Im Theater kann man formel- und märchenhaft arbeiten. Bei einem straighten Film, der die Realität (wenn auch eine imaginäre) abbilden soll, geht das nicht, trotz der Hermetik des Stadels. Da muss in traurigen Szenen geweint werden, da fließen Schweiß und Blut.

„Lächerlicher Versuch“

Turrini sagte vergangenes Jahr im „Standard“ anlässlich der Neuaufnahme des zunächst in Klagenfurt uraufgeführten Stücks im Theater an der Josefstadt: „Man geht als Kind durch einen finsteren Wald, fürchtet sich sehr, weil einen die Mutter zum Schwammerlsuchen geschickt hat. Ich, der ich überhaupt ein furchtsames Kind war, habe dann immer gepfiffen und gesungen. Übertragen auf die zum Tode geweihten Menschen: Es ist sinnlos, aber der lächerliche Versuch, mit Hilfe der Kunst zu überleben.“

So ist auch der Film zu verstehen - in doppelter Hinsicht. Denn die Hochglanzästhetik, die Liebe zum Detail, die Komik und die Musik helfen auch dem Zuseher im Kino über die Grausamkeit hinweg - gerade so viel, dass man den Kopf nicht abwendet. Anders, sagte Turrini sinngemäß über sein Stück, hält man das ja nicht aus. Wem das zu konstruiert erscheint, der soll sich „Vielleicht in einem anderen Leben“ lieber ersparen. Aber sie oder er versäumt zwei Stunden österreichisches Kino, an die man sich noch lange erinnern dürfte.

Simon Hadler, ORF.at

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