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Ausmaß nicht vollständig dokumentiert

„Antibiotikaresistenz: Wer heute nicht handelt, kann morgen nicht heilen“ - so lautet das Motto des Weltgesundheitstags am Donnerstag. Jährlich sterben nach Schätzungen allein in den Ländern der EU rund 25.000 Menschen an schweren Infektionen mit resistenten Bakterien. In Österreich ist die Lage vergleichsweise gut, doch die Zahl der dokumentierten Fälle stieg in den letzten Jahren kontinuierlich an.

International stellt sich die Situation dramatischer dar: Weltweit kommt es allein bei der Tuberkulose derzeit zu 440.000 Erkrankungsfällen, die durch multiresistente Keime verursacht werden. 150.000 Patienten sterben pro Jahr an solchen Erkrankungen, weil resistente Tuberkulose extrem schwierig zu behandeln ist und in den meisten Staaten dazu die Mittel fehlen.

Das Entstehen von Resistenzen gegen häufig verwendete Antibiotika ist eine altbekannte Tatsache. Allerdings konnte man früher oft sehr schnell auf neue Arzneimittel ausweichen, wenn die alten nicht mehr wirkten. „Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt, weil die Resistenz gegen vorhandene Antibiotika beispiellose Ausmaße erreicht hat und neue Antibiotika nicht schnell genug bereitgestellt werden können“, sagte die europäische WHO-Chefin Zsuzsanna Jakab.

Immer weniger Antibiotika-Neuzulassungen

Nach Angaben von Experten dauert es etwa zehn Jahre, bis ein neues Antibiotikum entwickelt ist. Wurden im Zeitraum 1983 bis 1987 noch 16 neue antimikrobielle Wirksubstanzen zugelassen, waren es zwischen 2003 und 2007 nur noch fünf.

Lange galt Österreich laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „Insel der Seligen“, was Antibiotikaresistenzen betraf. Doch neuerdings sind auch hier besonders resistente Darmbakterien (E. coli etc.) auf dem Vormarsch. Auf verschiedenen Gebieten wurden in den vergangenen Jahren durch Daten, die das Nationale Referenzzentrum für nosokomiale Infektionen (Spitalsinfektionen, Anm.) und Antibiotikaresistenz am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz über 39 Labors in ganz Österreich sammelt, deutliche Verschlechterungen dokumentiert.

Erfolge im Kampf gegen Staphylokokken

Laut Petra Apfalter vom Nationalen Referenzzentrum wurden in Österreich in den vergangenen Jahren aber auch Erfolge bei Hygiene, dem Antibiotikaeinsatz und somit beim Zurückdrängen gefährlicher Resistenzentwicklungen gemacht: 2001 waren nur 7,5 Prozent der Staphylokokken aus Blutproben von Spitalspatienten mit invasiven Infektionen Methicillin-resistent und somit schwer behandelbar. 2003 waren es dann plötzlich 15,4 Prozent, im Jahr 2009 nur 5,9 Prozent.

Bakterien aus Pakistan und Indien eingeschleppt

Forscher der Universität Cardiff entdeckten erst vor Kurzem in öffentlichen Wasserstellen in Indien ein bedrohliches Resistenz-Gen von Bakterien. Der DNA-Schnipsel NDM-1 hatte sich in der Untersuchung in mehr als ein Dutzend Bakterienarten eingeschleust - darunter elf, bei denen es zuvor noch nicht gefunden worden war. Das Resistenzgen breite sich von Indien und Pakistan aus und sei auch in Erregern für Ruhr und Cholera nachgewiesen worden, berichten die Briten im Medizinjournal „The Lancet Infectious Diseases“.

Vorsicht ist vor allem bei Krankenhausaufenthalten in Indien und Pakistan geboten. Durch Patienten mit langen Spitalsbehandlungen in diesen Ländern kamen in jüngerer Vergangenheit Keime nach Europa, die Metallo-Laktamasen produzieren, die sogar die stabilsten vorhanden Antibiotika (Carbapeneme) „knacken“.

Bis Oktober 2010 wurden vier solcher Fälle in Österreich bestätigt. Hier wird die Therapie wegen des Mangels gut wirksamer und gut verträglicher Ersatzantibiotika schon sehr schwer. Auch auf Intensivstationen sollte man laut Apfalter deshalb mit dem Einsatz der Carbapeneme möglichst zurückhaltend sein. Schließlich hängt das Entstehen von Resistenzen direkt mit der Häufigkeit der Verwendung zusammen.

Ausgewählter Einsatz immer wichtiger

Eine möglichst restriktive Verwendung der Substanzen insgesamt, selteneres Benutzen von Breitspektrum-Antibiotika und alle Hygienemaßnahmen vom Händewaschen bis zu speziellen Verhaltensmaßregeln und Verfahren im Spital werden daher immer wichtiger. Der Kinderarzt Karl Zwiauer vom Landeskrankenhaus St. Pölten sagte dazu: „Antibiotika haben uns jahrzehntelang Sicherheit vermittelt. Aus dieser Sicherheit werden wir jetzt unangenehm herausgeholt.“

Sowohl in der Kinderheilkunde als auch bei Erwachsenen sollte bei Vorliegen einer Infektion zunächst überlegt werden, ob es sich überhaupt um Bakterien handeln kann. Nur dann könnte auch der Einsatz von Antibiotika helfen.

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