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„Ein kleines Verhältnis“ mit Neffen

Das erneute Missbrauchsgeständnis des früheren Bischofs von Brügge, Roger Vangheluwe, hat in Belgien zu Empörung und Protest geführt. Regierungschef Yves Leterme forderte die katholische Kirche zum Handeln auf. „So geht es nicht weiter“, erklärte der Christdemokrat am Freitag.

Justizminister Stefaan De Clerck forderte die katholische Kirche seinerseits auf, „Maßnahmen zu treffen, um das verantwortungsloses Verhalten des Ex-Bischofs zu beenden“. Die bisherigen Strafmaßnahmen reichten nicht aus, sagte De Clerck am Freitag laut Nachrichtenagentur Belga. Vangheluwes Äußerungen seien eine „Ohrfeige“ für jedes seiner Opfer und alle Opfer von Kindesmissbrauch insgesamt.

„Wie ein Spiel“

In dem am Donnerstagabend ausgestrahlten Interview mit dem belgischen Fernsehsender VT4 hatte Vangheluwe erstmals eingeräumt, nicht wie bereits bekannt nur einen, sondern zwei seiner Neffen sexuell missbraucht zu haben. Er habe „überhaupt nicht den Eindruck, dass mein Neffe dagegen war, eher das Gegenteil“. Der Umgang mit einem seiner Neffen sei „wie ein kleines Verhältnis gewesen“.

Alles habe „wie ein Spiel“ angefangen, als seine Neffen zu Besuch bei ihm übernachtet hätten, sagte Vangheluwe. Es habe nie körperliche Gewalt geschweige denn eine Vergewaltigung gegeben. Sein Neffe habe ihn nie nackt gesehen, auch sei es nicht zu Penetration gekommen. Der nun von Vangheluwe eingeräumte Missbrauch eines zweiten Neffen zog sich seinen Angaben zufolge über weniger als ein Jahr hin.

Justizminister fordert kirchliche Konsequenzen

Er habe aber gewusst, dass sein Handeln nicht richtig sei und es mehrmals gebeichtet, erklärte Vangheluwe. Geendet hätten die Übergriffe, als sich das Opfer an seine Familie gewendet habe. Seinem Neffen habe er später sechsstellige Geldbeträge zukommen lassen. Die Taten liegen über 25 Jahre zurück und sind damit vor staatlichen Gerichten wegen Verjährung nicht mehr zu verfolgen.

Belgiens Justizminister De Clerck forderte wohl auch deshalb, die Kirche müsse das „verantwortungslose Verhalten“ Vangheluwes unterbinden. „Das gilt umso mehr, als die bisher vom Vatikan verhängten vorläufigen Sanktionen bei ihm offenbar kein Bewusstsein für die dramatische Tragweite seiner Taten geschaffen haben.“

Bischöfe „schockiert“

Die belgischen Bischöfe distanzierten sich explizit von dem Interview. „Wir sind äußerst schockiert über die Art und Weise, in der Roger Vangheluwe die begangenen Taten und die Konsequenzen für die Opfer, ihre Familien, die Gläubigen und die ganze Gesellschaft verharmlost und entschuldigt. Das ist nicht hinnehmbar.“ Das Interview entspreche in keiner Weise den Vorgaben aus Rom.

Der aus Flandern stammende sozialistische Parlamentsabgeordnete Renaat Landuyt forderte, Vangheluwes Pension müsse aberkannt werden. Vangheluwe war im April 2010 zurückgetreten, nachdem er zugegeben hatte, zwischen 1973 und 1986 einen seiner Neffen sexuell missbraucht zu haben. Sein Rücktritt stürzte die katholische Kirche Belgiens in eine tiefe Krise.

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