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Lebenslust trotz Krise

Eine Zeitung, eine Meldung, eine beleidigte Stadt und dann der große Befreiungsschlag via Internet: Die Geschichte hinter einem YouTube-Video der Stadt Grand Rapids im US-Staat Michigan liest sich wie ein modernes Märchen - eines mit Moral. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Wirtschaftskrise, moderne Nachrichtenproduktion und die Möglichkeiten von Bürgerprotest im Web.

Schon vor der Wirtschaftskrise gab es die Krise der Printmedien. Sparen war auch beim US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ angesagt, und ausführliche, von Journalisten recherchierte Artikel kosten Geld. Deshalb entschied sich das Wochenmagazin wie viele andere Medien auch dafür, mit anderen Anbietern Inhalte zu tauschen, sich also bei diesen wie bei Nachrichtenagenturen zu bedienen.

Die böse Liste

Eines dieser Medien war Mainstreet. Das Redaktionsteam von „Newsweek“ wählte im vergangenen Jänner aus deren Pool an Nachrichten ein Ranking „sterbender Städte“ der USA aus und erstellte online eine Bildergalerie zum Durchklicken. Auf Platz zehn dieser Liste rangierte Grand Rapids, eine Stadt mit etwas weniger als 190.000 Einwohnern in Michigan, die von den Problemen der Autoindustrie betroffen war und ist. Für die letzten zehn Jahre verzeichnet die Statistik einen Bevölkerungsrückgang von rund zwei Prozent.

Von wegen „sterbende Stadt“

Aber „sterbende Stadt“? Der Ausdruck stieß den Einwohnern von Grand Rapids mehr als sauer auf. Damit assoziiert man verfallene Häuser, depressive, arbeitslose Alkoholiker und verkommene Straßenzüge. So sehen sich die Rapidonians nicht - und so wollen sie ihre Stadt nicht dargestellt wissen. Abgesehen vom Eindruck einer tristen Stadt könnte die schlechte Presse Investoren abhalten. Die Empörung blieb nicht folgenlos.

Die Bürger echauffierten sich in Blogs, und erste Videos wurden online gestellt, die von der Lebensfreude der Menschen zeugen sollten. Die gemeinsame Botschaft der Beiträge im Netz: „Wir sind am Leben - und wir leben gerne in Grand Rapids.“ Aus dieser Bewegung schöpfte der 22-jährige Eventmanager Rob Bliss die Idee, den großen Schlag gegen „Newsweek“ in der Debatte über die „sterbende Stadt“ zu führen, wie die Website des ortsansässigen Medienverlags Booth, Mlive.com, berichtet. Die Stadtverantwortlichen sprangen auf und machten mit. Ganze Stadtviertel wurden im Rahmen der Aktion für den Verkehr gesperrt.

5.000 begeisterte Darsteller

Bliss’ Idee war es, einen LipDub-Rekord aufzustellen. LipDub bedeutet die Synchronisation eines Songs, also nur die Lippen zum fertig eingespielten Lied zu bewegen. Seine Wahl fiel auf Don McLeans „American Pie“ aus dem Jahr 1971, wahrscheinlich weil im Refrain die Zeile „This could be the day that I die“ vorkommt. Möglichst viele Menschen sollten mitmachen. Es waren schließlich 5.000, das Video wurde am Sonntag vor einer Woche aufgenommen und ein paar Tage später auf YouTube gestellt.

Football, Yoga, McLean

Bliss inszenierte mit seinem Team eine Kamerafahrt durch die Stadt, ohne Schnitte. Die Synchronisation durfte nie abreißen, es musste immer jemand im Bild sein, der seine Lippen zu den Textzeilen bewegte. An neuralgischen Punkten gab es Menschenaufläufe, die selbst erdachte Choreographien aufführten, teilweise passend zum Text, wie die britische „Daily Mail“ herausgearbeitet hat. Im Song kommen Flammen vor, ein Feuerwerk wird entzündet. Ein Pick-up wird erwähnt - ein junges Pärchen auf einem Pick-up taucht auf.

Bei der Textstelle „The marching band refused to yield“ marschiert eine Kapelle in Uniform durchs Bild. Die Menschen haben sich auch sonst viel einfallen lassen, um die Botschaft von Lebensfreude zu unterstreichen. Yogagruppen vollführen Übungen, eine Football-Mannschaft spielt auf der Straße, auf dem Fluss fahren Paddler Formation, Polizei und Feuerwehr sind dabei, und lokale Prominenz aus Kultur und Politik singt kräftig mit - zu hören ist selbstverständlich nur Don McLean.

Videodreh als Volksfest

Am Ende des Videos wird die Kamera an ein Helikopterteam übergeben, das die Szenerie von oben filmte. Ins Gras steht in Riesenlettern geschrieben: „Experience Grand Rapids“. Die Aufnahmen selbst waren ein Volksfest. Nach zahlreichen Proben wurden schließlich fünf Durchgänge gefilmt, Bliss entschied sich für die letzten Aufnahmen. Am Donnerstag wurde das Video hochgeladen, es rangierte zeitweise auf Platz eins der Klickliste von YouTube.

„Newsweek“ schiebt die Schuld ab

„Newsweek“ musste reagieren, nachdem daraufhin Tausende Menschen auf der Facebook-Seite des Magazins ihren Unmut über das Ranking kundtaten. Schließlich distanzierte sich die aktuelle Redaktion von den offenbar - aus welchem Grund auch immer - ausgetauschten Mitarbeitern, die den Mainstreet-Beitrag in ihre Berichterstattung aufnahmen. Im entsprechenden Facebook-Posting heißt es:

„An die Menschen von Grand Rapids: Zunächst einmal, wir LIEBEN Euer Youtube-LipDub. Wir sind große Fans. Eure Liebe zur Stadt, die Ihr Zuhause nennt, ist inspirierend. Damit Ihr wisst, was es mit dieser Liste auf sich hatte: Die wurde von einer Website, die Mainstreet.com heißt, erstellt - nicht von ‚Newsweek‘ (sie wurde leider für die Newsweek- Website ausgewählt, als Teil eines Content-Sharing-Deals). Bei der Erstellung der Liste wurde eine Methode angewandt, die unser jetziges Redaktionsteam nicht anwenden würde und nicht gut findet. Die Liste hat nichts mit unserer tatsächlichen Einschätzung von Grand Rapids zu tun.“

Mainstreet gibt sich kleinlaut

Damit nicht genug, meldete sich auch noch die solchermaßen angepatzte Mainstreet-Redaktion zu Wort: auch hier Liebesbekundungen für die Bewohner der Stadt und eine ausführliche Rechtfertigung. Die Liste sei schon okay, heißt es darin, dann folgt allerdings ein großes „Aber“: Der Zehnjahresschnitt sei selbstverständlich nicht sehr aussagekräftig, da manche der Städte anfangs stark an Bevölkerung verloren hätten, nun aber bereits aufholen würden.

Bestes Beispiel dafür sei New Orleans, das auf Platz eins rangiere, weil nach dem Hurrikan „Katrina“ viele Menschen geflohen und nicht in die zerstörte Stadt zurückgekehrt seien. Nun wachse die Bevölkerung wieder. Und auch für viele der anderen Städte gelte: Angesichts der guten Prognosen für die Autoindustrie gehe es wieder bergauf. Das betrifft auch Grand Rapids.

„Super-Super-Like-Button“ gefordert

Die Bürger der Stadt haben jedenfalls einen Sieg auf voller Linie erreicht. „Newsweek“ und Mainstreet sind blamiert und haben öffentlich einen Rückzieher gemacht. Und die Stadt, bisher eher selten auf dem Radar internationaler Medien zu finden, ist plötzlich in aller Munde (im deutschsprachigen Raum brachte das Blog Nerdcore die Story auf).

Wenn man die Postings unter dem YouTube-Video liest, kann man davon ausgehen, dass nun Grand-Rapids-verliebte Touristen in die Industriestadt strömen werden: „Ich kann nicht aufhören, den Like-Button anzuklicken!!! Weiß jemand, ob es einen Super-Super-Like-Button gibt!???!!“

Simon Hadler, ORF.at

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