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Von Mördern und Heuchlern

Wie ein Rotkäppchen hüpft ein kleines Mädchen durch die Berglandschaft und findet beim Schwammerlsuchen nicht nur jede Menge Steinpilze, sondern auch ein menschliches Skelett. Damit ist es nach der ersten Szene auch schon vorbei mit der Idylle in Michael Steiners Alpenhorrorfilm „Sennentuntschi“, der das Schweizer Sagenmotiv der Senner-Sexpuppe in eine blutige Krimihandlung einwebt.

Die Mutter des Mädchens hat eine Vermutung, woher die entdeckten Knochen stammen könnten - und erzählt den ermittelnden Beamten von blutigen Begebenheiten in ihrer Kindheit, die eine grausame Sage wahr werden ließen: Wie aus dem Nichts taucht eine stumme, verwilderte Frau (Roxane Mesquida) in einem Schweizer Bergdorf auf. Die Bevölkerung reagiert - gelinde gesagt - misstrauisch, nur Dorfpolizist Sebastian Reusch (Nicholas Ofczarek) will der jungen Fremden helfen und beginnt, ihre Herkunft zu recherchieren.

Dabei stößt er auf so manche Ungereimtheit: Der Pfarrer (Ueli Jäggi) scheint ein verdächtig ausgeprägtes Interesse daran zu haben, der Frau den Teufel auszutreiben. In Zeitungsartikeln aus den 1950er Jahren ist eine Frau abgebildet, die der im Dorf aufgetauchten erstaunlich ähnlich sieht. Immer mehr Fragen tun sich auf, und bevor die Antworten ans Licht kommen, fließt viel Blut die Berge hinunter. Denn auf der Höhenalp wird die „Sennentuntschi“-Sage in der Zwischenzeit Wirklichkeit und zum Verhängnis vom Senn und seinen Kompagnons.

Szene aus dem Film "Sennentuntschi"

Thimfilm

Dorfpolizist Sebastian Reusch (Nicholas Ofczarek) versucht, Licht ins Dunkle der Angelegenheit zu bringen und übersieht dabei das Wesentliche.

Vom Teufel zum Leben erweckt

Die Legende des „Sennentuntschis“ - mit Abwandlungen bei Handlung, Ausgang und Namen (die Sexpuppe firmiert auch als „Hausäli“ und „Sennpoppa“) - ist im ganzen Alpenraum verbreitet. In einer langen, einsamen Almennacht bauen sich Senner eine Sexpuppe aus Stroh und Lumpen. Der Teufel erweckt die Puppe zum Leben, und kurz vor dem Almabtrieb übt sie Rache für die gottlosen Taten: Sie zieht den Sennern die Haut ab und stopft sie mit Stroh - sie werden selbst zu ihren Puppen.

Steiner lässt in seinem Film bis zum Schluss offen, ob die fremde Frau in seinem Film nun das „Sennentuntschi“ ist, oder ob die Horrorstory nur als Hirngespinst der bigotten Dorfbevölkerung abläuft - und dabei ein wenig mysteriöser, dafür umso grausamerer Kriminalfall a la Natascha Kampusch vertuscht wird.

Szene aus dem Film "Sennentuntschi"

Thimfilm

Ein gesuchter Mörder (Carlos Leal) und ein gewalttätiger Senn (Andrea Zogg) werden zum Schöpfer und Opfer des „Sennentuntschis“.

Irre Wendungen und Handlungssprünge

Bei jedem Verständnis für irre Wendungen und Handlungssprünge lässt der Film dann doch in puncto Stringenz zu wünschen übrig und kippt ins Abstruse. So stellt der Regisseur dem Senn (Andrea Zogg) und dessen geistig behinderten Sohn (Joel Basman) einen gesuchten Frauenmörder zur Seite, der zwar zuerst auch noch recht angetan ist von der lebendigen Sexpuppe, sich dann aber, als es später blutiger hergeht, als deren Beschützer wichtig macht: „In meiner Gegenwart stirbt keine Frau mehr.“

Gespaltene Publikumsreaktionen

Das Schweizer Publikum reagierte nach der Premiere am Zurich Film Festival gespalten. „Auf Hollywood-Niveau“, „opulent und von professioneller Machart“, loben die einen, „zu blutrünstig“, „zu brutal und ekelerregend“ fanden die anderen, schockiert von Vergewaltigungs- und Mordszenen. Doch der Skandal, der im Vorfeld von verschiedenen Medien prognostiziert wurde, blieb aus.

Der wahre Wirbel um den Film beschäftigte das Land schon vor dem Filmstart: Quasi fertig gedreht drohte „Sennentuntschi“ das frühzeitige Aus: Steiners Filmfirma stand vor dem Konkurs und die Gläubiger vor leeren Bankkonten. Erst nach langem Hin und Her - unter permanentem Kommentar der Medien - wurde ein Sponsor gefunden und das Projekt zu Ende gebracht.

Die Aufregung war jedenfalls nicht umsonst: Die Schweizer stürmten neugierig die Kinos und sorgten für Publikumsrekorde und klingelnde Kassen. Mit einiger Verzögerung startet „Sennentuntschi“ nun hierzulande - von Schweizerdeutsch auf verständliches Hochdeutsch mit charmantem Akzent synchronisiert.

Sophia Felbermair, ORF.at

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