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Das Web ist Google minus Facebook

Vor dem geplanten Gang an die Wall Street macht Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch einmal Druck: Mit rund 750 Millionen Nutzern gilt Facebook als das größte Soziale Netzwerk der Welt. Zuletzt wurde sein Wert auf 49 Mrd. Euro taxiert. Google dagegen scheint auf dem Markt der Social Networks zu versagen. Doch diese Annahme gründet auf einem Irrtum, der auch für Anleger gefährlich werden könnte.

Denn für Google war das ganze World Wide Web von Anfang an ein Soziales Netzwerk - und diese Auffassung ist bis heute eine Ursache seines Erfolgs. In ihrem grundlegenden Aufsatz von 1998 beschreiben die Google-Erfinder Sergey Brin und Larry Page, wie sich die Internetsuche verbessern lässt, indem man die Eigenschaften der von den Webautoren gesetzten Links einbezieht und so die Ergebnisse nach Relevanz geordnet darstellt. Googles Stärke beruht auf einer geschickten Kombination von Mathematik und Rechenpower mit menschlichem Verstand.

Verkürzt gesagt: Fast jeder, der im Web einen Link setzt, arbeitet an Google mit. Google braucht also kein Soziales Netzwerk zu „gründen“ oder zu „starten“ - Google behandelt das ganze Web schon immer so, als wäre es eins. Die Mission des Unternehmens ist dabei so simpel wie umfassend: Google indiziert alle Daten, die die Menschheit produziert, und stellt werbefinanzierte Werkzeuge zur Verfügung, um diese auszuwerten. Dieses Projekt reicht von Googles frühem Kauf des Usenet-Archivs von Dejanews im Jahr 2001 über den Start von Google Maps und das gigantische Buchdigitalisierungsprogramm bis zu Google Street View - und es schließt auch Facebook ein.

Tools statt Plattform

Aus technikhistorischer Sicht mutet das mittlerweile weit verbreitete Klischee, dass Google angesichts eher schwacher Projekte wie des Dienstes Buzz nicht in der Lage sei, das Social Web zu verstehen, also eher amüsant an. Google+ ist eine Sammlung von Werkzeugen, die es Nutzern einfacher machen, Inhalte, Hinweise und Links zu generieren, die Google wiederum dabei helfen, Suchergebnisse und Werbebotschaften zu personalisieren.

Auch Googles jüngster Schritt, dass alle Nutzerprofile - nicht aber die Nutzerkonten - mit Ende Juli automatisch auf öffentlich und durchsuchbar gestellt oder gelöscht werden, ist nur konsequent. Google+ konkurriert mit Facebook nicht als Plattform, es ergänzt einfach das bestehende System - daher auch der Name.

Learning from Las Vegas

Während Google mit dem Web automatisch weiter wächst, muss sich Facebook darum bemühen, es auf seiner Plattform zu replizieren, mit eigenen Spielen, Nachrichtenfunktionen und Chats. Wie viele andere kommerzielle Websites folgt es derselben Logik wie die Architektur von 70er-Jahre-Kaufhäusern und Spielcasinos: Es ist ein fensterloser Klotz, in dem die Kundschaft alles unter einem Dach bekommt und dabei mit Musik und Spielen unterhalten wird, damit sie lange verweilt und möglichst viel Geld ausgibt. Wenn man es geschickt anstellt, kann das eine Zeit lang funktionieren.

Zuckerberg und sein Team versuchen, die natürlichen Beschränkungen des zentralisierten Plattformkonzepts durch Einsatz von Programmierschnittstellen zu überwinden und somit Dienste von Drittanbietern wie dem Spielehersteller Zynga („Farmville“) zu integrieren. Mit dem „Like“-Button sollen auch unabhängige Websites einbezogen werden. Aber auch zur Integration der „Like“-Buttons ist Facebook auf Dritte angewiesen.

Scheitern mit System

Google dagegen hat nicht nur mehr Erfahrung damit, andere für sich arbeiten zu lassen, es ist auch einfacher für den Konzern, Tools wie Buzz, die Gruppenfunktion Circles und den Videochat Hangouts in den Raum zu stellen oder bei Versagen wieder abzuschalten. Dafür kassiert man zwar kurzfristig Häme aus der Gemeinde irrelevanter Berater, aber die Flops machen die unheimlich-intelligenten Nerds aus Mountain View auch irgendwie sympathischer.

Googles Werkzeuge funktionieren nach den Vorbild des Betriebssystems Unix, dem das Internet historisch viel verdankt: Sie können beliebig miteinander kombiniert werden, man kann einzelne Komponenten durch andere oder bessere ersetzen, ohne das Ganze infrage zu stellen.

Leben ohne Google

Facebooks monolithisches Plattformkonzept wiederum setzt einen hohen Grad an Kontrolle über das System und dessen Partner voraus, wobei die Komplexität mit zunehmendem Erfolg auch noch wächst. Damit ist es weniger flexibel als Google, es muss an allen Schnittstellen mit kommerziellen Partnern verhandeln, muss für Sicherheit sorgen, seine Kunden nicht verärgern. Google muss sein Revier, das Web, weder absichern noch betreiben, es steckt mit seinen Diensten einfach mittendrinnen.

Bleibt die Frage, wer für die Werbekunden das nachhaltigere Konzept bietet. Bei Facebook bekommen sie lange Verweildauer und wertvolle verifizierte Nutzerdaten aus einer Hand. Auch was die Zahl der Unique User angeht, ist Facebook Google in den USA laut Marktforscher ComScore auf den Fersen, es lag mit knapp 160 Millionen Nutzern auf Platz vier der Liste hinter Yahoo, Google (180 Millionen) und Microsoft. Aber: Ein Leben ohne Facebook ist einfach - mindestens so einfach wie ein Leben ohne MySpace. Online arbeiten ohne Google ist zwar möglich, aber schon schwieriger.

Wenn Facebook wie geplant 2012 als Höhepunkt des Social-Network-Hypes an die Börse geht, gilt es zu bedenken: Facebook wird nicht verschwinden, aber sein Geschäftsmodell ist fragiler als jenes von Google. Zuckerberg mag ein großer Fisch sein, aber auch er zappelt in dem Netz, das Brin und Page schon 1998 ausgeworfen haben.

Günter Hack, ORF.at

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