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Schwere Vorwürfe an katholische Kirche

Nach den ungewöhnlich harschen Vorwürfen des irischen Premierministers Enda Kenny gegen den Vatikan wegen dessen Umgangs mit sexuellem Missbrauch hat sich Dublins Erzbischof Diarmuid Martin der Schelte angeschlossen. Es gebe Gruppen in der katholischen Kirche, die sich den Maßnahmen zum Schutz von Kindern widersetzten, sagte er am Donnerstag im irischen Fernsehen RTE.

Er sei „verärgert, beschämt und erschrocken“ über diejenigen, „die glauben, sie könnten tricksen“. „Ich bin sehr enttäuscht und genervt. Was soll man tun, wenn man Systeme installiert hat, und jemand ignoriert sie?“, sagte er. „Was soll man tun, wenn man Gruppen hat, entweder im Vatikan oder in Irland, die versuchen, das zu unterminieren, was getan wird, oder sich schlicht weigern zu verstehen, was passiert ist?“

Laut dem über 300 Seiten starken Cloyne-Report soll unter anderem der Vatikan die 1996 von der irischen Bischofskonferenz festgelegten Richtlinien intern ausgehebelt und Geistliche angehalten haben, Missbrauchsfälle zu vertuschen.

Wendepunkt im Verhältnis zu Kirche

Kenny hatte am Mittwoch in einer Rede vor dem Parlament Verbalattacken gegen den Vatikan gestartet, die von Kommentatoren am Donnerstag einheitlich als Wendepunkt im Verhältnis von Staat und Kirche in dem Land gewertet wurden. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung gilt als streng katholisch.

Irlands Premierminister Enda Kenny

APA/EPA/Belga/Bruno Fahy

Kenny läutet ein neue Kapitel in den Beziehungen Irlands zum Vatikan ein.

„Erstmals in Irland wird in einem Bericht über Kindesmissbrauch dargestellt, dass der Heilige Stuhl versucht hat, in einer souveränen Republik Untersuchungen zu behindern“, hatte Kenny mit Blick auf einen in der vergangenen Woche vorgestellten Bericht einer Regierungskommission erklärt. Der Bericht lege offen, wie „abgehoben, elitär und narzisstisch die Kultur des Vatikans“ sei, sagte Kenny. Vergewaltigung von Kindern werde heruntergespielt, stattdessen würden der Vorrang der Institution Kirche hochgehalten, ihre Macht und ihre Reputation betont - mehr dazu in religion.ORF.at.

Botschafter des Vatikans einbestellt

Nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts über die Vertuschung von Kindesmissbrauch durch katholische Priester hatte die irische Regierung den Botschafter des Vatikans einbestellt. Erzbischof Giuseppe Leanza traf letzte Woche in Dublin mit Außenminister Eamon Gilmore zusammen. Er sollte Stellung nehmen zu dem Vorwurf, der Vatikan habe irischen Bischöfen in einem Schreiben 1997 davon abgeraten, pädophile Priester der Polizei zu melden.

„Nicht länger der katholischen Macht fügen“

In dem Cloyne-Bericht steht, dass der Vatikan Anweisungen der irischen Kirche übergangen habe, in Verdachtsfällen die Behörden zu alarmieren. Kenny sagte, dass der Vatikan Kirchenrecht über das irische Strafrecht stelle, sei „absolut schändlich“.

Das Irland des 21. Jahrhunderts werde sich nicht länger katholischer Macht fügen, so Kenny. Der Regierungschef kündigte ein Gesetz an, das das Zurückhalten von Beweisen zu Kindesmissbrauch strafbar macht. Das solle selbst für Informationen gelten, die ein Priester während der Beichte erfährt. Justizminister Alan Shatter sagte, kein ausländischer Staat sollte irgendeiner Organisation in Irland Vorgaben machen, wenn es um den Schutz von Kindern gehe. Das gelte vor allem für die katholische Kirche.

Vierter Bericht innerhalb von sechs Jahren

Der Cloyne-Bericht war die vierte größere Veröffentlichung innerhalb von sechs Jahren über das Vertuschen von Missbrauch in der katholischen Kirche in Irland. Weltweit sind katholische Priester und kirchliche Einrichtungen in Missbrauchsfälle verstrickt, Irland ist einer der Schwerpunkte. Auch in anderen Ländern wie Österreich, Deutschland und den USA waren zahlreiche Fälle bekanntgeworden und hatten die katholische Kirche in eine Krise gestürzt.

Nicht die erste Anschuldigung

Bereits zu Jahresbeginn und damit vor der Veröffentlichung des Berichts waren Vorwürfe gegen den Vatikan bekanntgeworden. Laut einer TV-Dokumentation vom Jahresbeginn hatte sich der Vatikan in den 1990er Jahren direkt in Untersuchungen der irischen Bischofskonferenz zu Missbrauchsfällen eingeschaltet und soll Anzeigen gegen pädophile Priester verhindert haben. Die Sendung von Irlands öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalt RTE berichtete über einen Brief aus dem Jahr 1997. Darin seien die irischen Bischöfe angehalten worden, Missbrauchstäter nicht der Polizei zu übergeben.

Dieser Brief soll auch eine Drohung enthalten haben, dass sich Rom auf die Seite der Angeklagten stellen werde, falls die Bischöfe ihre 1996 erstellten Kinderschutzrichtlinien („Green Book Guidelines on Child Protection“) durchsetzten und sich ein betroffener Priester an den Vatikan wende. Damit, so urteilt der Sender, habe Rom „die Interessen der Priester über die der Kinder gestellt“.

Vatikan: Brief wurde missverstanden

Der Vatikan hatte die Behauptungen umgehend zurückgewiesen. Das Schreiben sei missverstanden worden, betonte damals Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Der Vatikan habe in dem vom damaligen Nuntius in Dublin, Erzbischof Luciano Storero, verfassten Schreiben aus dem Jahr 1997 auf eine strikte Beachtung der kirchlichen Rechtsnormen bei Missbrauchsfällen gedrängt, um betroffenen Geistlichen keine Handhabe zu bieten, sich kirchlichen Strafen zu entziehen, erläuterte Lombardi. Daher seien die Bischöfe aufgefordert worden, die entsprechenden kanonischen Vorschriften genau zu beachten.

Im Übrigen seien die vatikanischen Normen und Zuständigkeiten seither grundlegend geändert worden, so Lombardi gegenüber Journalisten. Missbrauchsfälle fielen seit 2001 nicht mehr in die Kompetenz der Kleruskongregation, die zum Zeitpunkt des Briefs - 1997 - von Kardinal Dario Castrillon Hoyos geleitet wurde. Vor zehn Jahren sei die Zuständigkeit an die Glaubenskongregation übergeben worden. Seither seien auch die rechtlichen Maßnahmen „deutlich verschärft“ worden, betonte Lombardi damals.

Vatikan bereute und bedauerte

Papst Benedikt XVI. hatte auf das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle nach einigem Zögern mit einem Ruf nach Durchgreifen, Transparenz und vorbeugenden Strategien reagiert. Sein Vorgänger Johannes Paul II. hatte erstmals im März 2000 im Petersdom die Sünden der „Söhne der Kirche“ in zwei Jahrtausenden bereut und bedauert. 2002 hatte der polnische Pontifex angesichts sich häufender Nachrichten aus den USA über sexuellen Missbrauch in der Kirche angeordnet, dass solche Fälle stets und umgehend dem Vatikan gemeldet werden müssen.

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