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Auch Staat in die Pflicht genommen

Jahrzehntelang sind in katholischen Schulen in Irland laut einem Untersuchungsbericht Tausende Kinder missbraucht und misshandelt worden. Die Kirche vertuschte außerdem über Jahrzehnte hinweg den Missbrauch von Kindern durch Priester der Erzdiözese Dublin, wie aus einem zweiten Bericht hervorgeht. Nach der Aufdeckung des Skandals traten vier irische Bischöfe zurück.

Ein erster Untersuchungsbericht wurde im Mai 2009 veröffentlicht. Demnach wurden Tausende Buben und Mädchen Opfer von Missbrauch und Misshandlungen durch Ordensmitglieder in katholischen Schulen und Waisenhäusern. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass staatliche Kontrollore es von den 1930er bis in die 1990er Jahre versäumt hatten, die chronischen Misshandlungen zu unterbinden.

Geheime Unterlagen durchforstet

Für den Bericht zur Vertuschung von Kindesmissbrauch durch Priester forschte die Untersuchungskommission in zuvor geheimen Unterlagen der Kirche zu Missbrauchsfällen aus den Jahren 1975 bis 2004. Der 720-seitige Bericht untersuchte die Fälle von 46 Priestern, gegen die 320 Beschuldigungen erhoben wurden. Sie wurden aus einer Gruppe von 150 Dubliner Priestern ausgewählt, die der sexuellen Misshandlung oder Vergewaltigung von Buben und Mädchen seit 1940 beschuldigt wurden.

Der jüngste Bericht folgte schließlich Anfang Juli. Auf ihn bezieht sich die geharnischte Kritik der irischen Regierung, aber auch des Erzbischofs von Dublin, Diarmuid Martin.

Papst: „Schwächen einiger Geistlicher“

Papst Benedikt XVI. nahm erstmals Mitte Juni 2009 Bezug auf die Missbrauchsfälle und beklagte in einem Brief an die katholischen Priester in aller Welt die „Untreue“ und „Schwächen“ einiger Geistlicher. Auf die Aufdeckung des Skandals in Irland ging er damals aber nicht direkt ein. Im Dezember 2009 trafen ranghohe irische Geistliche in Rom mit Benedikt zu diesem Thema zusammen. Der Papst zeigte sich nach der 90-minütigen Unterredung „zutiefst erschüttert und besorgt“ über die Vorfälle.

Andere Länder in Hirtenbrief ausgeklammert

In einem Hirtenbrief 2010 brachte der Papst schließlich seine „Erschütterung“ über die von Geistlichen zu verantwortenden Missbrauchsfälle in Irland zum Ausdruck. „Es sind viele Faktoren, die das Problem verursacht haben: eine ungenügende moralische und spirituelle Bildung in den Seminaren und in den Novizenstrukturen, eine Tendenz der Gesellschaft, den Klerus und andere Autoritätspersonen zu begünstigen, eine übertriebene Sorge um den guten Ruf der Kirche und zur Vermeidung von Skandalen, was zur verfehlten Anwendung der geltenden kanonischen Strafen geführt hat“, hieß es in einer vom Vatikan veröffentlichten Zusammenfassung des Hirtenbriefes.

Andere Länder, in denen ebenfalls zahlreiche Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen bekanntgeworden waren, hatte der Papst in dem Schreiben nicht explizit erwähnt.

„Nur, indem man mit Aufmerksamkeit die vielen Elemente berücksichtigt, die die Krise in Irland verursacht haben, kann man mit Genauigkeit Ursachen und effiziente Lösungen finden“, hieß es in dem Text weiter. Der Papst erkenne den „schrecklichen Verrat“ an, den die Opfer der Missbrauchsfälle erlitten haben, und drücke sein Bedauern über das Leid aus, das sie erdulden mussten. Er sehe ein, dass in vielen Fällen niemand bereit gewesen sei, auf die Stimme der Opfer zu hören, die den Mut fanden, über ihre Erlebnisse zu sprechen, hieß es in dem Brief weiter.

Enttäuschung bei Opfern

Die Opfer der priesterlichen Gewalt in Irland zeigten sich tief enttäuscht über den Hirtenbrief. Der Brief an die Katholiken in Irland sei weit davon entfernt, die Sorgen der Opfer sexueller Gewalt anzusprechen, erklärte etwa das Bündnis One in Four damals. Das Schreiben von Benedikt XVI. konzentriere sich zu stark auf die rangniederen irischen Priester, ohne die Verantwortung des Vatikans zu unterstreichen.

Die irische Regierung hatte sich bereits 1999 dafür entschuldigt, dass es zu dem jahrzehntelangen Missbrauch kommen konnte. Einige tausend Opfer erhielten eine Entschädigung unter der Bedingung, dass sie auf eine Klage gegen die Kirche oder den Staat verzichten. In einem 2001 geschlossenen Abkommen mit der Regierung beschränkte die katholische Kirche ihren eigenen Anteil an den Zahlungen auf 128 Millionen Euro.

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