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Vom Ahnenkult zum Traumtanz

Wenn nach viereinhalb Stunden Theater ein sichtlich bewegter Peter Handke die Bühne der Halleiner Pernerinsel betritt und aus dem Publikum kollegialer Applaus von einem Claus Peymann kommt, dann liegt der Hauch eines historischen Moments in der Luft. Handke und ein überwiegend begeistertes Publikum erlebten Freitagabend mit der Uraufführung seines Werks „Immer noch Sturm“ so etwas wie eine Lebenswerkschau, kondensiert auf einen Theaterabend.

Handkes in Buchform bereits 2010 erschienener Text „Immer noch Sturm“ ist auf mehrfacher Ebene Geschichte - er ist Zeitgeschichte Österreichs und Kärntens des 20. Jahrhunderts. Und man darf sagen: im Schatten der so spät ausverhandelten Ortstafelfrage aktueller denn je. Und er ist Lebens- und Familiengeschichte des Autors selbst.

Einmal mehr ist es der Versuch, der eigenen Geschichte und Identität mit den Mitteln der Kunst, bei Handke die eigentümliche Erzähllust zwischen Epischem und Dramatischem, auf die Schliche zu kommen. Es geht um die (Wahrheits-)Macht der Erzählkunst, die wahre Biografie aus der Form des Traums und - wie Handke mittlerweile, etwa in einem Interview mit Ulrich Greiner, sagt - einen „Ahnenkult“.

Darsteller Jens Harzer im Confetti-Regen

APA/EPA/Barbara Gindl

Jens Harzer, im Stück Alter Ego des Autors, holt die Mitglieder der Familie wie aus dem Nichts auf die Bühne

Mit den Vorfahren ins Gespräch kommen

„Ich möchte mit den Vorfahren ins Gespräch kommen“, sagt Handke, „weil das großartige Menschen waren, die zugrunde gegangen sind. Deswegen fühle ich mich verpflichtet, meinetwegen.“ Und wenn Handke „meinetwegen“ sagt, ist das mehr als ernst zu nehmen, denn dieser Autor mobilisiert seine Sicht auf die Welt und die daran gekoppelten poetischen Verdichtungen radikal, ja mitunter auch rücksichtslos aus den Bedürfnissen (und auch Zerrüttungen) dieses Ichs.

„Immer noch Sturm“ schließt an die großen Identitätsfindungstexte Handkes an: die Erzählung „Die Wiederholung“ (1984), aber auch „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994). Es geht um die Herkunft eines Kindes, mütterlicherseits aus einer slowenischstämmigen Kärntner Familie, das einen lange Zeit unbekannten deutschen Vater hat. Dessen Nähe muss sich das Kind in Briefform, also wieder über Texte, erarbeiten.

Die Gestaltungsmacht des Außenseiters

Einmal mehr forciert Handke in seinem Stück die Figur des Außenseiters. Das Ich, wie es auch in der Textvorlage heißt, betritt aus dunklem Raum kommend, die Bühne. Es sucht seine Zeit, der Ort ist mit dem Kärntner Jaunfeld klar umrissen. In einer Mischung aus antikem Theater und einer Art geisterhaften Familienaufstellung holt Handkes Ich-Figur seine Ahnen hervor. Das Ich setzt im Dunkeln die Sonnenbrille auf, damit das innere Auge dieses Teiresias zu sehen beginnt. Es gibt keinen realen Blick mehr, nur noch die Vorstellung.

Nähe ist zunächst Triebfeder dafür, dass bestimmte Menschen auf die Bühne kommen. Es ist die Familie der Mutter, die hier Gestalt annimmt: Großvater und Großmutter der Mutter - und die sehr ungleichen Geschwister. Drei Brüder und eine Schwester, die in Allem diametraler Gegensatz der Mutter ist.

Oda Thormeyer als Mutter und Bibiana Beglau (oben) als Schwester Ursula ringen gemeinsam auf dem mit grünem Konfetti übersähten Boden

APA/EPA/Barbara Gindl

Ringen um den Rang in der Familie: Die Mutter des Erzählers (Oda Thormeyer) im weißen Brautkleid und die strenge Schwester (Bibiana Beglau), die zu den Partisanen ziehen wird

Gestalter und Beobachter

Immer ist es dieser eigentümliche Ich-Erzähler, der die familiären Ereignisse aufruft, die Personen in Szene setzt und in dem Moment, da sie selbst zu erzählen und zu handeln beginnen, zum Beobachter wird. Wie in einer Familienaufstellung sucht er die Nähe zu ganz bestimmten Figuren - vor allem zur Mutter, mit der ihn ein magisches, beinahe erotisches Moment verbindet (dargestellt von Jens Harzer und Oda Thormeyer).

Das gesamte Ensemble von Immer noch Sturm im Regen von Confetti

APA/EPA/Barbara Gindl

Familienaufstellung als Geisterspiel - Oda Thormeyer (links) in der Rolle der lebenslustigen Mutter

„Die Mutter wird mein Spiel nicht mehr mitspielen“

Die Mutter ist jener Teil der Familie, der am allerwenigsten in die bohrende Identitätsfrage verstrickt ist. Lebenslustig sucht sie in der Nazizeit den Anschluss auch an die „Schwaben“, gemeint sind die Deutschen. Wenn Thormeyer am Ende eines langen Solos die deutsche Hymne in stakkatoartigem Lachen zum Besten gibt, dann kehrt sie Teilen der Familie, nicht zuletzt dem Vater, den Rücken.

Aus der Gesamtzusammenschau des Werks von Handke weiß man, dass sich die Mutter diese Lebensleichtigkeit nicht erhalten können wird, und wenn der Erzähler zu Beginn des Stücks sagt „Die Mutter wird mein Spiel nicht mehr mitspielen“, so darf man auch an „Wunschloses Unglück“ denken und den Umstand, dass sie ihre Rolle nicht mehr erfüllen wollen wird.

Der Ich-Erzähler wiederum wird sich als nicht gewolltes Kind im Kreis seiner Familie liegen sehen. Und doch ist er in diesem Moment als Erzähler auch altersgleich mit den Brüdern der Mutter, die einerseits die Anpassung an die Mehrheitskultur üben (Valentin), oder aber den Einstieg in den Abwehrkampf (der Bruder Gregor) beschließen.

Anordnung mit Therapiecharakter

Als handelte es sich um eine therapeutische Familienaufstellung, wird der Ich-Erzähler die Geisterfiguren seiner Familie mehr als eng begleiten: Bestimmte Erfahrungen, vor allem seiner Tante Ursula (Beglau), der strengen Schwester seiner Mutter, die auch in den Partisanenkampf zieht, wird der Ich-Erzähler hinter der Person stehend „doppeln“.

Doch Einsicht und Erkenntnisse dieser Familienaufstellung sind schmerzhaft. Das Ende des Krieges wird die Situation einer marginalisierten Sprachkultur nicht aufwerten. Und dass die Slowenen zum organisierten Widerstand gehörten, wird ihren Platz in der Kultur scheinbarer Befreiung nicht sichern. Im Gegenteil.

Jens Harzer unter einem Ring an Lichtern

APA/EPA/Barbara Gindl

Ein Mann im Laub- und Textregen

Handke spricht nie dezidiert eine direkte Österreich-Kritik in diesem Text aus: Die Frage des Politischen löst er in der Grundsatzfrage seiner Kunst auf. Wie sehr erzeugt Sprache Wirklichkeit und welche Relationen zwischen Menschen, Kulturen und damit Identitäten macht sie möglich oder unterläuft sie?

Von der „Wirklichkeit jenseits der Worte“ ist symptomatisch für die ganze Kunstauffassung Handkes die Rede: Ohne die Macht der Benennung durch Sprache ist keine Wirklichkeit zu haben, letztlich bleibt sie aber jenseits der Sprache ungreifbare Utopie. Und eine Sprache nicht haben und sprechen zu dürfen, ist in diesem Zusammenhang wie das Erleben eines Gewaltakts.

Dieser Text ist eine Zumutung

„Dieser Text ist für das Theater eine Zumutung, aber so etwas brauchen wir“, hatte Dramaturgin Beate Heine vom Thalia Theater Hamburg im Vorfeld des Premierenabends gesagt. Das Theater stellte die Uraufführung zusammen mit den Salzburger Festspielen auf die Bühne.

Regisseur Dimiter Gotscheff hält sich sehr eng an die Vorlage des Handke’schen Texts, fast zu eng - der fast halbstündige Schlussmonolog, bei dem ein mehr als bravouröser Jens Harzer von der Handke’schen Textwucht und Assoziationslust beinahe erdrückt wird, hätte Streichungen vertragen.

Auf der anderen Seite erweist sich Gotscheffs Heiner-Müller-Erfahrung von der Berliner Volksbühnenzeit als Vorteil. Als hätte er mitunter einen Müller-Text in der Hand, forciert Gotscheff manche Auftritte der Figuren, etwa den Anfall des Großvaters, zu den reichsdeutschen Worten, die ihm „nicht ins Haus kommen“. In die Soli der Mutter baut Gotscheff geschickt Elemente der Revue ein - „Germania Tod in Berlin“ lässt grüßen.

Hinweis

Peter Handkes „Immer noch Sturm“ ist im Rahmen der Salzburger Festspiele auf der Pernerinsel in Hallein noch am 17.8., 18.8., 23.8., 24.8., 26.8. und 27.8. um jeweils 19.00 Uhr zu sehen. Parallel zur Theaterproduktion veranstaltet das Zweig Centre auf der Salzburger Edmundsburg einen Handke-Schwerpunkt.

Vier Stunden rieselt das Laub

Besonderer Glücksfall des Abends ist das Bühnenbild von Kathrin Brack, die mit ihrer vor allem von der Lichtführung im dunklen Raum getragenen Umsetzung allen Naturalisierungs-, aber auch Multimedialisierungsversuchen widersteht.

Vom dunklen Himmel rieselt über vier Stunden dauerhaft buntes Laub zu Boden, das im Lauf der Zeit einen Kreis bildet. In diesen Kreis wird der Erzähler immer wieder seine Ahnen hineinholen. Dieses riesenhafte Konfetti, das dauernd zu Boden schwebt, hat noch eine andere Note: Es stützt den Rhythmus des Handke’schen Texts und landet das gesprochene Wort mitunter sanft im Raum.

Peymann sollte Stück inszenieren

Ursprünglich war Claus Peymann als Regisseur für den Text vorgesehen, aber dann entschied sich Handke für Salzburg. Zudem stellt Handke ja die Bedingung, dass seine Bühnenwerke in Österreich uraufgeführt werden müssen.

„Es ist immer noch Sturm“ erzählt von der Unabgeschlossenheit der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Dennoch war dieser Abend wie eine Zusammenschau der Themen des Werks von Peter Handke. Der Autor selbst hat diese Themen an einzelnen Figuren aufgespannt und darauf geachtet, weiterhin im Raum zu bleiben. Die Rastlosigkeit wird bleiben. Es ist eben immer noch Sturm.

Gerald Heidegger, ORF.at

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