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Lieder aus Pietätsgründen verbannt

Rund um die Terroranschläge auf das World Trade Center und andere Ziele in den USA kam vor zehn Jahren der Musik besondere Bedeutung zu. Zwar erlebten patriotische Hymnen Hochkonjunktur, wenn es darum ging, die geschockte Nation zu einen. Allerdings wurden kurz nach 9/11 und in den Jahren danach kritische Stimmen der Künstler laut, die sich mit dem Vorgehen der US-Politik nicht abfinden wollten.

Da aber kritische Töne gerade 2001 nicht erwünscht waren, griffen Medienunternehmen in den USA zu sehr eigenwilligen Mitteln. So veröffentlichte etwa das Konglomerat Clear Channel Communications, zu dem landesweit Hunderte Radiostationen gehören, eine Liste mit rund 150 Songs, die aus Pietätsgründen nach dem 11. September nicht mehr im Radio gespielt werden sollten.

Neben Klassikern wie Frank Sinatras „New York, New York“ (wegen der Textzeile „If I Can Make It There, I Can Make It Anywhere“) und dem „Ticket To Ride“ der Beatles wurden etwa alle Songs der Crossover-Band Rage Against The Machine für unpassend erklärt. Ausschlaggebend waren meist USA-kritische Texte oder einfach das Vorkommen von Wörtern wie „falling“, „bomb“ oder „die“.

Die Band Jimmy Eat World wurde aufgrund des Titels „Bleed American“ ebenfalls mit einer Sperre bedacht, zusätzlich verlor das gleichnamige Album in der Woche nach dem 11. September die meisten Plätze in den offiziellen Billboard-Verkaufscharts.

Versteckte Machtverhältnisse

Mit dieser „kulturpolitischen Zäsur“ näher beschäftigt hat sich die Politikwissenschaftlerin Ulrike Mayer in ihrer Arbeit „Standing In The Way Of Control“. Ihr zufolge wurden die Maßnahmen von Clear Channel so verpackt, „dass sie sich um das Wort Zensur herumgedrückt haben“. Dennoch versteckten sich dahinter Machtverhältnisse sowie moralisch-politisch motivierte Ideologien, wie sie im APA-Gespräch erklärt.

Auch der Zusammenhang zwischen diesen Mechanismen und einer Selbstzensur der Hörer sei teilweise zu erkennen gewesen: „Plötzlich haben Menschen diese Verinnerlichung von bestimmten Moral- und Ordnungsvorstellungen nach außen getragen und zum Hörer gegriffen und gesagt: ‚Das gehört zensiert.‘“

System Of A Down: Kritik und kommerzieller Erfolg

Dass sich Kritik und kommerzieller Erfolg aber nicht ausschließen, bewies die Metalband System Of A Down. Die vier Musiker mit armenischen Wurzeln konnten mit ihrem zweiten Album „Toxicity“ auf Platz eins der Charts debütieren - genau in der Woche der Angriffe. Zwei Tage nach diesen veröffentlichte der Sänger und Texter Serj Tankian auf der Bandhomepage ein Essay mit dem Titel „Understanding Oil“. Darin verurteilt er die Anschläge aufs Schärfste, wagte aber gleichzeitig eine kritische Analyse der US-Außenpolitik im Nahen Osten, die er stark mit der Ölindustrie in Verbindung setzte.

In der Folge sah sich die Band massiver Kritik ausgesetzt. Tankian ging in einem Interview so weit zu sagen, dass System Of A Down von der CIA aufgrund subversiver Handlungen überwacht werden. „Jeder, der die Regierung kritisiert - inklusive unserer Band - wurde missbilligt, weil die Leute so etwas nicht hören wollen“, erklärte der Sänger im Frühjahr 2002 gegenüber nme.com.

Dem Erfolg der Gruppe tat das kaum einen Abbruch, und bereits mit der B-Seiten-Sammlung „Steal This Album“ und dem Video zu „Boom!“, das im Zuge weltweiter Antikriegsdemonstrationen am 15. Februar 2003 von Michael Moore gedreht wurde, prolongierten sie ihren kritischen Kurs.

Verstärkte Politisierung der US-Popmusik

Allgemein war in den Folgejahren des Anschlags eine verstärkte Politisierung US-amerikanischer Popmusik zu erkennen, die nicht nur in den obligatorischen Nischen und Szenen wie Conscious Rap, Punk und Folk ihren Niederschlag fand, sondern sich zum massentauglichen Phänomen entwickelte.

Nachdem in den ersten Wochen und Monaten noch patriotisch gefärbte Songs a la Bruce Springsteens (eigentlich falsch verstandener) Hymne „Born In The USA“ die musikalische Öffentlichkeit bestimmten, konnten u. a. Green Day mit ihrer Bush-kritischen Rock-Oper „American Idiot“ wieder an alte Erfolge anschließen. Auch kommerziellere Pop-Künstler wie Pink mit ihrem persönlichen Protestbrief „Dear Mr. President“ 2006 widersetzten sich dem Vorgehen der Regierung.

„Rock Against Bush“

Für viele zeitgenössische Punk-Bands bedeuteten die Bush-Jahre auch vermehrte Aufmerksamkeit. Neben neuen Songs und Alben von Anti-Flag, Rise Against und Pennywise startete mit Punkvoter eine politische Kampagne, die das Projekt „Rock Against Bush“ initiierte. 2004 sollte damit gegen die Wiederwahl von George W. Bush mobil gemacht bzw. die Fans der Musiker grundsätzlich dazu aufgerufen werden, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen.

Als vielleicht nicht unbedingt liberalstes Genre bekannt, übten auch Vertreter der Country-Szene Kritik. Das bekannteste Beispiel ist wohl ein Auftritt der Dixie Chicks in London, bei dem Sängerin Natalie Maines sehr deutliche Worten zum Krieg im Irak fand und sich dafür schämte, aus dem gleichen Staat wie Bush zu stammen. Boykott von Radiostationen, Morddrohungen und Buhrufe bei Preisverleihungen waren die Folge, obwohl sich die Gruppe für ihre Aussagen entschuldigte.

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