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Neues Genre „Post 9/11“-Literatur

Alle Schriftsteller der Welt hätten nach dem 11. September 2001 erwogen, ihren Beruf aufzugeben, schrieb der britische Autor Martin Amis kurz nach den Anschlägen. Unmöglich schien es, über das Ereignis zu schreiben, noch unmöglicher, es nicht zu tun.

Heute blickt nicht nur die US-amerikanische Literaturgeschichte auf ein neu entstandenes Genre: die „post 9/11 literature“, die das Trauma zu bewältigen, beschreiben, analysieren und ästhetisieren suchte. Erstarkender Patriotismus und erschütternder Vertrauensverlust, Abdriften ins Reich der Fantasie und Erzählen im Schutz häuslicher Settings prägen die Romane aus durchaus hochkarätigen Federn.

Es gab viel Kritik: Der Versuch einer Beschreibung der Ereignisse sei Voyeurismus, die Darstellung der seelischen Verletzungen verunglimpfe das Leid der realen Opfer, das Aufleben patriotischer Identifikationsliteratur sei banal und globalpolitisch ignorant. Gerne zitierte man Adornos Diktum über das Ende der Literatur nach Auschwitz. Geschrieben wurde trotzdem, von den Chronisten New Yorks bis zu den großen Romanciers der US-Literatur, von der älteren bis zur jüngeren Generation.

DeLillos „Falling Man“

Als Behelf wählten viele die inneren Trümmer im urbanen Lebensgefühl oder das private Heim als Schauplatz von Trauma und Vertrauensverlust. Erzählt wird aus der Perspektive von Opfern, Angehörigen, Fremden, sogar von Tätern. „Der Autor beginnt in den Türmen, versucht verzweifelt, sich den Moment vorzustellen“, erklärte Don DeLillo in einem Essay. Sein eigener hochgelobter „Falling Man“ handelt von der Rekonvaleszenz eines Überlebenden und den Spuren der Anschläge in seinem Eheleben.

Kindlicher Zugang von Jonathan Safran Foer

Einer der ersten, die sich ganz unmittelbar den Ereignissen widmeten, ist Jonathan Safran Foer, damals schon als literarisches Wunderkind gefeiert. Er wählte mit „Extrem laut und unglaublich nah“ einen möglichst subjektiven, ja einen kindlichen Zugang: Erzähler ist der neunjährige Oskar Schell, dessen Vater sich beim Crash der Flugzeuge in die Twin Towers in einem ihrer oberen Stockwerke befand. Die Sicht eines verwirrten Kindes sei ihm repräsentativ erschienen für die Nach-9/11-Seele seiner Landsleute, so Foer.

„Das Ende der Unschuld“ betitelte der indische Autor und Essayist Pankaj Mishra seinen kritischen Rückblick auf das Schreiben nach 9/11 - und geht mit den vermeintlich liberalen, weltoffenen Literaten hart ins Gericht. Der Rückzug in die symbolbeladene häusliche Sphäre oder in die Science-Fiction bleibe im Angesicht der weltpolitischen Auswirkungen oberflächlich.

Neue Ära mit tiefgreifenden Zweifeln

Nur wenige literarische Werke - etwa Deborah Eisenbergs „Rache der Dinosaurier“ und Claire Messuds „The Emperor’s Children“ - seien in der Bewusstheit geschrieben, dass neben dem persönlichen Trauma vor allem der hübsche Vorhang amerikanischer Selbstzufriedenheit weggerissen und eine neue Ära mit tiefgreifenden Zweifeln an der nationalen Identität angestoßen wurde.

Mangel an Tiefgang und Weitblick wurde auch Autoren vom Kaliber eines John Updike angelastet: Der Autor, der die Anschläge von einer Wohnung in Brooklyn aus beobachtete, bemühte sich mit „Terrorist“ um die Täterperspektive. Sein muslimischer US-Teenager Ahmed, der sich radikalisieren und zum Gotteskrieger machen lässt, blieb aber klischeehaft, der unglückliche Versuch zu verstehen, macht die Kluft nur stärker sichtbar. Dieses Risiko geht sein Kollege Philip Roth erst gar nicht ein. In seinem neuen Roman „Jedermann“ wird 9/11 nur gestreift und macht dem alternden Protagonisten und der ganzen US-Gesellschaft die eigene Sterblichkeit bewusster.

Literatur aus Europa

Außerhalb der USA hatten sich renommierte Schriftsteller natürlich ebenfalls rasch dem Thema gewidmet: Der Brite Ian McEwan bleibt dabei in seinem Bestseller „Saturday“ allerdings in London. Noch vor den dortigen Bombenanschlägen 2005 geschrieben, untersucht McEwan das Eindringen des Terrors in das Heim einer gutbürgerlichen englischen Familie. „Windows on the World“ von Anders Frederic Beigbeder, der sich aus dem fernen Frankreich direkt an die Spitze des World Trade Centers versetzte, spielt in einem Restaurant im Nord Tower und erzählt pro Kapitel genau von einer Minute, in der eine Familie zu entkommen versucht. In einer parallelen Narration berichtet ein US-naher französischer Schriftsteller von dem Prozess und der Motivation, das Buch zu schreiben.

„Mitschreiben“ an der 9/11-Geschichte

Für Autoren außerhalb der USA ist das „Mitschreiben“ an der 9/11-Geschichte allerdings kein Leichtes. Und für nicht amerikanische Literaturkritiker ist die Betrachtung dieser Geschichten erst recht eine Gratwanderung. Kristian Versluys, ein belgischer Literaturprofessor, der schon seit Jahren Kurse über New Yorker Literatur an der New Yorker Columbia University unterrichtet, berichtet in seinem „Out of the Blue: September 11 and the Novel“, dass er bei seinen Studenten bis dahin nie auf Widerstand gestoßen war, wenn er ihnen die Literatur „ihrer“ Stadt näher brachte.

„Aber nicht diesmal. Diesmal erhoben sie Besitzanspruch über die Ereignisse, und wie literarisch mit ihnen umgegangen wird.“ Bei all seiner literarischen wie pädagogischen Erfahrung musste er sich eingestehen: „Die Gefühle der New Yorker zu 9/11 sind für den Außenseiter letztlich nicht zu erfassen.“

Maria Handler, APA

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