Themenüberblick

Sahelzone als „Pulverfass“

Vertreter der EU und der Sahelstaaten beraten bis Donnerstag in Algier über die Sicherheit in der Region. Die Krise in Libyen verwandle die Sahelzone in ein „Pulverfass“, sagte der nigrische Außenminister Mohammed Bazoum bei der zweitägigen internationalen Konferenz.

Organisiert wurde die Konferenz auf Antrag der vier Staaten Algerien, Mali, Mauretanien und Niger. Diese hatten sich seit Ausbruch der Libyen-Krise immer wieder besorgt über die Sicherheitslage in der Sahelzone geäußert.

Bazoum warnte vor einem Zustrom an Waffen, der Rückkehr von Tausenden Wanderarbeitern und Söldnern in die Region, Terroristen und Schmugglern, die mit gestohlenen Geländewagen die Sahelzone durchstreiften.

Die Regierungen der vier Staaten haben sich in den vergangenen Monaten wiederholt über die bestehende Gefahr einer „weitreichenden Destabilisierung“ der gesamten Region geäußert. Der nigrische Außenminister befürchtet darüber hinaus Auswirkungen auf die „globale Sicherheitslage“.

Besorgnis wegen Tuareg-Söldnern

Ein besonderes Problem stellen jene an die 2.000 gut ausgebildeten Tuareg-Söldner dar, die im Libyen-Konflikt auf Muammar al-Gaddafis Seite gekämpft haben. Viele davon sind frühere Tuareg-Rebellen aus den Ländern Mali und Niger. Nun kehren sie in ihre Heimatländer zurück. Der Vorsitzende des Regionalrats von Kidal in Mali, Abdou Salam Ag Assalat, äußerte sich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP besorgt über die Rückkehr der bewaffneten Tuareg. Er fürchte eine neue Destabilisierung der Sahelzone.

Mit dem ehemaligen libyschen Revolutionsführer verbindet das Volk der Tuareg eine lange gemeinsame Geschichte. Dennoch kämpften sie nicht geschlossen an seiner Seite. Tuareg aus dem Osten und Süden Libyens schlossen sich bereits im Februar der Aufstandsbewegung gegen Gaddafi an.

„Massenmorde und Liquidationen“

Die allgemeine Situation der Tuareg in Libyen ist seit der Übernahme von Tripolis jedoch verheerend. Laut einem Tuareg-Vertreter machen die Kämpfer der neuen Führung nun regelrecht Jagd auf Angehörige des Nomadenvolks. „Die Situation ist katastrophal, die Tuareg in Libyen werden von den libyschen Rebellen gejagt, die sie für Gaddafi-Anhänger halten“, sagte der Vertreter der Koordinierung der Tuareg in Libyen, Ischak Ag Hassini, der algerischen Zeitung „al-Khabar“. Er sprach von „Massenmorden und Liquidationen“.

Transnationale Anti-Terror-Truppe

Trotz aller Probleme lehnte der malische Außenminister Soumeylou Boubeye Maiga bei der Konferenz die Entsendung ausländischer Truppen in die Region ab. Die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Sicherheit liege in der Verantwortung der Nachbarländer, sagte er im Rahmen der Konferenz.

Die Länder Algerien, Mali, Mauretanien und Niger verständigten sich bereits im Mai auf eine gemeinsame, 75.000 Mann umfassende, transnationale Truppe zur Terrorbekämpfung. Diese soll innerhalb von 18 Monaten aufgestellt werden. Die vier Staaten vereinbarten die Bildung des vereinigten „operationellen Generalstabs“ CEMOC mit Sitz in Algier. Das Kommando der Sondereinheit soll sich in Tamanrasset im Süden Algeriens befinden.

Tourismus leidet

Algerien, welches derzeit eine Zunahme terroristischer Anschläge verzeichnet, fordert jedoch gemeinsame Anstrengungen im Kampf gegen diese Bedrohungen. Hilfsprogramme für die Region, bilaterale und multilaterale, sind zahlreich. Die Europäische Union beziffert ihre Zahlungen für die Region auf 650 Millionen Euro.

Die Armut der Länder in der Sahelzone verstärkt sich unter anderem durch die Anwesenheit der Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQIM), wodurch der Tourismus beeinträchtigt wird. Die Gruppe versteht sich als lokaler Ableger des internationalen Terrornetzwerkes und wird für zahlreiche Entführungen von Ausländern in der Region verantwortlich gemacht.

Auch libysche Rebellen sollen Waffen abgeben

In Libyen selbst jedenfalls fürchtet man sich nicht nur vor den ehemaligen Gaddafi-Kämpfern. Der Übergangsrat will auch seine eigenen Soldaten nach dem endgültigen Sturz des Gaddafi-Regimes mit einem Rückkaufprogramm für Waffen abrüsten. Männern, die ihr Kriegsgerät nicht abgeben wollten, solle ein Posten in der künftigen Armee angeboten werden, sagte der politische Vertreter des Übergangsrates in Paris, Mansur Saif al-Nasr, am Mittwoch. „Sobald Sicherheit herrscht, müssen wir damit beginnen, die Waffen einzusammeln“, sagte er der deutschen Nachrichtenagentur dpa in Paris.

Niger: Gaddafi-Anhänger inhaftiert?

US-Angaben zufolge sollen unterdessen mehrere hochrangige Anhänger Gaddafis festgenommen worden sein. In dem Konvoi, der am Dienstag von Libyen aus die Grenze zu Niger überquert hatte, hätten sich mehrere hochrangige Offiziere und Mitglieder des „früheren Regimes von Gaddafi“ befunden, die nun in der nigrischen Hauptstadt Niamey festgehalten würden, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland, am Mittwoch.

Links: