Themenüberblick
Maschinenraum für Wunschvorstellungen
Dass die Vorstellung vom Menschen als Maschine gerade in der digitalen Gegenwart Konjunktur hat, ist für den Film- und Medienwissenschaftler Georg Seeßlen nicht von Zufall. „Die nachhumane Zukunft hat schon begonnen“, so Seeßlen, von dem gerade der erste Teil eines dreibändigen Werks mit dem Untertitel „Sex-Fanatasien in der Hightech-Welt“ erschienen ist: „Menschen werden immer weiter umgebaut, verbessert, verschönert, sie werden maschinell, pharmakologisch und chirurgisch in den Postmenschen verwandelt, sie sollen immer länger gesünder, jünger und attraktiver erscheinen, und was mit Anti-Aging-Cremes beginnt, soll mit dem perfekten Menschendouble enden.“
Bertz + FischerBuchhinweis
Georg Seeßlen: Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen? Sex-Fantasien in der Hightech-Welt I. Bertz + Fischer, 152 Seiten, 10,20 Euro.
Bereits in den 1960er Jahren konstatierte der Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan mit Blick auf die „Volkskultur des industriellen Menschen“, dass etwa die moderne Frau ihren Körper „eher als Teile eines Erfolgsbaukastens denn im Dienste von Erotik und Sinnlichkeit“ in Form bringe. Hatte man Androiden, etwa in Literatur und Film, zunächst so gut wie möglich an den Menschen angenähert, damit eine Unterscheidung zwischen natürlichem und künstlichem Menschen so gut wie unmöglich würde, scheint jetzt der künstliche Mensch zum Leitbild des alternden Menschen zu werden.
Die Vorstellung vom Maschinenmenschen
Die Vorstellung vom Menschen als Maschine ist freilich keine, die sich der Science-Fiction des 20. Jahrhunderts verdankt. Der französische Materialist La Mettrie formulierte bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Konzept eines vollständig auf mechanistischen Grundsätzen beruhendes Menschenbild. Der „Homme machine“ (Maschinenmensch) schloss sich an die mechanistische Vorstellung vom Menschen eines Rene Descartes an, freilich mit dem Unterschied, dass La Mettrie auch die Seele des Menschen (bei Descartes die wesentliche „Res cogitans“) abschaffte.
Scan/ORF.atFrontispiz zu La Mettries „L’Homme machine“, 1748Nicht von ungefähr erfreut sich von der Spätaufklärung bis in die Romantik der Pygmalion-Stoff (also die Belebbarkeit lebloser Materie, etwa Statuen) bis hin zur belebbaren mechanischen Puppe, man denke an Kleists „Marionettentheater“ und die „Sandmann“-Erzählung von E. T. A. Hoffmann, großer Konjunktur.
Die Tradition der Mechanisierung
Freilich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Disziplin der Psychologie in der Populärwissenschaft erste zarte Wurzeln geschlagen - so dass zwar auf der einen Seite das mechanistisch-materialistische Bild vom Menschen florierte, auf der anderen Seite aber ein Bild vom Menschen in Umlauf war, in dem sich Seele und Körper permanent wechselseitig durchdringen, ja manipulieren. Psychosomatik und Mechanisierung des Menschen, die heute unumgängliche Triebfeder für den Erwerb all unserer Körper- (und letztlich auch: Seelen-)Pflegeprodukte sind, haben also eine lange Tradition.
Im Schatten des Futurismus und im aufkeimenden Faschismus und Nationalsozialismus blühten wiederum Ideen, in denen Mensch und Maschine zum Maschinenmenschen verschmelzen - mit dem Ziel, den Menschen vom Joch der mechanischen Arbeit zu befreien. Sogar von einem „Überrobotor“, einer übermächtigen Kampfmaschine, wird geträumt, etwa in Harry Piehls „Der Herr der Welt“.
Menschlicher als der Mensch
Im digitalen Zeitalter muss man beinahe um das Verschwinden des Menschen fürchten. Nicht nur funktioniert die perfekte Maschine fast wie ein Ebenbild des Menschen und zeigt in der Gestalt des Androiden, etwa in „Blade Runner“, sogar den Hang zu Gefühlen (etwa die Suche nach einer Vaterfigur). Auch die Triebkräfte des Menschen sind für Seeßlen in der virtuellen Welt, etwa einer Lara Croft im Computerspiel, komplett maschinisierbar: „Im Gebrauch der virtuellen Maschine (im Computerspiel, Anm.) ist es möglich, als Praxis die (sexuelle) Verkörperung der Maschine und die vollkommene Maschinisierung der Sexualität zu simulieren.“
Viviane Sassen, Courtesy Viviane Sassen Was steckt unter den schönen Oberflächen? Viviane Sassens „HKA01“ in der aktuellen Schau in der Kunsthalle Wien.In Jean-Pierre Jeunets „Alien: Resurrection“ (1997) will der Android das Programm derart perfekt verwirklichen, damit er am Ende menschlicher als der Mensch sei.
Permanente Glättung
Permanente Glättung des Körpers nähert den Menschen nicht so sehr, wie immer gesagt wird, nur dem Hochglanzmagazin an. Der Körper des Menschen gleicht immer mehr jenen Klonen und Simulationen einer virtuellen Welt. Und in dieser virtuellen Maschine ist kein Platz für Haare am Körper, die auf etwas über die Zeit Gewachsenes verweisen, wo man doch dauernd etwas Getrimmtes auszustellen gelernt hat. Freilich: Auch hier kann ein Blick ins 18. Jahrhundert lohnen - denn schaut man etwa mit Johann Gottfried Herder auf die Annäherung an das Double des Menschen in der Plastik, dann ist der Belebungs- und Berührungswunsch umso größer, je glatter der Stein der künstlichen Figur ist.
„Seht jenen Liebhaber, der tiefgesenkt um die Bildsäule wanket“, schreibt Herder in seiner „Plastik“: „Was tut er nicht, um sein Gesicht zum Gefühl zu machen, zu schauen, als ob er im Dunkeln taste? (...) Sein Auge ward Hand, der Lichtstrahl Finger, oder vielmehr seine Seele hat einen noch viel feineren Finger, als Hand und Lichtstrahl ist, das Bild aus des Urhebers Arm und Seele in sich zu fassen. Sie hat’s! die Täuschung ist geschehen: es lebt, sie fühlt, dass es lebe; und nun spricht sie, nicht, als ob sie sehe, sondern taste, fühle.“
Matthias Herrmann, Courtesy Galerie Steinek, Wien/Vienna „Living in the Here and Now is Tricky and Fashion Knows it“: Fotoserie von Matthias Herrmann in der Schau „No fashion, please!“Wie präsentabel muss der Körper sein?
Die Frage, was ein repräsentabler, perfekter und herzeigbarer Körper ist, wirft nicht zuletzt die Modefotografie auf. In der Kunsthalle Wien thematisieren gleich zwei Ausstellungen das Zur-Schau-Stellen der Körperlichkeit, freilich erweitert um die Frage, wie eine Gegenposition zur perfekten Körper-Medien-Maschinerie aussehen würde.
So bürstet etwa die Wiener Performancegruppe „Martin & the evil eyes of Nur“ tradierte Schönheitsbilder gegen den Strich und thematisiert das zunehmende Unter-Druck-Kommen des Mannes im Kosmetikwahn zwischen Anti-Falten- und Enthaarungscremes. Wie viele andere Arbeiten in der Ausstellung lassen sie eine scheinbar perfekte Ästhetik immer auch in ihr Gegenteil kippen. Und so sieht man beim Rundgang eine Frau in der Wiese liegen, die scheinbar ein Wonnebad in Kamillenshampoo genommen hat. Allein unter ihrem rein weißen Laura-Ashley-Style-Kleid wölbt sich ein Schwangerenbauch, was sonst auf der Blumenwiese im Werbestil nicht vorgesehen ist.
In einer von Facebook geprägten Welt wird permanentes Posieren zu einer Grundanforderung. Und die betrifft auch den Körper. Mittlerweile, so kritisierte die Künstlerin Kaiser Kurzweil im Vorfeld der Schau gegenüber Ö1, lebe man in einer Welt der Bilderverschmutzung: „Genauso wie es eine Geräusch-Umweltverschmutzung gibt, ist auch diese Bilder- und Logo- und Werbungsverschmutzung ganz extrem.“
Ausstellungshinweis
Die Schau „No fashion, please! Fotografie zwischen Gender und Lifestyle“ ist neben der Modefotografieschau „Vanity“ noch bis 22. Jänner in der Kunsthalle Wien zu sehen.
„Absolute Bildüberflutung“
In eine ähnliche Richtung artikuliert sich Hanna Putz, Model und Fotografin: "Meine Generation lebt in einer Welt der absoluten Bilderüberflutung. Irgendwie hat man auch das Gefühl, dass alles, was man macht, nur dann etwas wert ist, wenn man es auch in die Öffentlichkeit stellt. Jeder wolle irgendwie ein Star sein, es gebe eine „Überflutung von Castingshows - dieser total Drang danach, sich nach außen zu stülpen, weil man anscheinend nur mehr etwas wert ist, wenn man von außen Anerkennung hat“.
Wer einen Kontrapunkt zum Kult der dauerausgestellten Perfektion sucht, findet in der Kunsthalle jedenfalls ein Antidot. Es quillt das Haar vom perfekt trainierten Männerkörper, und auf einer entblößten Frauenbrust macht sich eine Fliege breit. Ein wenig lenkt freilich die Penisfixiertheit mancher Künstler den Blick von der Grundsatzkritik doch wieder sehr auf Autoerotik und Narzissmus, auch wenn er in diesem Fall ironisch oder mit einem Hauch Imperfektion gebrochen ist.
Gerald Heidegger, ORF.at
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Publiziert am 16.11.2011