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Shoppen bis der Zug kommt

Nächsten Mittwoch ist es so weit: Nach dreijähriger Bauphase wird die BahnhofCity am Wiener Westbahnhof eröffnet. 200 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Das Ergebnis sind ein Shoppingcenter, der renovierte Bahnhofsbereich, ein Hotel und ein Bürokomplex.

Präsentiert wurde der Öffentlichkeit nun nach den Bahnsteigen und dem Hotel auch das Shoppingcenter. Die Projektverantwortlichen sind in jener Stimmung, die den Übergang zwischen Abschlussstress und erstem Aufatmen kennzeichnet. Die Shops werden gerade eingerichtet, und immer wieder weisen die Vertreter von ÖBB und dem Einkaufscenter-Betreiber ECE einander bei einem Rundgang auf neue Details hin. Einer von ihnen sagt leise, er sei nervös vor der Eröffnung. Darauf ein anderer: „Das bin ich seit vier Jahren.“ Man lacht und blickt sich erleichtert um. Alles scheint fristgerecht fertig zu werden.

Sämtliche Shops sind vermietet, der Standort gilt als lukrativ. 43.000 „Öffi“-Benutzer frequentieren den Westbahnhof täglich. Jeden Tag fahren 80.000 Pkws auf dem Gürtel, auf der Felberstraße und auf der Äußeren Mariahilfer Straße am Gebäude vorbei. Bei der Auswahl der Geschäfte achteten die Betreiber auf eine breite Streuung des Sortiments und auf Massentauglichkeit. Risiken ging man wenige ein. Immerhin - auch ein Reformhaus fand Platz. Bahnhofsbenützer sollen angesprochen werden, aber auch Anrainer.

Rolltreppe zum Shoppingcenter im Westbahnhof

ORF.at/Carina Kainz

Der Bahnhof als Einkaufstempel

Kaum Konkurrenz für Mariahilfer Straße

Merkur ist mit einem großen Supermarkt vertreten. Die Großbuchhandlung Thalia betreibt eine Filiale, genauso wie Müller und zwei Drogeriemarktketten. Dazu kommen ein Elektronikfachhandel, Modegeschäfte und vieles mehr. Insgesamt sind Flächen an 90 Betreiber vermietet, was 17.000 Quadratmetern Verkaufsfläche entspricht. Am Sonntag haben zwei Merkur-„Convenience Stores“ sowie Bipa, Thalia, ein Zeitschriftengeschäft, eine Blumenhandlung und ein Bäcker mit eingeschränkten Verkaufsflächen geöffnet.

Das Management des Shoppingbereichs überlässt die ÖBB dem deutschen Unternehmen ECE, das mit seinen Shoppingcenter-Konzepten in Österreich neben dem Westbahnhof auch in Klagenfurt und Innsbruck vertreten ist. Als Konkurrenz zur Mariahilfer Straße sieht man sich nicht, sagt Ralph Teuber von ECE, eher als Ergänzung. Befürchtungen, die BahnhofCity ziehe so viele Kunden an, dass die Mariahilfer Straße verödet, muss man sich tatsächlich nicht machen.

Bahnhofstrick mit der Sonntagsöffnung

90 Geschäfte auf 17.000 Quadratmetern - das hört sich mehr an, als es ist. Viele der Geschäfte sind recht klein. Durch die drei Stockwerke kann man in ein paar Minuten flanieren. Das neue Geschäftszentrum lädt nicht zum stundenlangen Bummeln ein, eher ist es praktisch - vor allem, was die Sonntagsöffnung betrifft. Diesbezüglich liegt man etwa der viel größeren Lugner City gegenüber im Vorteil. Mit dem Bahnhofsargument darf man Geschäfte offenhalten, in denen verkauft wird, was Reisende brauchen - also Lebensmittel, Bücher, Zeitschriften, Blumen etc. Dafür kämpft Lugner seit Jahren erbittert - und vergeblich.

Ebenfalls die ganze Woche lang werden die Gastronomiebetriebe offenhalten. Einige davon sind in der alten Halle bereits seit geraumer Zeit eingemietet. Nun gibt es auch einen McDonalds, den Franchise-Italiener Vapiano, bereits seit einiger Zeit den gehobenen, traditionellen Brötchenladen Trzesniewski, den Asiaten Mr. Lee in Take-Away-Größe und einige Snack- und Kaffeeshops.

Nachtaufnahme vom Bau des Westbahnhofs

ORF.at/Dalibor Manjic

Abendlicher Blick auf den Europaplatz mit der hell erleuchteten Halle

Der neue Platz unter der „Wolkenspange“

Die beiden Gebäude, von denen die alte Halle flankiert wird, sind in Grau gehalten und zum Großteil mit Glasfassaden versehen. Links wurden außer dem Shoppingcenter auch Büros untergebracht, unter anderem in der „Wolkenspange“, dem frei schwebenden, um die Ecke führenden Verbindungsteil in luftiger Höhe. Rechts von der Halle befindet sich ein Zweisternehotel. Vor allem der Platz unter der Wolkenspange schafft eine spannende Atmosphäre.

Eine schräge, sanft in sich gedrehte Ebene mit Kopfsteinpflaster verbindet den Europaplatz hier mit dem tiefer gelegenen Untergeschoß. Es ist seltsam, hier zu stehen, die Wolkenspange und die schiefe Fläche sorgen in Kombination für eine ungewöhnliche Perspektive auf den Europaplatz und den Bahnhof. Nur umdrehen darf man sich nicht - denn die blau-weiße Fassade des dahinter stehenden Nachbarhauses fügt sich nicht in das Ensemble aus moderner und Bauhaus-Architektur ein, das den Westbahnhof jetzt prägt.

Überblick und Schlichtheit

Das Shoppingcenter ist architektonisch schlicht gehalten. Die Grundidee, sagt Gerhard Anton Wohlmacher, der zuständige Projektleiter des BahnhofCity-Baus sowohl auf dem West- als auch auf dem ehemaligen Südbahnhof, war es, Sichtachsen durch das Gebäude zu schaffen, die auch die imposante alte Halle mit ihrer hohen Glasfassade integrieren. Einfachheit sei bei solchen Konzepten das Gebot der Stunde. Der Kunde wolle Überblick haben und Ausgänge sehen, Zwangswegeführung durch Labyrinthe in ehemaliger Ikea-Manier, das sei von gestern.

Das große Kapital des Komplexes ist dabei nach wie vor die unter Denkmalschutz stehende Halle - aber sie stellte das Bauteam auch vor die größte Herausforderung. Wohlmacher erzählt von Schockmomenten. Die Halle wurde unterkellert - durfte sich aber maximal zwei Zentimeter senken. Deshalb wurde sie mit Beton unterspritzt - und begann sich plötzlich bedenklich zu heben. Hektisch wurde der Beton wieder herausgemeißelt.

Tagaufnahme vom Bau des Westbahnhofs

ORF.at/Dalibor Manjic

Jahrelange Bauphase beendet

Die neue alte Halle

Innen hat die Halle durch den Umbau gewonnen, so viel gilt als relativ unumstritten. Die heruntergekommene Anmutung des alten Bahnhofs ist verschwunden, das Bauhaus-Konzept der klaren Linien, wo sich einzelne Achsen von den Fensterunterteilungen über den Fliesenboden und die Säulen bis auf die Decke durch die ganze Halle ziehen, kommt nun endlich wieder zur Geltung.

Anders stellt sich die Frontfassade dar. Das Problem ist weiterhin der vom Gürtel geprägte Europaplatz. Das alte Hauptgebäude ist jetzt zwischen den dunkleren, höheren neuen Häusern „eingezwängt“. Andererseits wirkte die Halle auf dem weitläufigen, vom Autoverkehr geprägten Europaplatz davor vollkommen verloren. Insofern wirkt die alte Halle heute weniger fehl am Platz. Aber die Meinungen darüber gehen auseinander. Fragt man Menschen auf der Straße, hört man alles von „schrecklich“ bis „wunderschön“.

„Work in Progress“

Ob der Westbahnhof ein Ort zum Wohlfühlen wird, hängt nicht zuletzt auch davon ab, was die Wiener damit machen. Einerseits von der Entwicklung des Europaplatzes, einer ewigen „work in progress“, andererseits auch vom Publikum. Drogenszene, Straßenstrich und heruntergekommene Geschäfte auf der einen Seite des viel befahrenen Gürtels, die Innenstadt und der Shopping-Glamour der Mariahilfer Straße auf der anderen Seite: Der Westbahnhof wird wohl immer ein bisschen von beidem haben.

Simon Hadler, ORF.at

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