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„Im Dezember wird es eng“

Noch sind die Lager der Händler gefüllt, einzelne Produkte wie Festplatten, Drucker und Digitalkameras sind aber bereits schwer erhältlich oder haben lange Wartezeiten. Im Weihnachtsgeschäft könnte der eine oder andere Artikel ausgehen, fürchtet der Handel.

Zahlreiche IT-Firmen kämpfen derzeit mit den Auswirkungen der Überflutungen in und rund um Bangkok. Seit Wochen stehen Teile ihrer Produktion in Thailand still, weil ihre Fabrikhallen überflutet sind. Betroffen sind große Hersteller wie Canon, Toshiba, Sony, Nikon und der Festplattenhersteller Western Digital sowie zahlreiche ihrer Zulieferbetriebe.

Von Tintenstrahldrucker bis Digicams

Canon etwa musste Anfang Oktober zwei Fabriken schließen, die Tintenstrahldrucker und Zubehör wie Tintenstrahldruckerpapier herstellten. Bei Sony sind laut Angaben gegenüber ORF.at ebenfalls mehrere Werke sowie Produktkategorien betroffen, hauptsächlich Kameras und Wechselobjektive.

Zwar ist die Produktion der für Sony sehr wichtigen NEX-Serie mittlerweile wieder angelaufen, laut dem heimischen Handel gibt es aber bereits deutliche Verzögerungen. Die Einführung der neuen NEX-7 zum Beispiel werde sich um rund sechs Monate verzögern, sagt Wolfgang Krejcik, Obmann des Fachverbands Elektrohandel.

Bei Nikons und Canons Digitalkameras gibt es ebenfalls Lieferschwierigkeiten, vor allem bei Nikons Volumensmodellen wie der D7000 oder der D300S. Canon hat zwar selbst keine Kameraproduktion in Thailand, allerdings werden einige Komponenten in den betroffenen Gebieten produziert. Laut CNN rechnet Canon damit, eine Million weniger kompakte Digicams produzieren zu können. Gewisse Engpässe bei Canon-Produkten seien in den kommenden Monaten aber unausweichlich, so der Hersteller gegenüber ORF.at.

Lager der heimischen Händler noch gefüllt

Noch sind die Lager der heimischen Elektrohändler laut Krejcik gefüllt, doch für den Dezember und damit die Haupteinkaufszeit sei der Handel „nervös“: „Im Dezember wird es eng.“ Krejcik sieht vor allem das Kamerageschäft bedroht, der einen wichtigen Teil des heimischen Weihnachtsgeschäfts ausmacht. Aber auch Videokameras und Computer seien von der drohenden Knappheit betroffen. Krejcik warnte zwar davor, angesichts des Unglücks der in Thailand direkt Betroffenen in Panik zu verfallen, die Lager würden sich aber leeren.

Festplattenpreise sprunghaft gestiegen

Preissteigerungen sind offiziell kein Thema in der Branche, in manchen Bereichen sind sie allerdings bereits mehr als real: Laut der heimischen Onlineplattform Geizhals zogen die Preise für Festplatten deutlich an. So kosten die beiden am stärksten nachgefragten Modelle von Samsung (EcoGreen F4 2.000 GB) und Western Digital Caviar Green 2000 GB mittlerweile mehr als das Doppelte, die Festplatte von Western Digital kostet statt 66,69 Euro am 20.10. nun 161 Euro.

Western Digital ist von den Überflutungen besonders betroffen, da der Hersteller 60 Prozent seiner Festplatten in Thailand produzieren lässt, der Rest wird in Malaysia hergestellt. Seit Mitte Oktober stehen die Werke in Thailand still. Der Weltmarktführer rechnet damit, nur noch 50 Prozent der bisherigen Menge im laufenden Quartal verkaufen zu können. Auch der Festplattenhersteller Seagate, obwohl nicht direkt betroffen, rechnet damit, aufgrund fehlender Teile von Zulieferbetrieben 20 Prozent weniger Festplatten produzieren zu können.

PC-Hersteller rechnen mit deutlichen Einbußen

Festplatten sind Bestandteil zahlreicher Produkte, und zwar nicht nur von Notebooks und Desktop-PCs. Sie sind in Festplattenrekordern, Videospielkonsolen, Netzwerkspeichern und anderer Elektronik mit größeren Speichereinheiten verbaut. Bei den meisten PC-Herstellern wie Sony und Toshiba sind die Lager noch voll, die Geräte für das Weihnachtsgeschäfts schon lange vorproduziert. Wenn die Knappheit allerdings anhält, kann es auch hier zu Engpässen kommen. Der PC-Hersteller Dell rechnet bereits mit Umsatzeinbußen.

Je nach Hersteller können noch andere Produktkategorien betroffen sein, bei Sony etwa Blu-ray-Player und Kopfhörer beziehungsweise grundsätzlich Produkte aus dem Bereich Home-Entertainment. Vor allem durch die Zulieferbetriebe kann das volle Ausmaß noch nicht abgeschätzt werden, auch bei möglichen Preissteigerungen. Besonders betroffen sind Hersteller, die auch wegen des Preises auf Nachfrage produzieren und kaum Lagerbestände haben.

Auswirkungen bis Ende 2012 möglich

Ob und wann sich die Lage entspannen wird, ist derzeit unklar. Alle Hersteller wollen ihre Fabriken in Thailand naturgemäß erst dann wieder eröffnen, wenn ein sicherer Betrieb möglich ist - das könnte allerdings noch länger dauern, eine nachhaltige Entspannung der Lage an Ort und Stelle zeichnet sich vorerst nicht ab. Zwar geht in Teilen Bangkoks das Wasser im Moment zurück, Experten rechnen aber damit, dass die Überschwemmungen noch zumindest bis Jahresende anhalten werden, im Westen sogar länger.

Die Hersteller überlegen oder planen natürlich auch Verlagerungen der Produktion oder haben bereits verlagert, unter anderem nach Japan. Von dort haben aber erst einige der Hersteller im Zuge der Tsunami-Katastrophe ihre Produktion nach Thailand verlagert, hauptsächlich japanische Firmen - zum Beispiel Sony. Sie kämpfen nun besonders mit der aktuellen Lage. Sony hofft, dass sich die Lage Anfang 2012 wieder normalisiert, sicher sei man aber nicht. Canon erwägt „Notmaßnahmen“ wie die Herstellung von Teilen im Haus.

Bei den Festplatten sind die Prognosen derzeit düster: Im ersten Quartal könnten die Preissteigerungen auch PC-Systeme und Notebooks teurer machen. Im Weihnachtsquartal sollen laut Seagate ein Drittel weniger Festplatten ausgeliefert werden können. Im ersten Quartal könnten laut dem US-Marktforscher IDC bis zu 20 Prozent weniger Computer ausgeliefert werden. In der zweiten Jahreshälfte 2012 ist laut IDC wieder mit einer Normalisierung zu rechnen.

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