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Norden und Osten besonders betroffen

Die kalte Jahreszeit ist die Hauptbelastungsperiode durch Feinstaub. Betroffen sind derzeit besonders tiefer gelegene Gebiete im Norden und Osten Österreichs - die Luftqualität hat sich seit Ende Oktober stark verschlechtert.

Vor allem in den Ballungsgebieten werden täglich alarmierende Feinstaubkonzentrationen gemessen. Heuer wurde bereits bei 67 von 142 Messstellen der österreichische Jahresgrenzwert (maximal 25 Tage mit zu hoher Feinstaubbelastung) übertroffen. Die EU-Grenzwerte werden täglich bis zum Dreifachen des Erlaubten überschritten. Experten warnen bereits vor Gesundheitsgefährdung.

Lange Hochdruckperiode

Betroffen sind vor allem Wien, das Grazer, aber auch das Klagenfurter Becken, der Donau-Raum und die Region um Eisenstadt sowie die Inntal-Region. Die Feinstaubkonzentration erreicht bereits das Vielfache des Erlaubten: Der „PM10 Wert“, mit dem die Konzentration gemessen wird, sollte pro Tag 50 Mikrogramm/Kubikmeter nicht überschreiten, derzeit liegen die Werte wie in Wien bei 150 Mikrogramm/Kubikmeter.

Hauptverantwortlich für die Überschreitungen sind die derzeit vorherrschenden Wetterbedingungen. An 32 Messstellen wurde auch der EU-Grenzwert (maximal 35 Tage mit zu hoher Feinstaubbelastung) übertroffen. Rekordhalter ist die Messstelle Lastenstraße in der steirischen Stadt Leibnitz: Dort wurde bereits an 63 Tagen eine zu hohe Feinstaubkonzentration gemessen.

Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt (UBA) erklärt auch den Zusammenhang mit der aktuellen Witterung: „Die anhaltende Hochdruckwetterlage mit einer flachen Inversionsschicht und niedrigen Windgeschwindigkeiten erhöht die Feinstaubkonzentration in der Luft“, sagte Schneider im Gespräch mit der APA. Für den Schadstoffcocktail in der Luft sind der Straßenverkehr, der Hausbrand und die Abgase aus der Industrie verantwortlich.

Gesundheitsrisiko Feinstaub

Aufgrund dieser massiven Überschreitung sprechen Experten bereits von gesundheitsgefährdendem Smog. Feinstaub wird von Straßenverkehr, Hausbrand, Industrieabgasen, aber auch von Zigaretten verursacht. Wenngleich die Zusammenhänge nicht gänzlich geklärt sind, gilt Feinstaub als Gesundheitsrisiko.

Die Schadstoffe haben Folgen für die Lunge, mit Bronchitis und Asthmaanfällen, sind aber auch der Grund von Herz-Kreislauf-Problemen, sagt Umweltmediziner Hans Peter Hutter von der Medizin-Universität Wien gegenüber Ö1. Derart hohe Konzentrationen wie derzeit könnten auch Herzinfarkte auslösen. Die Feinstaubpartikel blieben im Körper - in der Leber, in der Niere und auch im Gehirn, und könnten dann dort Probleme verursachen - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Feinstaubquellen meiden

Gegenmaßnahmen, die jeder Einzelne ergreifen kann, sind laut dem Umweltmediziner: weniger heizen, nicht mehr als 22 Grad Raumtemperatur, Auto fahren nur wenn es wirklich notwendig ist, in der Wohnung möglichst wenige Dinge anzünden, wie etwa Kerzen, Räucherstäbchen oder Zigaretten. Feinstaub entsteht auch beim Kochen, konkret beim Backen und Braten. Häufigeres Feuchtwischen in der Wohnung wäre eine der Gegenmaßnahmen.

An die Politik gerichtet appelliert Hutter, Rückgrat zu zeigen und auch unbequeme Maßnahmen zu fordern - wie Tempolimits. Auch autofreie Tage wären sinnvoll und ein Signal der Politik, das Problem zu erkennen und etwas zu tun.

Nicht überanstrengen

Auch für den Umweltexperten Jürgen Schneider, Programmleiter Wirtschaft und Wirkung im Umweltbundesamt (UBA), reichen die Maßnahmen, die in den letzten Jahren gesetzt worden sind, bei den herrschenden Wetterbedingungen nicht aus. Auch er empfiehlt, das Auto stehen zu lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Vorbelastete Menschen sollten sich in der kalten Luft nicht überanstrengen. „Bei gesunden Menschen, die keine Vorerkrankungen aufweisen, ist nicht mit akuten Problemen zu rechnen“, so Scheider. Dennoch steige mit der erhöhten Feinstaubkonzentration in der Luft die Wahrscheinlichkeit für negative Gesundheitsauswirkungen.

Belastung durch Verkehr

Für den Autofahrerclub ÖAMTC geht der größte Teil des Feinstaubs in der österreichischen Luft auf Kleinverbraucher (Hausbrand) und Industrie zurück, zusammen mehr als 70 Prozent. In beiden Bereichen würden die Werte seit 1995 kontinuierlich ansteigen – und es sei keine Trendumkehr erkennbar, so Max Lang, der Cheftechniker des Autofahrerclubs.

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) wiederum sieht als einen der Hauptverursacher den Straßenverkehr. Der VCÖ fordert deshalb mehr und auch kurzfristige Maßnahmen. "Medizinische Studien belegen, dass vor allem der Dieselruß im Feinstaub extrem gesundheitsschädlich ist. Zu hohe Feinstaubbelastung verursacht Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ist auch krebserregend.

Während international immer mehr Städte Maßnahmen zur Verringerung des Dieselrußes setzen, wird in Österreich zu wenig getan", kritisiert VCÖ-Expertin Ulla Rasmussen. Dieselruß ist laut VCÖ in seiner Langzeitwirkung nämlich deutlich schädlicher als bisher angenommen.

Modell Umweltzonen

Der VCÖ wünscht sich deshalb gestaffelte Parkgebühren mit höheren Preisen, je näher man zum Stadtzentrum fährt. Die Einführung von Umweltzonen in österreichischen Städten, die von Feinstaub überdurchschnittlich belastet sind, oder einer City-Maut seien ebenso notwendig wie mehr Bahnverbindungen in den Ballungsräumen. Das Modell von Umweltzonen gibt es schon in vielen europäischen Städten: In Italien sind es 102, in Deutschland 48.

Eine Umweltzone bedeutet, dass Fahrzeuge, die besonders viele Schadstoffe ausstoßen, nicht fahren dürfen. Sie bekommen eine Markierung: Rot für die alten schadstoffreichen Fahrzeuge und Grün für neue, emissionsarme. Durch Radiodurchsagen wird die Maßnahme bekanntgemacht. Eine weitere Möglichkeit ist ein autofreier Tag, wie das in Italien der Fall ist.

Maßnahmen Ländersache

Die Umsetzung von Umweltzonen oder autofreien Tagen ist in Österreich grundsätzlich möglich. Basis dafür ist das Emissionsschutzgesetz Luft. Ob derartige Maßnahmen ergriffen werden, hängt letztlich von den Landeshauptleuten ab. Wien setzt zur Verringerung des Individualverkehrs derzeit auf eine Erhöhung der Parkgebühren, gleichzeitig werden die Jahresnetzkarten für den öffentlichen Verkehr verbilligt. Graz hat mit einem „Feinstaub-Hunderter“ auf den Autobahnen reagiert.

Rauchverbot in der Gastronomie

Auch in der Gastronomie ist Feinstaub ein Thema. Die Ärztekammer fordert seit dem Inkrafttreten des partiellen Rauchverbots in Österreich eine Ausdehnung auf ein gänzliches Rauchverbot. Die Ärzte untermauern die Forderung mit einer Diplomarbeitsstudie, für die die Feinstaub- und Ultrafeinstaubbelastung in Lokalen gemessen wurde. Das Ergebnis: Die Trennung in Raucher- und Nichtraucherbereich schützt nicht wirklich.

Das Tabakgesetz, wonach in einem Lokal unter Auflagen sowohl Raucherbereiche als auch rauchfreie Bereiche möglich sind, müsste, so der Schluss von Ärztekammer-Präsident Walter Dorner, durch ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie ersetzt werden. Vorbilder dafür sind etwa Frankreich, Großbritannien, Irland und skandinavische Länder.

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