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Experimentieren statt Zaudern

Ende 2011 hat der Berliner Autor Johnny Haeusler auf seinem Weblog „Spreeblick“ ein Experiment angekündigt: 15 seiner Kurzgeschichten seien zum Preis von 0,99 Euro ab sofort bei Amazon zum Download erhältlich - ohne Kopierschutz. Schnell fand sich Haeuslers Werk in den Top Ten der E-Book-Bestseller des Onlinebuchhändlers wieder.

„Ich wollte schon immer einige der Kurzgeschichten, die ich auf unserem Blog veröffentlicht habe, in einem Buch sammeln“, so Haeusler am Dienstag zu ORF.at. „Die Idee lag nahe, es mit einem E-Book zu versuchen, aber die Verlage, mit denen ich vorher über E-Books gesprochen habe, meinten, die würden sich generell nicht verkaufen. Sogar Bestseller würden als E-Books nur im zweistelligen Bereich laufen.“

Die offizielle Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels stützt die Ansicht der Skeptiker. Gerade 0,02 E-Book-Dateien sind 2010 in Deutschland pro Einwohner verkauft worden - das war freilich noch vor dem Start von Amazons Kindle-Plattform. Für die großen Verlage ist der Markt trotz der niedrigen Herstellungs- und Verbreitungskosten uninteressant - und die Angst vor unlizenzierter Verbreitung der Buchdateien über das Netz ist groß.

Schneller Vorstoß

Solche Bedenken hat Haeusler nicht. In kürzester Zeit knackte sein Titel „I Live By The River!“ Amazons interne E-Book-Bestsellerliste. Das war auch das erklärte Ziel der Aktion. „Ich wollte ein Gefühl für den Markt kriegen“, so der 47-jährige Künstler, „ich wollte wissen, ab welchen Zahlen man im derzeitigen E-Book-Umfeld von einem Erfolg sprechen kann. Bei gedruckten Büchern kann man sagen: ab 10.000 Stück läuft es gut.“

Der Spreeblick-Gründer versprach seinen Lesern, regelmäßig die Statistiken über die verkauften E-Books zu veröffentlichen. Nachdem Amazon und die Verlage über die Verkaufszahlen im E-Book-Markt schweigen, ist Haeuslers offen geführter Vorstoß umso wichtiger.

„Die Masse macht’s“

In den ersten viereinhalb Tagen hat Haeusler rund 1.000 Dateien bei Amazon absetzen können. Pro Stück bleiben bei ihm 35 Cent hängen, denn bei Dateien, die weniger als 2,99 Euro kosten, verlangt Amazon für seine Dienstleistungen einen höheren Anteil. Der niedrige Preis war Teil der Spreeblick-Strategie, sagt Haeusler: „Ich wollte, dass es so billig ist wie eine App. Die Masse macht’s.“

Ein E-Book zu schreiben und auf Amazon zu stellen ist eine Sache. Die kritische Masse von Lesern und Weiterempfehlungen zu erreichen eine andere. Johnny Haeusler hat als Frontmann der Rockband Plan B von 1985 bis 1994 alle Höhen und Tiefen des Musikgeschäfts durchlebt und sich dabei eine große Fanbasis aufgebaut. Sein 2002 gegründetes Weblog „Spreeblick“ hat nach Angaben des Autors zwischen 5.000 und 10.000 Leser am Tag.

Im Dschungel der Formate

„Ohne diese Fanbasis würde auch das E-Book-Experiment nicht funktionieren“, sagt Haeusler, „ein völlig unbekannter Autor hätte es viel schwerer. Wir haben schon nach kurzer Zeit die kritische Masse überschritten, und mittlerweile laufen die meisten Verkäufe des E-Books nicht mehr über unser Blog, sondern über andere Websites.“

Eine E-Book-Datei ist schnell erstellt, aber beim Vertrieb gibt es auch Schwierigkeiten. Viele Leser beschwerten sich bei „Spreeblick“ darüber, dass die Datei zuerst nur für Amazons Kindle-System verfügbar war. Amazons Dateiformat ist mit anderen E-Readern nicht kompatibel, denn diese unterstützen in der Regel den Standard EPUB. Es ist möglich, mit der freien Software „Calibre“ DRM-freie Kindle-Dateien in EPUB-Files umzuwandeln, aber der Zwischenschritt bedeutet mehr Aufwand. Die Kindle-Version, die in modernen Browsern läuft, ist auf E-Readern wiederum nicht verfügbar.

Ärger mit Apple

Haeusler wollte seine Datei daher auch im EPUB-Format über Apples iBooks-System verkaufen. „Hier hatten wir schnell ein Problem: Man brauchte dafür eine US-Umsatzsteuernummer“, so Haeusler. Diese bürokratische Hürde überwand er mit Hilfe eines Berliner E-Book-Dienstleisters, über den der E-Text innerhalb eines Tages bei Apple platziert wurde.

Ebenfalls auf eigene Faust ins E-Book-Geschäft eingestiegen ist der Schriftsteller Marcus Hammerschmitt, der unter anderem mehrere Titel in der Science-Fiction-Reihe des Suhrkamp-Verlags veröffentlicht hat. „Die ersten E-Book-Titel von mir gab es 2003“, so Hammerschmitt zu ORF.at, „die Produktion, von der Korrektur bis zum Titelbild, habe ich immer selbst gemacht. Meine Verlage waren in der Hinsicht nicht übereifrig.“

Geförderter Digitalvertrieb

Statt auf Amazon und iBooks veröffentlicht Hammerschmitt auf der deutschen Plattform beam, in verschiedenen Formaten wie dem Kindle-kompatiblen mobipocket oder EPUB, aber ohne Kopierschutz, um maximale Kompatibilität zu gewährleisten. Sein Buch „Instant Nirwana“ kostet als Datei 5,95 Euro, damit ist es etwa halb so teuer wie die Taschenbuchversion.

Hammerschmitt glaubt, dass die E-Books sich durchsetzen werden. „Stärken könnte man die Entwicklung, wenn es zur Gründung seriöser E-Verlage käme, die eine professionelles Lektorat und Tantiemen für die Autoren anbieten, die weit jenseits dessen liegen, was der Print-Markt anzubieten hat“, so der Schriftsteller. „Warum nicht eine öffentliche Stiftung, die auch im Rahmen des Erhalts von digitalen Kulturgütern als E-Book-Verlag unter den beschriebenen Bedingungen auftritt? Das wäre mal eine sinnvolle öffentliche Kulturförderung, finde ich.“

Vorsichtiger Optimismus

Auch der Börsenverein sieht die Entwicklung mit vorsichtigem Optimismus. Im ersten Halbjahr 2011 wurde mit den 1,4 Millionen in Deutschland verkauften E-Books ein Umsatz von 12,9 Millionen Euro erzielt. Für den Belletristikmarkt erwartet die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers einen E-Book-Anteil von 1,4 Prozent, 2015 sollen es 6,3 Prozent sein. Im hoch konzentrierten Markt der USA lag der Anteil der E-Books in den Bereichen Belletristik, Sachbuch und Religion bereits 2010 auf 8,3 Prozent.

Auf Anfrage von ORF.at teilte Amazon mit, dass die Anzahl der auf Deutsch verfügbaren Titel im Kindle-Shop von 25.000 im April auf über 50.000 im Dezember gestiegen ist, darunter 81 der 100 „Spiegel“-Bestseller, aber auch viele gemeinfreie Klassiker, die kostenlos heruntergeladen werden können. Insgesamt biete man im Kindle-System derzeit über 950.000 Titel an. Eine Statistik zu den selbst publizierten Büchern führe man aber nicht, so eine Sprecherin des Unternehmens gegenüber ORF.at.

Das Marktpotenzial für kleine E-Book-Labels ist also da, doch die Infrastruktur haben die großen Unternehmen wie Amazon, Thalia und Apple schon gut im Griff. Und im Zweifelsfall entscheiden Marketingbudget und Marktmacht über Erfolg oder Scheitern auch elektronischer Bücher.

Günter Hack, ORF.at