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Kopfschütteln über Mangelwirtschaft

Verantwortliche bestätigen, was man allerorten von Eltern hört: Der bauliche Zustand und die Ausstattung der Klassenzimmer an Österreichs Schulen lassen zu wünschen übrig. Eine inspirierende Lernumgebung sieht anders aus, Eltern müssen selbst initiativ werden.

Beim Schuleintritt seines Kindes ins Gymnasium fand Thomas Abendroth die Klasse in einem erbärmlichen Zustand vor: verdreckte Wände mit Schrammen, Löcher in der abgehängten Zwischendecke, keine Garderobe (in der ganzen Schule nicht) und fehlende Vorhänge trotz sonnenseitiger Lage.

Schule sprach von „Tradition“

Abendroth erklärte, dass vonseiten der Schule gleich einmal die Eltern angesprochen wurden: „Schon beim ersten Elternabend, noch vor Schulbeginn, hat es geheißen, dass die Eltern den Klassenraum herrichten sollen. Das sei so eine Art Tradition - die vorhergehenden Eltern hätten es ja auch gemacht.“

Abendroth ist Architekt, ein anderer Vater aus der Klasse Maler und eine Mutter Schneiderin. Am Ende waren alle Eltern entweder an den Kosten oder an den zahlreichen Arbeiten beteiligt, so Abendroth: „Wir haben zunächst einmal den kompletten Klassenraum ausgemalt und den Untergrund teilweise gespachtelt und hergerichtet. Die Decke wurde gestrichen. Es wurden Regale besorgt und in die Klasse hineingestellt. Zum Aufhängen der Mäntel wurden Hakenleisten besorgt und angebracht und feuerfeste Vorhänge genäht und montiert.“

„Toller Reibach fürs System“

Dabei handelt es sich keinesfalls um einen Einzelfall, kritisiert Theodor Saverschel, Präsident des Bundesverbands der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen. Es gebe keine verbindlichen Regeln, wie ein Klassenzimmer auszusehen habe. Und die Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und Schulen sei vielen Beteiligten unklar. Eine Stelle verweise auf die andere.

„Im Prinzip ist es wirklich so, dass sich viele Eltern denken: ‚Gut, bevor ich da jetzt lange hin und her diskutiere, mache ich es lieber gleich selbst - oder stecke Geld hinein und lasse es machen.‘ Damit hat das System einen tollen Reibach gemacht.“ Immerhin wollen viele Eltern nicht hinnehmen, dass ihre Kinder fünf Tage pro Woche in einer hässlichen Umgebung verbringen müssen. Saverschel fordert, dass die Schulleitungen alleine verantwortlich seien und für das Schulgebäude von einer zentralen Stelle genügend Geld bekommen sollen.

„Eltern nicht in der Pflicht“

Laut dem zuständigen Sektionschef im Unterrichtsministerium, Kurt Nekula, würden den Landesschulräten für Bundesschulen pro Jahr 50 Millionen Euro zugeteilt, bei Landesschulen seien die Gemeinden zuständig. Von Unklarheit könne keine Rede sein. Die Budgets wären aber begrenzt.

Die Eltern sieht Nekula jedenfalls nicht in der Pflicht: „Das soll natürlich nicht dazu führen, dass plötzlich die Eltern dafür zuständig sind, dass die Gebäude die erforderlichen Sanierungen bekommen. Genau dafür setzen wir ja diese rund 50 Millionen Euro jährlich ein, damit Arbeiten wie Ausmalen, Bodenverlegen, Jalousien anbringen und so weiter, durchgeführt werden.“

Es gibt Geld - aber zu wenig

Das Geld gibt es zwar, bestätigt Ilse Rollett, Direktorin des Wiener Gymnasiums Rahlgasse. Aber auch bei ihr würden, ähnlich wie in der Schule, die das Kind von Abendroth besucht, die Mittel nicht ausreichen, um die Klassen in Ordnung zu halten. Im Sommer wird es heiß, weil Vorhänge fehlen. Und Arbeiten wie Ausmalen würden sich viel zu selten finanzieren lassen. Deshalb heißt es, wie an vielen anderen Standorten: selbst sind die Eltern. In der Rahlgasse bezahlt die Schule wenigstens das Material, etwa die Farbe für die Wände.

Abendroth erzählt über seine Renovierungsaktion, Eltern aus Bosnien und Kroatien seien höchst erstaunt gewesen, dass ein reicher Staat wie Österreich keine ordentlichen Klassen für seine Schüler zur Verfügung stelle. Der Architekt in ihm kommt durch, wenn er ausführt, wie wichtig Räume, in denen sich Kinder bewegen, für deren Wohlbefinden und letztlich auch den Lernerfolg sind. Mit leuchtenden Augen holt Abendroth eine Broschüre hervor, in der Kindergärten zu sehen sind, deren Innengestaltung er entworfen hat. Wohlfühloasen sind das, die zu kreativer Betätigung, zum Bücherentdecken und gemütlichen Zusammensein einladen.

Ganztagsschule infrage gestellt

Wie Abendroth schüttelt auch Elternvertreter Saverschel den Kopf über die Mangelwirtschaft, die an allen Ecken und Enden im Bildungsbereich vorherrscht. Selbst ohne Renovierungsmaßnahmen müssten Eltern im Durchschnitt mittlerweile über 800 Euro pro Jahr und Schulkind für Auslagen berappen, die eigentlich durch Steuern abgedeckt werden sollten - Stichwort Kopien von Unterrichtsmaterialien.

Eine flächendeckende Ganztagsschule kann er sich unter diesen Bedingungen nicht vorstellen. In abgehalfterten, hässlichen, im Sommer wegen fehlenden Sonnenschutzes viel zu warmen und noch dazu für den heutigen projektorientierten Unterricht längst nicht mehr geeigneten Klassenzimmern sollen sich die Kinder acht Stunden pro Tag aufhalten? Das sei mitunter mehr Zeit, als sie wach in ihren Kinderzimmern verbrächten.

Instanzenzug zur ausgemalten Klasse

Den Eltern und Schülern bleibt jedenfalls nicht viel mehr als die Hoffnung, Schulen von nötigen Renovierungen überzeugen zu können. Die Direktorinnen und Direktoren müssen dann ihrerseits versuchen, von den zuständigen Stellen (Landesschulrat bzw. Gemeinden) Geld zu bekommen - und am Ende des Instanzenzugs liegt es am Bildungsministerium, beim Finanzressort um mehr Mittel anzuklopfen.

Das alles kann dauern. Viele Eltern, denen die Geduld fehlt, werden wohl weiterhin selbst den Malerpinsel zur Hand nehmen. Besorgnis macht sich breit. Denn, umgelegt auf das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihrem Nachwuchs und damit zu ihrer eigenen Zukunft, lässt sich ein Sprichwort abwandeln: Wie man in das Klassenzimmer hineinruft, so kommt es zurück.

Simon Hadler, ORF.at

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Publiziert am 02.02.2012