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Schreiben ohne Masterplan

T. C. Boyle schreibt Bestseller. Das alleine sagt normalerweise etwas über Autoren aus - viele liefern Fließbandthriller ab oder widmen sich in ihren pointierten Romanen Themen aus dem Alltag der Leser. Der Generalvorwurf: Massenware statt Kunst. Der Fall Boyle liegt komplizierter, wie sein neuer Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ und ein Telefoninterview mit ORF.at zeigen.

Wie die meisten Künstler sagt auch der 63-jährige Kalifornier, dass er keine Trends mag. Tatsächlich lässt sich sein Gesamtwerk schwer kategorisieren. Man könnte vielleicht von engagierter Popliteratur sprechen oder von fest in unserer Zeit verankerten Gesellschaftsromanen mit sozialem Anspruch. Die Themen Migration und Umweltzerstörung kehren seit seinem ersten Kurzgeschichtenband im Jahr 1979 („Descent of Man“) immer wieder.

In seinem nun bei Hanser auf Deutsch erschienenen (und im Hörbuch-Verlag von „Tatort“-Gerichtsmediziner Jan Josef Liefers gelesenen) jüngsten Roman geht es um Artenschutz. Ökologen im Dienste des Staates wollen auf drei Inseln invasive Spezies ausrotten, Ratten und Schweine, damit diese nicht weiter die ursprüngliche Fauna gefährden. Radikale Tierschützer kämpfen mit allen - wirklich allen - Mitteln dagegen.

Wasserleichen, wohin das Auge blickt

Der flirrende Spannungsbogen wird durch die Frage aufrechterhalten, ob es den Aktivisten mit ihren mehr als unkonventionellen Mitteln gelingen wird, den Plan der Naturparkbehörde zu durchkreuzen. Selten hat es in einem Buch so viele Wasserleichen gegeben - die Natur schlägt zurück. Umwelt- und Naturschutz scheinen momentan en vogue zu sein bei Autoren - man denke an Jonathan Safran Foers „Tiere Essen“ und Ian McEwans „Solar“.

Ihm jedoch, sagt Boyle, gehe es stets um die größeren Fragen hinter der konkreten Thematik: Wer sind wir Menschen überhaupt - und, global gesehen, wozu gibt es uns? Im Fall von diesem Roman würde das heißen: Sollen wir der Natur unter die Arme greifen, damit sie mehr dem entspricht, was wir uns unter Natur vorstellen?

Romanfiguren ein Vorleben zugestehen

Gibt es eine Legitimation für die Tötung von Lebewesen? Und wer darf solche Entscheidungen treffen? Bereits in seinem Science-Fiction-Horrorszenario „Ein Freund der Erde“ hatte Boyle gezeigt, wie trostlos er sich eine Welt vorstellt, in der von der Natur nur ein mickriger Rest übriggeblieben ist.

Boyle kommt nach Wien

T. C. Boyle liest aus seinem Buch „Wenn das Schlachten vorbei ist“ am 2. Mai um 20.00 Uhr im Wiener Rabenhof Theater.

Aber Boyle hat das Schreiben nicht umsonst beim Großmeister des amerikanischen Geschichtenerzählens gelernt - bei John Irving. Er widmet sich seinen Figuren zwar mit ironischem Augenzwinkern - vor allem begegnet er ihnen aber mit Empathie und Interesse daran, wie aus ihnen wurde, was sie sind. Von „Wassermusik“ über „World’s End“ bis „Wenn das Schlachten vorbei ist“ - jedes Mal werden bei Boyle ganze Lebensgeschichten aufgefächert, oft über Generationen hinweg.

Alte Hippies, junge Hippies

Diesmal etwa sind es zwei Generationen von Hippies, die der Autor beobachtet. Die Eltern hörten in den 60er Jahren Folk und revoltierten gegen Krieg und den konservativen Mief der Nachkriegszeit. Heute revoltiert die Gegenkultur gegen Auswüchse des Turbokapitalismus, hört Neo-Folk und setzt sich für die Umwelt ein. Das fühlt sich anders an - die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Boyle betreibt zeithistorische Gewissenserforschung.

Dabei schlägt er Volten, um einer schwarz-weißen Zeichnung von Gut und Böse zu entkommen. Der engagierte Aktivist ist ein durch und durch unsympathischer Choleriker. Die staatlich beauftragte Ökologin schwankt zwischen Bobo-Leben und Naturverbundenheit, ihr Privatleben wird im Verlauf der Handlung zur Katastrophe. Liebesbeziehungen und Lebensentwürfe geraten allerorten ins Wanken (und in Rückblenden auch zu allen Zeiten).

Buchcover

Hanser Verlag

Buchhinweis

T. C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist. Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Hanser, 464 Seiten, 23,60 Euro.

Hörbuch

T. C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist. Gelesen von Jan Josef Liefers. Der Hörverlag, acht CDs, 24,99 Euro.

Schreiben ohne Masterplan

Am Ende weiß der Leser jedenfalls nicht, ob die radikalen oder moderaten Tierschützer recht haben - oder zumindest nicht, was Boyle darüber denkt. Das sei durchaus seine Absicht, sagte er im Interview. Fragen wolle er stellen, nicht Antworten geben. Schon sein Buch „America“ über Migranten aus Mexiko im Süden der USA hatte wegen dieser Haltung zu hitzigen Debatten geführt. Beide Seiten, erzählt Boyle, hätten ihn als Anwalt für ihre Sache einspannen wollen. Aber er hält sich stets heraus und verkneift sich Kommentare - seine Leser sollten selbst entscheiden.

Das alles klingt nach einem Erfolgsrezept, an dem man, weil es einmal funktioniert hat, festhalten will: zwei Teile Spannung, ein Teil Humor, drei Teile Gesellschaftskritik zu einem diskussionswürdigen Thema, zwei Teile zwischenmenschliche Beziehungen. Kann man in der Literatur einem Masterplan folgen? Schließlich hat Boyle zu Beginn seiner Karriere einen Kurs für „Creative Writing“ besucht - und unterrichtet das Fach heute selbst an der Uni. Ist erfolgreiches Schreiben ein Handwerk?

Boyle lacht und schiebt den Vorwurf beiseite. So funktioniere das nicht. Er recherchiere für seine Bücher Fakten, das dauere jeweils rund drei Monate - weil seine Romane immer einen wahren Hintergrund hätten. In „Wenn das Schlachten vorbei ist“ gibt es genau den Konflikt, den er beschreibt. Aber dann, nach der Recherche, würde die Geschichte „von selbst“ zu ihm kommen. Wenn er zu schreiben beginne, wisse er nicht, wie sich die Handlung entwickeln werde, er gebe sich keine Struktur vor - von wegen Masterplan.

Ein Schweineleben

Ob Erfolgsrezept oder nicht, man muss Boyle zugutehalten, dass er kein literarischer Wellenreiter ist. Er schrieb auch über soziale Themen, als das Ende der 80er und in den 90er Jahren (nicht nur) unter Autorenkollegen als viel zu wenig hip, viel zu wenig distanziert und viel zu wenig postmodern galt. Auf seine Weise bleibt Boyle sich, seinen Anliegen und letztlich seinen Lesern treu. Sein besonderer Verdienst ist, dabei weder dröge zu moralisieren noch sein Publikum zu langweilen.

Boyle sagt seinen Lesern nicht, wie man leben oder wie man Politik gestalten soll. Aber im Interview bekommt man einen Eindruck davon, wie er sich die perfekte Welt vorstellt. Mit Schalk in der Stimme erzählt er von einem schönen Erlebnis aus Studententagen. Gemeinsam mit einem Freund habe er im Feld vor einer Hippiefarm bekifft gedöst. Geweckt wurden sie von den beweglichen, feuchten Stupsnasen kleiner Schweine, die frei herumrennen durften. Später seien die zwar geschlachtet worden. Aber davor hätten sie wenigstens ein ordentliches Leben führen dürfen - ein „Piggy Life“.

Simon Hadler, ORF.at

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