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Tausende flüchten in den Süden

Die Lage im Grenzgebiet zwischen dem Sudan und dem Südsudan spitzt sich wegen immer neuer Gewaltausbrüche in der Region zu. Nach Angaben von Hilfsorganisationen haben seit vergangenem November 80.000 Menschen aus dem umkämpften sudanesischen Bundesstaat Blue Nile (Blauer Nil) in zwei Lagern in einer entlegenen Region des Südsudan Zuflucht gesucht.

Auch in anderen Bundesstaaten, vor allem in Südkordofan und Abyei, ist die Lage angespannt, und es kommt immer wieder zu Übergriffen. Tausende verließen bereits ihre Heimat oder sind als Binnenvertriebene im Sudan auf Hilfe angewiesen. Die meisten suchen im Südsudan Zuflucht. Der im vergangenen Sommer ausgerufene Staat ist mit dem Zustrom jedoch völlig überlastet. Es steht zu befürchten, dass sich die humanitäre Krise trotz Warnungen zu einer Katastrophe - ähnlich wie vor einem Jahr in Somalia - ausweitet.

Zwei sudaneische Frauen tragen einen Sack mit Hilfgütern

Reuters/Hereward Holland

Flüchtlinge in der südsudanesischen Kleinstadt Pibor

Die Situation sei dramatisch und „ein logistischer Alptraum“, sagte Julien Matter, Koordinator des Nothilfeeinsatzes der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, am Donnerstag. Vor dem Einsetzen der Regenzeit im kommenden Monat sei es dringend notwendig, genügend Lebensmittel in die Flüchtlingscamps zu schaffen, betonte er.

Tiefes beiderseitiges Misstrauen

Zwischen 1955 und 2005 führten die Rebellen aus dem Süden zwei Kriege um ihre Unabhängigkeit gegen den Norden. Der Konflikt verwüstete das Land, kostete Millionen Menschen das Leben und führte zu einem tiefen beiderseitigen Misstrauen zwischen dem christlich geprägten Süden und dem mehrheitlich islamischen Norden.

Tagelang mit wenig Wasser unterwegs

„Die Regenzeit dauert sechs bis sieben Monate, deshalb planen wir, die Hilfen jetzt noch in die Lager zu bringen.“ Zudem versuche Ärzte ohne Grenzen, noch vor Ende April dringend benötigte Kliniken aufzubauen. Die meisten Flüchtlinge seien bis zu sechs Tage zu Fuß unterwegs gewesen, um die Camps Doro und Jamam im Südsudan zu erreichen. „Wasserquellen gibt es unterwegs nicht, deshalb mussten sie Trinkwasser mit sich bringen“, erklärte Matter.

Die Vereinten Nationen erwarten, dass die Zahl der Flüchtlinge bis Ende des Jahres auf 185.000 steigen könnte. Sie riefen deswegen im Februar die internationale Gemeinschaft zu zusätzlichen Spenden in Höhe von 145 Millionen Dollar (109 Millionen Euro) für die humanitäre Unterstützung der Flüchtlinge auf. „Die Hilfen werden dringend benötigt, denn die Flüchtlinge müssen manchmal wochenlang marschieren, um sich in Sicherheit zu bringen - ohne Lebensmittel und Wasser, und während sie im Busch leben“, sagte UNHCR-Afrika-Direktor George Okoth-Obbo.

Unklarheiten bei Grenzziehung

Nach der Teilung des Sudan im Juli 2011 ist noch immer unklar, zu welchem Land - Sudan oder Südsudan - bestimmte Grenzgebiete künftig gehören sollen. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen, bei denen die sudanesische Armee gegen Rebellengruppen kämpft, die Verbindungen zur im Südsudan regierenden Partei SPLM (Sudanesische Volksbefreiungsbewegung) haben. Ein geplantes Referendum, das zu einer friedlichen Lösung führen könnte, fand bisher nicht statt.

Südsudaneische Familie bei einer Bahnstation im Sudan

Reuters/Mohamed Nureldin Abdallah

Die UNO und die sudanesische Regierung organisierten Züge in den Südsudan

In der umkämpften Region am Blauen Nil leben rund 800.000 Menschen, die meisten von ihnen sind Bauern. „Der größte Teil der Flüchtlinge sind Familien, die ihren ganzen Hausrat und ihr Vieh mitbringen“, erklärte das UNHCR. Seine Organisation hilft vor allem denen, die nach den Strapazen der Reise medizinische Hilfe brauchen.

Der Faktor Öl

Durch die Unabhängigkeit sind dem Südsudan drei Viertel der ursprünglich sudanesischen Ölreserven zugefallen, die Pipeline-Infrastruktur befindet sich indes unter der Kontrolle des Nordens.

„Hilfen dringend aufstocken“

Es gebe aber bereits jetzt besorgniserregende Versorgungslücken, so Matter: Jeder Flüchtling erhalte derzeit täglich knapp acht Liter sauberes Wasser - das sei weit weniger als das für Flüchtlingssituationen empfohlene Mindestmaß von 15 bis 20 Litern pro Tag. „Und die einzigen Lebensmittel, die die Leute haben, sind die, die von Hilfsorganisationen gebracht werden.“ Die Organisationen müssten ihre Hilfen dringend aufstocken, denn ein Ende des Flüchtlingsstroms sei nicht abzusehen, hieß es.

Spendenmöglichkeit

SOS-Kinderdorf bittet um Spenden für die Nothilfeaktion im Südsudan:
PSK 15 66 00 0 (BLZ 60000), Kennwort „Nothilfe Südsudan“

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