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Journalisten in Händen des Geheimdiensts?

Zwei in Syrien festgenommene türkische Journalisten werden einem Zeitungsbericht zufolge vom Regime in Damaskus als menschliches Faustpfand festgehalten. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wolle sie gegen neun in die Türkei geflüchtete syrische Generäle austauschen, berichtete die türkische Tageszeitung „Türkiye“ am Montag.

In die Verhandlungen über eine Freilassung der Journalisten seien auch Regierungen von Drittstaaten wie etwa des Iran eingeschaltet. Der Reporter Adem Özköse und sein Kameramann Hamit Coskun waren bei der grenznahen syrischen Stadt Idlib von regierungstreuen Milizen verschleppt worden. Sie sollen sich in den Händen des Geheimdienstes befinden. Idlib gehört zu den Hochburgen der Proteste gegen das Regime.

Menschen demonstrieren für die Freilassung zweier türkischer Journalisten

Reuters/Osman Orsal

Vor der syrischen Botschaft in Istanbul fordern Demonstranten die Freilassung der beiden Journalisten

Türkei warnt Syrien vor Fehler

Ein Sprecher des türkischen Außenministeriums wollte etwaige Verhandlungen offiziell nicht bestätigen. Er sagte am Montag auf Nachfrage, aus Syrien habe es keine offizielle Anfrage zu einem Austausch gegeben. Ein solcher sei auch nicht möglich. Eine Auslieferung von Menschen, die in der Türkei Unterschlupf gefunden hätten, entspreche nicht der türkischen Staatstradition. Außenminister Ahmet Davutoglu hatte Syrien gewarnt, einen Fehler zu begehen.

Die Zahl syrischer Flüchtlinge in der Türkei stieg unterdessen am Montag auf 16.079. Am Wochenende seien weitere Menschen wegen der Gewalt in ihrem Heimatland über die Grenze in die Türkei gekommen, sagte ein Sprecher des türkischen Außenministeriums. Die Türkei baute in den vergangenen Tagen weitere Zelte und Containersiedlungen für die Aufnahme von Syrern auf. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi (AA) berichtete, bei Islahiye solle ein Feldlazarett mit einer Kapazität von 70 Betten errichtet werden.

Aufstand wird in Zentren getragen

Mit dem Vorstoße in Damaskus versuchen die Aufständischen, die Revolte in die beiden Machtzentren des Regimes zu tragen. Gelingt es ihnen, in der Wirtschaftsmetropole Aleppo und der Hauptstadt Damaskus die Lage zu destabilisieren, könnte das die noch vorhandene Unterstützung in der Bevölkerung für das Regime treffen und die Machtposition von Präsident Baschar al-Assad ernsthaft erschüttern.

Gefechte rücken Assad näher

Unterdessen gehen die Gefechte in und um Damaskus weiter. Mehr als 80 Menschen wurden nach Angaben von Aktivisten am Montagvormittag bei heftigen Gefechten in Außenbezirken der Hauptstadt Damaskus getötet. Der in Damaskus aktive Oppositionelle Heitham al-Abdullah sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass unter den Toten etwa 50 regimetreue Soldaten seien. Es habe sich um die schwersten Gefechte im Zentrum von Damaskus seit Beginn des Volksaufstands vor einem Jahr gehandelt, sagte der Leiter der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman.

Das syrische Regime geht hingegen von völlig anderen Zahlen und auch einem anderen Hergang aus. In dem Viertel al-Massa seien drei „Terroristen“ und ein Mitglied der Sicherheitskräfte getötet worden, berichtete hingegen der staatliche Fernsehsender al-Ichbarija. Ein viertes Mitglied der in einem Wohnhaus verschanzten Gruppe sei festgenommen worden. Al-Ichbarija wies zugleich Berichte zurück, wonach bei den Gefechten 80 Menschen getötet und 200 verletzt worden seien.

Sicherheitskräfte inspizieren Gebäude nach Explosion

Reuters

Syrische Sicherheitsleute untersuchen einen Bombenanschlag in Damaskus vom Wochenende

Die Kämpfe waren auch laut Medienberichten in der Nacht zwischen Regierungstruppen und Rebellen der „Freien Syrischen Armee“ ausgebrochen. Nachrichtensender berichteten auch von mehreren Explosionen im Nobelviertel al-Massa westlich des Stadtzentrums, wo sich auch viele Botschaften befinden. In der Früh sperrten Truppen von Präsident Baschar al-Assad laut Opposition zahlreiche Straßen und durchsuchten Häuser nach Rebellen.

Viertel wurde abgeriegelt

Eine Frau, die in der Gegend lebt, berichtete telefonisch von Explosionsgeräuschen. „Die Sicherheitspolizei hat verschiedene Seitenstraßen blockiert, und die Straßenbeleuchtung wurde ausgeschaltet“, sagte sie. Außerdem würden Hubschrauber über dem Stadtteil kreisen. Wie auch der arabische Nachrichtensender al-Jazeera in der Früh unter Berufung auf Aktivisten meldete, seien im Al-Massa-Viertel westlich des Stadtzentrums mindestens fünf Explosionen zu hören gewesen.

Nach Angaben des Senders sind in al-Massa auch mehrere Regierungseinrichtungen und Botschaften untergebracht. Das Viertel ist eines der am schärfsten bewachten in der gesamten Hauptstadt.

Blutiges Wochenende

Die neuen Kämpfe in Damaskus folgten auf ein blutiges Wochenende. Am Samstag waren in Damaskus zwei Sprengsätze vor Gebäuden von Sicherheitsbehörden explodiert. Am Sonntag gab es einen Anschlag ebenfalls mit einer Autobombe in der zweitgrößten Stadt Aleppo.

Allein am Samstag wurden nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur SANA und von Oppositionellen mehr als 30 Menschen bei drei Explosionen in der Hauptstadt in den Tod gerissen. Am Sonntag explodierte ein weiterer Sprengsatz in Aleppo. Oppositionsaktivisten teilten mit, dass drei Menschen getötet und mindestens 25 verletzt wurden. Laut SANA starben ein Mitglied der Sicherheitskräfte und eine Frau. 30 weitere Menschen seien verletzt worden. Wegen der Medienblockade des Assad-Regimes ist eine unabhängige Überprüfung der Meldungen kaum möglich. Seit fast drei Monaten gibt es in der Krisenregion immer wieder Bombenanschläge auf Institutionen der Sicherheitskräfte.

Die Regierung macht „Terroristen“ für die Attentate verantwortlich, die Opposition das Regime selbst. Seit Beginn des Aufstandes gegen das Regime am 15. März 2011 wurden laut UNO-Schätzungen mindestens 8.000 Menschen getötet. Syrische Aktivisten gehen von mehr als 9.000 Toten aus.

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